«Die Menschen wollten Tiere shoppen, wie Pullover»

Hund im Tierheim
Hunde und andere Streuner dürfen in taiwanischen Tierheimen nicht mehr eingeschläfert werden (Symbolbild).
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Lockdown-Tiere
Wegen Kurzarbeit und Homeoffice verbrachten zu Beginn der Pandemie viele mehr Zeit zu Hause. So lag der Gedanke nah, sich endlich das langersehnte Haustier zuzulegen. Doch leider geht das auf Kosten der Tiere, denn viele von ihnen werden nun, mit den Corona-Lockerungen, im Tierheim deponiert.

Wer ganz ehrlich ist, muss zugeben, dass die Pandemie nicht nur schlechtes hervorgebracht hat. Besonders Tierhalter haben von der Homeoffice-Pflicht profitiert. Über den Mittag lag ein Spaziergang mit dem Hund drin, beim Zvieri stand Kuscheln mit der Katze auf dem Programm. 

So manch einer, der schon lange von einem Haustier geträumt hat, sah im vergangenen Jahr ihre Chance — endlich genug Zeit für einen vierbeinigen Begleiter. So überlegten viele nicht lange und legten sich ein Tier zu. Für Sandra Müller, Mitglied der Geschäftsleitung beim Tierschutz Beider Basel (TBB), und ihr Team eine schwierige Situation, wie sie im Interview mit «Tierwelt» erzählt. 

«Es war chaotisch. Wo wir sonst etwa vier Interessenten für eine Katze haben, waren es während der Lockdowns bis zu siebzig. Wir überprüfen die Bewerbungen gründlich und das braucht seine Zeit. So wurden viele ungehalten und sprangen wieder ab.

Interessenten wollten «Tiere shoppen»

Es schien, als wollten viele «Tiere shoppen». «Ungeduld und wenig Interesse daran, sich damit auseinanderzusetzen, welche Aufgaben man als Halter hat, waren allgegenwärtig. Es sollte einfach schnell ein Tier her.» 

So hatte das Tierheim an der Birs, das vom TBB betrieben wird, im vergangenen Jahr kaum Vierbeiner zur Vermittlung. Ähnliches berichtet Rommy Los, Geschäftsführer beim Zürcher Tierschutz: «Während des Lockdowns, war das Interesse an unseren Tierheimbewohnern sehr gross. Aber ich persönlich habe das Gefühl, dass sich viele zu wenig Gedanken darüber gemacht haben, wie viel Zeit ein Haustier in Anspruch nimmt.» 

Seit nun rund vier Monaten ist die Homeoffice-Pflicht nun aufgehoben und ein grosser Teil der Arbeitnehmer ist zurück am Arbeitsplatz. Für Tiere und Besitzer, die im Lockdown zusammengefunden haben, eine ganz neue Erfahrung und nicht selten eine, die besonders den Menschen überfordert. 

Haben Sie sich während der Lockdowns ein Haustier angeschafft?

Auswahlmöglichkeiten

«Rückgabewelle kann noch kommen»

«Wir merken, dass die Anzahl an Abgabetieren langsam wieder zunimmt. Nicht ganz in dem Ausmass, wie es in anderen Ländern passiert, aber wir haben wieder deutlich mehr Tiere, die ein neues Zuhause suchen», sagt Rommy Los. In Basel ist die Situation eindeutiger. «Es fällt auf, wie viele Findelkatzen aktuell bei uns landen. Das ist aussergewöhnlich», sagt Sandra Müller. 

Die Tierschützerin vermutet, dass die Tiere aufgrund von Unwissen und Gleichgültigkeit im Tierheim landen. «Da schnell und einfach eine Katze hermusste, haben sich die neuen Besitzer nicht darüber informiert, wie man einen Freigänger vorbereiten muss — dass das Zeit braucht. Die Tiere gehen raus, sind überfordert und finden nicht mehr zurück.» Nur selten werde nach den Findeltieren gesucht. «Wahrscheinlich ist es einigen auch egal, ob die Katze wieder zurückkommt. Dann hat sich das Problem von allein erledigt.»

Bei beiden Stiftungen ist man verhalten optimistisch, was die Rückgabewelle der Lockdown-Tiere angeht. «Ich denke schon, dass es noch zu einer Rückgabewelle kommen kann. Man muss aber fairerweise sagen, dass sich aktuell das Homeoffice für viele etabliert hat und sie darum ihre Tiere immer noch gut betreuen können», schliesst Rommy Los aus Zürich ab, schliesst Rommy Los aus Zürich ab und Sandra Müller hofft, «dass wir nun wieder vollständig unserer Arbeit mit den Tieren und deren Vermittlung kümmern können. Es war aufreibend, so viele Interessenten zu haben, bei denen das Tierwohl nicht an erster Stelle steht.»

 

Autor

Redaktorin Berit-Silja Gründlers

Berit-Silja Gründlers

Berit-Silja Gründlers ist Online-Redaktorin bei der «Tierwelt». Privat hat sie vom Guppi bis zum Kaltblut schon so ziemlich jedes Haustier angeschleppt und hat darum daheim «Tier-Verbot». Das aktuellste und grösste Projekt ist ihre 15-jährige Mèrens-Stute, die sie aus einem spanischen Touristen-Stall gerettet hat und der sie mit viel Geduld zeigt, dass Menschen auch ganz nett sein können. Besonders, wenn sie Kekse in der Tasche haben. 

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