Hauskatzen: «Viele Tiere sind unterbeschäftigt»

Hauskatze auf dem Sofa

Stress beziehungsweise Aggressionen und Depressionen sind bei Indoor-Katzen ein grosses Thema.

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Interview
Nicht alle Katzen sind für ein Leben ohne Freigang gemacht. Eine Verhaltensmedizinerin klärt auf, worauf es bei der Wohnungshaltung ankommt und wann es dem Tier nicht gut geht.

Frau Lentze: Hand aufs Herz: Würden Katzen freiwillig drinnen leben? 
Es gibt tatsächlich Katzen, die nicht rauswollen. Ich kenne Tiere, die haben ein Katzentörchen und nutzen es nicht. Es gibt Katzen, die müssen nicht zwingend rausgehen, um glücklich zu sein.

Ist es eine Frage des Charakters?
Der Charakter spielt sicherlich eine Rolle. Es liegt aber auch am Erfahrungsschatz, den die Katzen in ihrem bisherigen Leben machen konnten. Katzen fühlen sich in vertrauter Umgebung sicherer. Teilweise fürchten sie sich vor dem Unbekannten.

Welche Rassen gehören denn zu den «Stubenhockern»?
Perser sind oft vom Charakter her eher gemütlich oder fast schon faul. Es muss aber nicht zwingend eine Rassekatze sein. Auch gewöhnliche Hauskatzen können sich drinnen wohlfühlen. Vorausgesetzt, es entspricht ihrem Wesen und sie haben nie draussen gelebt.

Ein Bauernhof-Büsi sollte man also nicht als Wohnungstier halten?
Wenn eine Katze schon draussen gelebt hat, ist es nicht fair, sie reinzunehmen. Solche Tiere haben ein grösseres Weltbild. Ihnen fehlt in der Wohnung auf Dauer etwas und sie werden unglücklich.

Und umgekehrt? 
Das ist kaum ein Problem. Wohnungskatzen finden sich nach einer Umgewöhnung draus­sen meist gut zurecht. 

Tanja Lentze

Zur Person
Die auf Verhaltensmedizin spezialiasierte Tierärztin Tanja Lentze ist Teilhaberin der Tierarztpraxis Bärn West. Das Verhalten, die Lebensweise und die Psyche der Tiere interessieren sie besonders.

Wo liegt die grösste Schwierigkeit bei der Indoor-Haltung?
Viele der Tiere sind unterbeschäftigt. Das geht nicht nur auf die Psyche. Wenn ich nichts zu tun habe, dann fresse ich halt. Entsprechend sind viele Wohnungskatzen übergewichtig, was gesundheitliche Probleme mit sich bringt.

Auch, weil sie sich in der Wohnung zu wenig bewegen?
Meist nimmt eine Wohnungskatze ziemlich schnell ab, wenn man sie ins Freie lässt. Aber: Wenn eine Katze eine Maus jagt, sitzt sie ja auch stundenlang am gleichen Ort. Eine grös­sere Wohnung ist also nicht unbedingt besser als eine kleine. Viel wichtiger ist die Strukturierung und dass man sich mit dem Tier im Alltag beschäftigt.

Wie sieht denn eine ideale Katzen-Wohnung aus?
Katzen nutzen alle drei Dimensionen. Darum brauchen sie hohe Ausgucke. Das muss nicht zwingend ein teurer Kratzbaum sein. Man kann ihnen Schränke zugänglich machen oder beim Bücherregal ein Tablar für sie freiräumen und andere Klettermöglichkeiten anbieten. Weiter wollen sie beobachten, ohne gesehen zu werden. Sie sitzen gerne in Körben mit hohen Rändern oder Katzenhöhlen. Sie lieben es auch, sich zu verstecken. Dazu reicht bereits ein Tuch, das man über einen Stuhl hängt oder eine Kartonschachtel, die man ins Zimmer stellt. Damit die Möbel nicht leiden, sollte man zudem genügend Kratzmöglichkeiten anbieten. Eine sehr ordentliche Wohnung, in der alles seinen Platz hat, ist langweilig für die Katze. Da fehlt ihr die Erkundungsmöglichkeit.

Wie steht es um die Katzenklos?
Als Faustregel gilt: Toiletten sollten «Anzahl Katzen plus eine» vorhanden sein. Sie sollten genügend gross und nicht gedeckt sein und man sollte sie an verschiedenen Orten platzieren.

Soll man seine Katze ins Schlafzimmer lassen?
Es kommt etwas auf die Wohnung an und die Zeit, die man mit der Katze verbringt. Daneben ist entscheidend, wie gross und «wild» die Familie ist. In jedem Fall brauchen Katzen Rückzugsmöglichkeiten. Sie schlafen oder dösen täglich 11 bis 16 Stunden. In dieser Zeit sollten sie ungestört sein können. Lebt man mit dem Tier in einer Zweizimmerwohnung, sollte es keine Tabu-Räume geben. 

««Aus Katzensicht könnte man es als Vorteil betrachten, dass sie nicht überfahren werden.»»
Tanja Lentze

Wie viel Spielzeit braucht denn eine Wohnungskatze?
Man muss nicht eine Stunde am Stück mit seiner Katze spielen. Die meisten Tiere würden das gar nicht wollen. Aber es braucht mehrere Interaktionen am Tag und diese sollte man individuell gestalten. Nicht alle Katzen spielen gerne. Manche schmusen lieber. Viele Katzen riechen auch gerne. Man kann seine Schuhe also ruhig mal stehen lassen, wenn man von draussen kommt, oder unterwegs mal einen Hund streicheln und die Katze dann an der Hand schnuppern lassen. Auch Futterspiele sind eine gute Beschäftigung. Man kann beispielsweise Trockenfutter in eine Pet-Flasche mit Löchern füllen oder das Futter für die Katze verstecken.

Brauchen Wohnungskatzen spezielles Futter?
Kalorienreduziertes Futter kann gegen das Übergewicht helfen. Generell gilt: Nicht zu viel füttern und das Futter reduzieren, wenn die Tiere erwachsen oder kastriert sind.

Man soll Indoor-Büsi also kastrieren?
Unbedingt. Bei Weibchen kann es sonst zu Gebärmutterveränderungen und Zysten auf den Eierstöcken kommen. Unkastrierte Männchen haben einen grossen Freiheitsdrang und wollen raus – vor allem, wenn rollige Weibchen in der Nähe sind. Die drehen dann wirklich fast durch in der Wohnung und können aggressiv werden oder beginnen zu markieren. Zudem können sie stinken wie Tiger.

Wie sieht es denn mit der Psyche von Wohnungskatzen aus? 
Stress ist ein grosses Thema. Aggressionen, Harnmarkieren und Depression kommen oft vor. Der Stress kann sich auch körperlich auswirken. Indoor-Büsi leiden zum Beispiel überdurchschnittlich oft an stressbedingten Blasenproblemen. Sie haben dann blutigen Urin, Harnabsatzstörungen und Schmerzen ohne medizinische Ursache.

Können gesunde Katzen als reine Hauskatzen leben?

Auswahlmöglichkeiten

Was löst diesen Stress aus?
Viele Leute haben das Gefühl, es muss einen offensichtlichen Stressfaktor geben. Zum Beispiel Handwerker im Haus, ein Umzug in eine andere Wohnung oder die Geburt eines Kindes. Sehr oft ist der einzige Stress aber die Lebensbedingung.

Die Besitzer müssen also die Lebensumstände anpassen. Tun sie das auch?
Leider nicht immer. Wenn eine Katze krank, unsauber oder aggressiv wird, reagieren die Besitzer. Weil es halt lästig ist, wenn die Katze reinmacht oder ständig Hände und Füsse angreift. Ein Grossteil der Tiere gibt mit der Zeit aber einfach auf und fällt in eine Art Depression. Diese Katzen liegen dann viel rum und sind nicht mehr aktiv. Das stellt für die Besitzer kaum ein Problem dar. Darum handeln sie auch nicht.

Was geht für Sie gar nicht bei der Wohnungshaltung? 
Wenn ein Tier den ganzen Tag alleine zu Hause ist. Wer vollberufstätig ist und nicht auf ein Büsi verzichten kann, soll sich mindestens zwei Tiere anschaffen. Ich befürworte grundsätzlich bei Wohnungshaltung zwei Katzen. Artgenossen können wir mit aller Liebe und Aufmerksamkeit nicht ersetzen. Ich empfehle gleichgeschlechtliche Pärchen. Bei gemischten Paaren ist das Weibchen mit den wilden Spielen des Katers sehr oft überfordert. Es gibt Katzen, die leben 16 Jahre in Angst. Die trauen sich dann kaum unterm Sofa hervor.

Gibt es auch Vorteile bei der Indoor-Haltung?
Bei Handicap-Büsi oder solchen mit einer ansteckenden Krankheit hat man manchmal gar keine andere Wahl. Auch an stark befahrenen Strassen ist das Rauslassen schwierig. Aus Katzensicht könnte man es als Vorteil betrachten, dass sie nicht überfahren werden. Die Diskussion darüber ist aber fast schon philosophisch. Ich persönlich lasse meine trotz allfälliger Gefahren lieber raus, suche mir aber entsprechend meine Wohnung aus. Ich selber riskiere im Strassenverkehr ja auch immer wieder mein Leben. Deswegen käme es mir nicht in den Sinn, nicht mehr aus dem Haus zu gehen.

Andrea Trüb

Ja, Katzen können auch «indoor» gehalten werden. Und ja, ich finde die entsprechende Forderung berechtigt – im Wissen darum, dass ich mir damit unter den Katzenhaltern keine oder bestenfalls wenig Freunde schaffe. Ich muss zudem gestehen, dass meine eigenen beiden Katzen Freigänger sind. Sie gehen nach Lust und Laune bei mir aus und ein, tragen blutige Kämpfe aus mit anderen Freigängerkatzen, versäubern sich in den benachbarten Vorgärten und bringen regelmässig angekaute Blindschleichen und Vögel mit nach Hause. Letzteres ist es dann auch, das mich am uneingeschränkten Recht der Katzen auf Freigang zweifeln lässt. Wie vielen anderen Tierfreunden auch, liegt mir nämlich nicht nur das Wohl meiner eigenen Tiere am Herzen, sondern eben auch das von den in meiner Umgebung frei lebenden Wildtieren beziehungsweise unseres Ökosystems. Die Katzendichte in Schweizer Siedlungsgebieten ist schlicht zu hoch – was nicht nur für die Wildtiere, sondern nicht selten für die Katzen selbst ein Problem darstellt. Bei mir zeugt ein beachtlicher Stapel Tierarztrechnungen infolge von Revierkämpfen davon. Meine beiden langjährigen Freigänger deshalb auf Stubenbüsi umzupolen ist weder sinnvoll nach machbar. Sollte ich künftig aber je wieder einer neuen Katze ein Zuhause bieten, werde ich über eine Indoor-Haltung nachdenken. Wobei ich selbstverständlich für bestmögliche Bedingungen – Platz, Gesellschaft, Beschäftigung – sorgen muss. Idealerweise mit einem gesicherten Aussenbereich. Oder aber ich werde auf eine neue Katze verzichten – obwohl mir dies mit Sicherheit extrem schwerfällt.

Livio Stöckli

Nein, Katzen sollen nicht in der warmen Stube zu «Schosskätzchen» verpampert werden. Natürlich, das Argument leuchtet ein: War die Katze zeitlebens drinnen, kennt sie die Aussenwelt nicht – und wird deren Verheissungen nicht missen. Alles gerechtfertigt also, heisst es seitens «indoor»-Verfechter. Nur stimmt das so nicht ganz. Erstens ist es eine egoistische Haltung, unter Berufung auf hohe Arztkosten, Verunreinigung und Biodiversität der Katze die Freiheit zu entziehen. Denn das sind alles Probleme, mit denen wir uns letzten Endes als Halter nicht herumschlagen wollen, dabei wäre es so einfach: Der Katze ein Glöcklein umbinden oder die Gärten etwas naturnaher gestalten, mit guten Verstecken für Vögel zum Beispiel, hilft der Natur ungemein sich vor der Jagdsucht der Samtpfoten zu retten. Zweitens aber ist die Indoor-Haltung schlicht nicht artgerecht. Wir können nicht den Tiger im Zoo lamentieren, während sich zu Hause unsere Katze hinter Doppelglasscheiben die Vöglein vom Himmel runterwünscht. Die physische Gesundheit spricht sicher für den Stubenkater – die psychische aber klar dagegen, denn die Innenhaltung verlangt konstante Unterhaltung, sonst leiden die Tiere unter Inaktivität, Stress und Fettleibigkeit. Dabei muss man sich als Halter auch fragen, ob der eigene Terminkalender diese Unterhaltung zulässt. Könnte die Katze wählen zwischen dem Ausleben ihrer Triebe und persönlicher Hygiene und Gesundheit, siegen die Triebe. Könnte die Katze wählen zwischen einem aufregenden Leben draus­sen, wenn auch mit Gefahren, und einem überbeschützten Dahinvegetieren bis ins hohe Alter – was wäre ihr da wohl lieber?

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