«Für die Tiere ist es wie eine Art Einschlafen»

Hund muss eingeschläfert werden

Wenn ein geliebtes Tier gehen muss, ist es für den Menschen beruhigend zu wissen, was mit ihrem Liebling passiert.

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Interview zum Euthanasieren
Haustiere müssen am Ende oft beim Tierarzt erlöst werden. Claudia Kümmerle, Oberärztin an der Klinik für Kleintiermedizin der Universität Zürich, erklärt, was dabei vor sich geht und wieso das Einschläfern auch nach 20-jähriger Erfahrung für sie keine Routine ist.

Frau Kümmerle, wie häufig müssen Sie oder Ihre Kolleginnen im Klinikalltag ein Tier euthanasieren?
Rund einmal pro Woche. Es kommt natürlich stark auf den Bereich an, in dem man tätig ist. In der Kleintierreproduktionsmedizin mit all den Welpen und Kaiserschnitten hat man als Tierärztin viel weniger oft mit einem schwer kranken Tier zu tun als etwa in der Inneren Medizin.

Sprechen Sie gegenüber Ihren Kundinnen von «Euthanasieren» oder «Einschläfern»?
Auf das Wort «Einschläfern» verzichten wir sehr bewusst – insbesondere wenn Kinder dabei sind. Studien haben gezeigt, dass diese in der Folge Einschlafprobleme entwickeln können. Ich sage meist «wir erlösen das Tier nun» oder «Wir verabschieden uns nun von ihm gemeinsam».

Sie erleben vermutlich immer wieder tragische Momente?
Die Reaktionen sind höchst individuell. Manche Besitzer brauchen Zeit und möchten beispielsweise erzählen, was sie mit ihrem Tier alles erlebt haben.

Haben Sie überhaupt die nötige Zeit, die Besitzer in diesen schweren Momenten zu begleiten?
Das versuchen wir wirklich! Wir geben zum Beispiel unsere Telefone ab, damit wir während dem Termin nicht gestört werden und uns ganz dem Tier und seinem Menschen widmen können. Wir sorgen auch dafür, dass die womöglich aufgelösten Besitzer anschlies­send nicht durch den vollen Warteraum gehen müssen, wenn sie das nicht möchten. 

««Michael Jackson hat sich dieses Mittel auch gespritzt – weil es für gute Träume sorgt.» »
Claudia Kümmerle

Wissen wir eigentlich, dass die Tiere beim Sterben keine Schmerzen empfinden?
Ja, das wurde untersucht. Wir verwenden Narkosemittel und für die Tiere ist es wirklich wie eine Art Einschlafen. Zuvor spritzen wir den Tieren ein Mittel, dass sie wegdösen lässt. Michael Jackson hat sich dieses Mittel auch gespritzt, weil es für gute Träume sorgt.

Ist es schwierig, die richtige Dosis zu finden?
Überhaupt nicht. In der Tiermedizin gehen wir in Bezug auf Medikamente sehr genau vor. Beim Menschen heisst es einfach eine Tablette pro Tag – egal ob der Patient vierzig oder neunzig Kilogramm schwer ist. Bei den Tieren wird alles aufs Tiergewicht umgerechnet.

Euthanasieren ist vermutlich der billigste Eingriff überhaupt?
Euthanasie ist zwar nicht extrem teuer, aber sie kostet auch nicht nur ein paar Rappen. Wir legen einen Venenzugang, je nach Situation kommt eine Notfalltaxe dazu. Es kommt auch darauf an, ob die Tiere kremiert, der Tierkörperbeseitigung übergeben oder auf einen Tierfriedhof überführt werden sollen.

Kein einfacher Entscheid in dieser Ausnahmesituation.
Ja, viele sind im ersten Moment überfordert. Sie können ihre Tiere darum bei uns in einem gekühlten Raum lassen und sich in Ruhe überlegen, wie der Abschied aussehen soll.

Haben Sie selber auch Haustiere?
Ja! Aktuell habe ich einen Hund und als Kind hatte ich Hunde, Katzen und ein Pferd. Wenn mein Tier krank ist, bin ich keine Medizinerin mehr, sondern eine besorgte und ziemlich nervige Haustierbesitzerin. Ich habe also sehr viel Verständnis für jeden, der sich grosse Sorgen macht um seinen Liebling.

Tierärztin Claudia Kümmerle

Zur Person:

Claudia Kümmerle ist Oberärztin an der Klinik für Kleintiermedizin der Universität Zürich – Vetsuisse-Fakultät. Sie ist verheiratet und hat drei Kinder. In ihrer Freizeit wandert, joggt und schwimmt sie gerne.

Stellt sich bei Ihnen mit der Zeit nicht eine Art Routine ein?
Ich bin nun schon seit fast zwanzig Jahren klinisch tätig und kann klar sagen: Nein, zur Routine wird Euthanasieren nicht. Als Tierärztin möchte ich das Beste für das Tier – das halte ich mir immer wieder ganz bewusst vor Augen. Aber wenn beispielsweise eine alte Dame kommt mit ihrem noch älteren Hund, die ausser dem Hund niemanden mehr hat … das geht mir natürlich nahe und ich nehme mir für sie so viel Zeit, wie möglich.

Ihr Mitgefühl bezieht sich vor allem auf den Menschen?
Das Tier tut mir auch sehr leid — aber dem Tier kann ich helfen, indem ich es von seinen Schmerzen erlöse. Der Mensch hingegen bräuchte eine Trauerbegleitung, da kann ich nur beschränkt helfen. Wir weisen aber auf entsprechende Angebote hin, wenn jemand danach fragt.

Gibt es auch Halter, die ihre Tiere quasi vorschnell einschläfern wollen?
Das ist eher selten, kommt aber vor. Meist haben die Betroffenen kein Geld oder sonstige Lebensprobleme. Wir euthanasieren ein Tier aber nicht einfach so. Entscheidend ist immer die Frage der Lebensqualität. Wenn beispielsweise erwartet werden kann, dass ein Hund nach einer Bein-Operation quasi schwanzwedelnd aus der Praxis spaziert, gibt es keinen Grund zur Euthanasie. In solchen Fällen gibt es unter anderem die Möglichkeit, das Tier vertraglich an uns zu überschreiben. Anschliessend kann es vermittelt werden.

Autor

Andrea Trueb

Andrea Trueb

Andrea Trueb hat die Diplomausbildung Journalismus am MAZ in Luzern absolviert und die letzten zwanzig Jahre auf verschiedenen Redaktionen gearbeitet. Ihr Privatleben teilt sie unter anderem mit Sittichen und Katzen.

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