«Kleine Hunde werden oft nicht ernst genommen»

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Ob Chihuahua, Yorkshire Terrier, Powder Puff oder Mischling: Kleine Hunde wollen verstanden werden.
Susan Schmitz?/?shutterstock.com
Hundetrainerin Marlen Brandenberg
Minihunde unterscheiden sich nicht nur in der Grösse von ihren Artgenossen. Auch ihre Bedürfnisse sind andere, wie Marlen Brandenberg erklärt, die sich als Hundetrainerin und Verhaltensberaterin auf kleine Hunde spezialisiert hat.

Frau Brandenberg, Chihuahua, Yorkshire Terrier & Co. sind oft kleiner als so manche Katze, spielen sich aber auf, als wären sie zehnmal so gross. Woran liegt das?
Das liegt vor allem daran, dass kleine Hunde oft nicht richtig verstanden und von Haltern in Situationen gedrängt werden, in die man grössere Hunde gar nicht erst bringen würde. Weil – und da liegt das Hauptproblem – kleine Hunde oft nicht ernst genommen werden. Irgendwann verschaffen sie sich dann halt einfach selber lautstark Gehör. 

Es gibt also kein «Gen für Grössenwahn», das man ihnen gemeinhin unterstellt?
Natürlich nicht. Vielen scheint aber nicht bewusst zu sein, dass auch ein kleiner Hund je nach Rasse für einen bestimmten Zweck gezüchtet wurde und dieser «Job» gewissermas­sen genetisch verankert ist. Doch während man dem Rottweiler, der im Garten wacht, seine Aufgabe zugesteht, wird der Bolonka Zwetna, der bellt, wenn es an der Haustür klingelt, als «blöder Kläffer» beleidigt. Dabei macht auch er einfach nur das, wofür er gezüchtet wurde – und das sogar ziemlich gut.  

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Marlen Brandenberg (42) ist seit 2009 als Hundetrainerin und seit 2015
hauptberuflich als Verhaltensberaterin tätig und hat sich mit ihrer Hundeschule
unter anderem auf Kleinhunde spezialisiert. Sie wohnt mit ihrem Partner,
der elfjährigen Chihuahua-Hündin Ella und der fünfjährigen Akita-Hündin
Miyuki in Hüntwangen ZH. www.tschigi-school.ch
  Bild: ZVG

Wissen die Hunde, wie klein sie sind?
Dass die Welt zum Teil für ihn ein bisschen zu gross ist, weiss der kleine Hund sehr wohl. Schliesslich ist er tagtäglich damit konfrontiert. Etwa, wenn er eine Wiese betreten soll, deren Gras seinem Herrchen gerademal bis zum Knöchel reicht, für ihn aber die Dimension eines Urwalds hat. Dass er findet, er sei zu klein, denke ich allerdings nicht (lacht).  

Böse Zungen behaupten, Chihuahua & Co. seien «gar keine richtigen Hunde» ...
Sowas sagen meist die, die noch nie einen kleinen Hund hatten. Dass man ihnen damit Unrecht tut, weiss man erst, wenn man sie kennenlernt. Ich spreche aus Erfahrung.  

Inwiefern?
Bis vor 13 Jahren konnte ich als Jagdhunde-Halterin mit Minihunden nichts anfangen und war selbst voller Vorurteile. Im Rahmen meines ehrenamtlichen Engagements bei Vier Pfoten nahm ich dann notgedrungen, aber sehr widerwillig, eine junge Chihuahua-Hündin bei mir auf. Seither bin ich überzeugt, dass es nichts Tolleres gibt, als so einen kleinen Hund zu halten, ihm Sicherheit zu geben und zu einem selbstbewussten Wesen zu verhelfen. Die Chihuahua-Hündin war bis zu ihrem Tod vor fünf Jahren meine engste Begleiterin und gab mir ein Zusammengehörigkeitsgefühl, das ich mit einem grossen Hund bis dahin nie erleben konnte. 

Soll man kleine Hunde behandeln wie gros­se – oder doch nicht?
Das Wichtigste im Umgang mit allen Hunden ist die Fähigkeit, sie lesen zu können. Denn nur wenn man den Hund versteht, kann man auch mögliches Fehlverhalten verändern. Da spielt die Grösse keine Rolle. Weshalb nicht nur Halter von grossen, sondern auch von kleinen Hunden sich unbedingt das nötige Wissen in der Hundeschule einholen sollten.  

Braucht es für die Erziehung eines kleinen Hundes wirklich eine Hundeschule?
Wenn in der Hundeschule lediglich Kommandos wie «Sitz!», «Platz!» oder «Fuss» im Zentrum stehen, muss der Besuch nicht sein – auch für grosse Hunde nicht. In den meisten Hundeschulen geht es inzwischen nicht mehr nur um solche Gehorsam-Übungen, sondern um das Verständnis der Hundesprache. Darin sollten sich auch Kleinhundehalter schulen lassen. Denn von ihrem Wesen und den Emotionen unterscheiden sich kleine Hunde nicht von ihren grossen Artgenossen.

Auf Ihrer Website schreiben Sie aber, dass es «gravierende Unterschiede zwischen kleinen und grossen Hunden» gebe ... 
Hier meine ich zum Beispiel die Perspektive, aus der ein Hund die Welt sieht. Wenn ich mit meinem Chihuahua und meiner Akita-Hündin einen Hügel hochlaufe, sieht die Gros­se längst den Velofahrer kommen, während die Kleine noch nichts ahnend an einem Grashalm schnuppert. Das heisst, ich muss mit einem kleinen Hund anders kommunizieren, ihn etwa früher auf Gefahren hinweisen. Auch die ganze Körperhaltung gegenüber einem kleinen Hund muss viel feiner sein. Sonst wirkt man als Mensch schnell bedrohlich, auch wenn man dem Kleinen bloss ein Leckerli zustecken will. Zudem sind kleine Hunde schwieriger zu lesen, weil Körpersignale auf Wadenhöhe eher übersehen werden. 

Klingt, als wären kleine Hunde nicht unbedingt einfacher zu halten?
Klar bringen kleine Hunde einige Vorteile mit sich: Man kann sie ins Flugzeug mitnehmen, sie fallen in Hotels und Restaurants weniger auf und so weiter. Das Handling und das Verständnis von Kleinhunden ist aber mindestens genau so anspruchsvoll wie bei grösseren Hunden. Man muss als Kleinhundehalter auf andere Dinge achten, auch was die Gefahren im Alltag angeht. 

Leben Kleinhunde gefährlicher? 
Besitzer von kleinen Hunden leben sicher mit einer anderen Angst als jene mit grossen Hunden. So kann der Sprung vom Sofa für einen Chihuahua mit einem Beinbruch oder sogar tödlich enden. Dessen muss man sich als Kleinhundehalter bewusst sein – und solchen Gefahren vorbeugen.

Dann trägt man kleine Hunde also besser auf dem Arm oder in einer Tasche?
Es gibt durchaus gute Gründe, einen kleinen Hund zu tragen. Wenn ich ihr dadurch Sicherheit geben und eine unangenehme Situation ersparen kann, nehme ich meine Chihuahua-Hündin auch auf den Arm oder in die Tasche. Dies etwa, wenn ein grosser Hund ohne Leine angerannt kommt oder die Kleine in der Stadt unter die Füsse von Passanten kommen würde. Wenn es aber nur darum geht, sein neustes Gucci-Täschlein zu präsentieren, bin ich gegen Hundetaschen. 

Auf dem Arm werden dem Hund aber doch Kontakte zu Artgenossen verwehrt? 
Hundefreundschaften entstehen nicht auf der Hundewiese, wenn es heisst «Achtung, fertig, Leinen los!» Solche kurzfristigen Fremdhundekontakte schaden eher, als dass sie nützen. Das trifft auf Hunde jeder Grösse zu. Kleinhundehaltern ist das bewusster, weil es meist ihre Hunde sind, die bei solchen Begegnungen unter die Räder kommen. Wenn der kleine Hund aber Artgenossen auf Spaziergängen kennenlernt und regelmässig trifft, ist dieser Kontakt und die Förderung der Hund-Hund-Kommunikation durchaus wünschenswert. 

Apropos Spaziergänge: Brauchen kleine Hunde genauso viel Bewegung wie grosse? 
Auch hier muss man sich des Hundes und seiner Verhältnisse bewusst sein. Ein Chihuahua macht auf einer Strecke viel mehr Schritte als beispielsweise ein Dalmatiner. Das muss auf Spaziergängen berücksichtigt werden. Wenn ich mit meinen beiden Hunden spazieren gehe, habe ich stets eine Umhängetasche dabei, damit ich die Kleine auf dem Rückweg tragen kann. Oder wenn ich in den Wald gehe, trage ich sie durch das dornige Dickicht und lasse sie dafür anschliessend an einer tollen Stelle ausgiebig schnüffeln. Wichtiger als die Länge der Spazierstrecke ist das, was man währenddessen erlebt.

Autor

Carmen Epp

Carmen Epp

Kurz nach ihrem ersten Einsatz für die «Tierwelt» 2014 hat sich Redaktorin Carmen Epp – fürs Hunde-Ressort zuständig – einen Traum erfüllt und sich einen Hund zugelegt – auf Spesen, wie man munkelt. Nach einem kurzen Abstecher in ihre Heimat, den Kanton Uri, kehrte sie zur «Tierwelt» und ins Hunde-Ressort zurück. Daneben betreut sie die Ressorts «Natur und Umwelt» sowie die Leserkolumnen, während Boston Terrier Chippy unter dem Tisch schnarchend sein Redaktionshundedasein geniesst – und so manchen Input fürs Hunde-Ressort liefert.

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