Das Leid der Hundewelpen

Hund im Einkaufswagen

Ware Hundewelpe: Der Handel booot in Corona-Zeiten und ist oft mit Tierleid verbunden.
 

Tatyana Kuznetsova/Shutterstock

Tierspital Zürich
In den letzten Wochen meldet sich das Tierspital Zürich in den Medien mit einem eindringlichen Appell zu Wort. Immer öfter werden dort Hundewelpen behandelt, die schwer krank sind. Beim Kauf von Tieren muss besser hingesehen werden.

Man würde denken, es habe sich herumgesprochen: Welpen soll man nur von seriösen, ausgewiesenen Züchtern oder Händlern kaufen – und gerade Angebote im Ausland sollten kritisch unter die Lupe genommen werden. Doch viele scheinen die Warnungen in den Medien zu ignorieren oder sind tatsächlich unwissend. Und so war in letzter Zeit von einem regelrechten «Corona-Welpen-Boom» zu lesen, wobei die Tierbabys meist aus dem Ausland stammen.
 
Die Folgen bekommt das Tierspital Zürich zu spüren. «Tierwelt online» fragte bei Iris M. Reichler nach, die in der Kleintierfortpflanzung arbeitet: «Wir sehen im Schnitt wöchentlich einen bis zwei Fälle schwerst erkrankter Welpen», sagt sie.

Erschütternde Diagnosen
Wenn die Besitzer mit ihren neuen Lieblingen ins Tierspital kommen, muss Reichler oft dieselben Diagnosen stellen: «Magen-Darm-Entzündungen, verursacht durch Parasitenbefall, in schlimmen Fällen zusätzlich Parvovirose, eine von Parvoviren übertragene Hundeseuche. Diese Viren befallen vor allem schnell teilende Zellen und führen zu einer sehr schweren Darmentzündung mit Zerstörung der Darmschleimhaut.» Zudem würden sie die Zellen im Knochenmark angreifen, etwa die weissen Blutkörperchen. Dadurch werde das bei jungen Welpen noch unreife Immunsystem sehr stark beeinträchtigt.

Für viele der oft ahnungslosen Besitzerinnen und Besitzer folgt bei solchen Diagnosen das böse Erwachen. «Aber praktisch alle haben damit nicht gerechnet und haben Angst um ihr neues Familienmitglied», weiss Reichler. Die meisten seien zudem schockiert, schuldbewusst und ärgern sich, dass sie auf den Kauf hereingefallen sind. Der «Beobachter» schrieb aber vor kurzem auch, dass viele Besitzer nicht bereit seien, die Behandlungskosten zu übernehmen. 

«Wichtig ist, dass man sich Welpen stets am Herkunftsort anschauen sollte, dass man sich niemals einen Hund liefern lassen sollte, ganz gleich welche Gründe dafür angegeben werden.»
Iris M. Reichler

Plötzlich kommt das schlechte Gewissen – und wird ignoriert
«In der Regel ist ihnen bei der Übergabe bewusst, dass der Kauf nicht seriös ist, aber da haben sie den Welpen bereits gesehen und treten dann auch nicht mehr von Kauf zurück», erklärt Reichler. «Von einigen Besitzern habe ich gehört, dass die Internetseite, der Kaufvertrag mit Kopf eines Tierrechtsanwalts oder einer Tierschutzorganisation sehr seriös gewirkt hat, insbesondere das Anpreisen von Impfungen, Chip, EU-Heimtierpass mit Abstammungsurkunde, in der Familie aufgewachsen eccetera.»

Dass auch der Preis ein Positionierungemerkmal ist, spielen manche Händler gnadenlos aus. «Auch ein hoher Preis scheint die Käufer zu überzeugen, dass es ein seriöses Angebot ist. Und häufig sind sind sie der Meinung, sie würden einen Hund aus einer guten deutschen Zucht kaufen», sagt Reicher. 

Viel Aufklärungsarbeit notwendig
Betroffen sind vor allem Hundewelpen, die dann im Tierspital landen. Doch was ist mit anderen Tieren, etwa Katzen? Dieser Handel sei, sofern er denn stattfinde, weniger auffällig, sagt die Tierärztin.

Um weiteres Tierleid zu verhindern, ist noch viel Information notwendig, aber auch andere Massnahmen. Das Tierspital Zürich stehe in in regem Austausch sowohl mit den Veterinärämtern, den Tierschutzorganisationen als auch den Ständevertretung, sagt Reichler. «Sehr wichtig ist uns allen die Aufklärung, dass man sich Welpen stets am Herkunftsort anschauen sollte, dass man sich niemals einen Hund liefern lassen sollte, ganz gleich welche Gründe dafür angegeben werden.»

Wichtige Tipps vor dem Kauf
Reichler hat weitere Tipps: «Bei reinrassigen Welpen kann man sich beim Zuchtverband zudem über den Züchter erkundigen. Sehr wichtig ist auch, dass es eine Entscheidung für die nächsten zehn bis fünfzehn Jahre ist, die im Vorfeld sehr gründlich mit allen Eventualitäten überlegt werden sollte.» Ganz wichtig sei es des Weiteren, alle Importbedingungen zwingend einzuhalten. Für Käufer sei es zwar schwierig, den Chip im Welpen mit dem Impfpass zu vergleichen. «Möglicherweise sollte man das daher vor Ort bei der Polizei oder beim Tierarzt überprüfen lassen, bevor man in den Kauf einwilligt.»

Und noch etwas liegt Reichler am Herzen: dass man sich vor dem Kauf eines Welpen Gedanken über das Geschäft macht, das dahinter steckt: «Welpenhandel gibt es in ganz verschiedenen Formen – legal wie illegal, aus schlechten, verdreckten Hinterhöfen bis hin zu sterilen Massenzuchtanlagen. Allen gemein ist, dass nicht der Hund im Vordergrund steht, sondern das schnelle Geld.»

Damit verbunden sei unglaublich viel Tierelend: «Nicht nur dass die Welpen auf oder nach dem Transport häufig schwer erkranken, sondern auch die nicht tiergerechte Haltung der Elterntiere.» Darüber hinaus spiele beim Welpenhandel weder die Erbgesundheit der Elterntiere noch die Sozialisierung der Welpen eine Rolle, im Unterschied zu seriösen Zuchten, die sehr viel Aufwand auf die Auswahl gesunder Elterntiere und viel Zeit in eine gute Welpenaufzucht stecken. Darum rät Reichler: «Augen auf beim Welpenkauf!».

Autor

Leo Niessner

Leo Niessner

Leo Niessner ist «Tierwelt»-Online-Redaktor, Social-Media-Manager und News-Feed-Leser. Er berichtet gerne über Flora und Fauna oder über Menschen, die sich um Flora und Fauna verdient machen, und schöpft in den Bergen Energie. Er mag Tiere. Und Musik. Am liebsten solche, in der Tiere vorkommen – zu hören in den Spotify-Listen zu jeder «Tierwelt»-Ausgabe, die er mit der Redaktion Woche für Woche zusammenstellt. Und ja, er spielt auch selber Musik. Sein grösster Traum: eine eigene «Arche Leo», in der alle Tiere dieser Welt Platz haben. Mit einem VIP-Sektor für bedrohte Arten.  

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