Am Bildschirm statt draussen: Hundetraining in Zeiten von Corona

Screenshot Online-Hundetraining

Alexandra Müller lobt ihren Appenzeller-Mix Balou für die Übung.

Carmen Epp

Not macht erfinderisch
Damit Hunde auch in der Corona-Krise trainiert werden können, setzen einige Hundetrainer auf Videokonferenzen. Gerade Welpen und Junghunde profitieren davon.

Während die Massnahmen des Corona-Lockdowns allmählich gelockert werden, bleibt das klassische Hundetraining draussen oder in Hundehallen bis auf Weiteres verboten. Statt zähneknirschend abzuwarten, haben einige Hundetrainer aus der Not eine Tugend gemacht und auf Online-Training umgestellt. So auch Agatha «Agi» Bieri aus Fulenbach SO.

Bereits nach ihrer Ausbildung zur Hundetrainerin im November 2018 hat sie die Möglichkeit von Online-Trainings ins Auge gefasst. «Nur war das damals noch zu früh», erinnert sich Bieri. «Die Kunden wollten lieber Eins-zu-Eins-Trainings.» Nun, da dies vorläufig nicht mehr möglich ist, komme das Angebot sehr gut an, gerade bei Welpen- und Junghundebesitzern. Fast dreissig Online-Trainings habe sie in ihrer Hundeschule «6 Pfoten – 1 Team» mit bisher zehn Kunden durchführen können, «Tendenz steigend».

Kamera auf Halterin und Hund gerichtet
Um zu verstehen, wie die Online-Hundeschule funktioniert, durfte «Tierwelt online» einer Lektion beiwohnen. Das Vorgehen ist denkbar einfach: Man installiert das Programm für Videokonferenzen – in diesem Fall «Zoom» – auf dem Laptop oder dem Handy, registriert sich und erhält dann einen Zugangscode von Bieri. Zur vereinbarten Zeit erscheinen dann nach und nach alle Teilnehmerinnen mit Bild und Ton auf dem Bildschirm.

Diesmal sind es neben Agi Bieri die Mehrhundehalterin Liliana Fichera aus Flumental SO mit der zwölf Wochen alten Dalmatiner-Hündin Imala und Ersthundehalterin Alexandra Müller aus Oberbipp BE. Beide machen mit beim Online-Welpenkurs: Müller mit ihrem fünf Monate alten Appenzeller-Mix Balou und Fichera. Da sich letztere gerade von einem Missgeschick erholen muss, springt die elfjährige Dalmatiner-Hündin Anouk für einmal ein. Frauchen kann das Gelernte später auch bei der kleinen Imala umsetzen.

Das Thema der heutigen und für die beiden Halterinnen zweiten Lektion lautet: Aufmerksamkeit. Mittels Powerpoint-Präsentation, die Agi Bieri am Bildschirm mit allen teilt, wird zuerst die Theorie erklärt. Dann richten die Hundehalterinnen ihre Handykameras auf sich und ihre Hunde und führen die Übungen unter der Anleitung von Bieri aus.

Szenen aus dem Online-Hundekurs mit Agi Bieri

Neben den ersten Schritten für Welpen können auch weitere Themen behandelt werden wie die Leinenführigkeit, der Rückruf oder Probleme, die in der Zwischenzeit aufgetaucht sind. «Gewisse Trainings kann der Hundehalter gut alleine machen. Bei anderen ist es besser, wenn jemand das Handy in der Hand hält und mitläuft, wie etwa bei der Leinenführigkeit.»

Liliana Fichera und Alexandra Müller sind dankbar für die Möglichkeit, ihre Hunde auch in der Corona-Krise trainieren zu können. Gerade für Welpen und Junghunde ist die Phase zu Beginn ihres Lebens entscheidend, um die wichtigsten Umgangsformen zu lernen. «Ist das Verhalten einmal gefestigt, ist es weitaus schwieriger, es wieder abzutrainieren», sagt Bieri. «Gerade das Ziehen an der Leine zum Beispiel sollte so früh wie möglich verhindert werden.» Und angesichts der lockeren Stimmung, die während der Stunde am Bildschirm herrscht, erstaunt es doch, dass sich die Frauen bis jetzt noch nie live getroffen haben. Die Hundeschülerinnen wurden beide auf der Suche nach einer Trainingsmöglichkeit via Facebook auf Agi Bieri aufmerksam. Ein persönliches Kennenlernen findet dann nach Corona statt.

Der Bildschirm bringt auch Vorteile
Auch wenn die Art des Trainings gewöhnungsbedürftig ist und die Technik ihre Tücken hat – zum Beispiel wenn das Handy runterfällt oder ausfällt, weil es an der Sonne zu heiss kriegt –, so sieht Hundetrainerin Bieri auch entscheidende Vorteile am Online-Training: «Ich kann eins zu eins mit den Kunden sprechen, Powerpoint-Präsentationen einfliessen lassen oder sogar auch Videos», führt sie aus. «Ausserdem kann ich die ganze Stunde aufnehmen und im Anschluss den Kunden zur Verfügung stellen. So können sie sich die Aufzeichnung wieder anschauen, falls sie sich beim Üben nicht mehr ganz so sicher sind.» Auch spielt die Distanz beim Online-Training keine Rolle. So können auch Kunden mit Bieri trainieren, die weiter weg wohnen.

In einigen Punkten eigne sich das Online-Training gar besser als die Arbeit auf dem Hundeplatz, so Bieri. Bei sehr aufgeregten Hunden etwa könne es von Vorteil sein, wenn die Halter in der gewohnten Umgebung trainieren können ohne dass eine dritte Person physisch dabei ist. Auch das Alleinebleiben lasse sich so optimal trainieren. «Der Hundehalter kann den Raum verlassen und ich via Handy- oder Laptopkamera beobachten, wie sich der Hund verhält und entsprechendes Feedback geben. Und das dort, wo das Alleinebleiben dann auch wirklich stattfindet, nämlich zuhause.»

 

Screenshot Online-Hundetraining

Natürlich habe das Online-Training auch Grenzen, sagt Bieri. So brauche es etwa bei verhaltensauffälligen Hunden so oder so ein intensives Live-Training. Auch der Kontakt zu anderen Hunden könne mit Videokonferenzen nicht kompensiert werden, obwohl der gerade für Welpen so entscheidend wäre. So lange eine «Welpenförderstunde» in der Corona-Krise nicht möglich ist, empfiehlt Bieri den Besitzern, im Verwandten- oder Bekanntenkreis nach älteren, gut sozialisierten und verträglichen Hunden zu fragen. Und sich mit denen – natürlich unter Einhaltung der Schutzmassnahmen – auf einem Feld oder einer Wiese zu treffen. «Welpen können körpersprachlich von erwachsenen Hunden profitieren», sagt Bieri.

Petition fordert Öffnung
Dass Hundetraining derzeit nur online möglich ist, liegt daran, dass der Bundesrat Hundetraining in die Gruppe der «Freizeitbeschäftigungen» einreiht. In diesem Bereich sind sämtliche Aktivitäten bis auf Weiteres verboten und Vereinsplätze oder Hundehallen geschlossen. Über eine eventuelle Lockerung entscheidet der Bundesrat frühestens Anfang Juni. Eine Petition fordert nun aber die Öffnung der Hundeschulen spätestens am 11. Mai. Zu den Unterzeichnenden gehört auch Agi Bieri. Dass die privaten Hundeschulen als Vereine eingestuft werden, findet sie nicht richtig. «Wir bezahlen von unseren Einnahmen Sozialleistungen und müssen unser Einkommen versteuern, sind also Unternehmer. Und ich habe einige Kollegen, die im Moment um ihre Existenz bangen.» Ausserdem finden Hundetrainings ja meist im Freien statt, wo die Distanzen gewahrt und allfällige Ansteckungen zurückverfolgt werden können, genau so wie dies bei Coiffeuren und Kosmetikerinnen der Fall sei.

Ob der Bundesrat auf die Forderung der Hundetrainer eingeht und ab wann das klassische Hundetraining draussen wieder stattfinden kann, bleibt unklar. Für Agi Bieri steht jedoch fest, dass sie das Online-Training auch nach der Corona-Krise weiterhin anbieten möchte – etwa um das Alleinebleiben zu trainieren oder bei Hunden, die auf dem Platz zu aufgeregt wären. So spiele denn auch die Distanz keine Rolle mehr. «Wenn ich eine Kundin habe, die weiter weg wohnt und mit mir trainieren möchte, mache ich das selbstverständlich weiterhin möglich.»

Autor

Carmen Epp

Carmen Epp

Kurz nach ihrem ersten Einsatz für die «Tierwelt» 2014 hat sich Redaktorin Carmen Epp – fürs Hunde-Ressort zuständig – einen Traum erfüllt und sich einen Hund zugelegt – auf Spesen, wie man munkelt. Nach einem kurzen Abstecher in ihre Heimat, den Kanton Uri, kehrte sie zur «Tierwelt» und ins Hunde-Ressort zurück. Daneben betreut sie die Ressorts «Natur und Umwelt» sowie die Leserkolumnen, während Boston Terrier Chippy unter dem Tisch schnarchend sein Redaktionshundedasein geniesst – und so manchen Input fürs Hunde-Ressort liefert.

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