Maunzerei um Mitternacht

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Erst wenn die Katze lernt, dass ihr Miauen nichts bringt, wird sie damit aufhören.
Ian Wilson/Flickr
Tierwelt 04/2014
Selbst wenn man seine Katze über alles liebt: Veranstaltet sie Nacht für Nacht ein «Konzert», kann das den geduldigsten Besitzer an den Rand des Nervenzusammenbruchs treiben. 

Jede Nacht beginnt der Wahnsinn von Neuem. Während Frau M. um drei Uhr tief und fest schlummert, wird sie plötzlich energisch geweckt. Auf ihrem Bett hockt der geliebte Kater Alvaro. Und miaut. Er miaut und miaut und miaut. Bis Frau M. die Nerven verliert, endlich aufsteht, ihn streichelt, füttert und sich um ihn kümmert. Das Schlimme: Danach kann sie kein Auge mehr zutun. Seit mittlerweile zwei Jahren ist sie nie richtig ausgeschlafen, hat deshalb Kopfweh, bekam sogar schon Probleme wegen Unaufmerksamkeit am Arbeitsplatz. Und ihr Ehemann ist aus dem gemeinsamen Schlafzimmer ausgezogen und in das Gästezimmer übersiedelt. Das ist längst nicht das Ende der Kettenreaktion, die Alvaro in Gang gesetzt hat. Das nächtliche Miauen dringt ausserdem durch die hellhörigen Wände bis ins Schlafzimmer der Nachbarn. Die haben mittlerweile den Vermieter informiert. Frau M. ist am Ende ihrer Kräfte. 

Alvaro ist kein Einzelfall. Es gibt viele Katzenbesitzer, die den nächtlichen Terror kaum noch ertragen können. Sie sehnen sich nach einem neuen Leben mit der alten Katze. Der Weg ist nicht ganz einfach: Zuerst muss abgeklärt werden, ob es einen gesundheitlichen Grund gibt. Hat die Katze Diabetes, miaut sie nachts aufgrund von Hungerattacken. Auch eine Überfunktion der Schilddrüse kann zu nächtlicher Gesprächigkeit führen. Schmerzen sowieso. Der erste Schritt auf dem Weg zur Heilung führt zum Tierarzt, der eine gründliche Untersuchung durchführt.

Alvaro hat gelernt, mit Hartnäckigkeit auf sich aufmerksam zu machen
Für den Terror, den Alvaro auf seine Besitzerin ausübt, konnte keine körperliche Erkrankung verantwortlich gemacht werden. Was er aufführt, bezeichnen Tierärzte mit dem Fachbegriff «Hypervokalisation». Es gehört in die Kategorie der «aufmerksamkeitsfordernden Verhaltensweisen». Es ist keine Verhaltensstörung per se, sondern eher ein störendes Verhalten. 

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 Bild: cygnus921/Flickr

Aufmerksamkeitsforderndes Verhalten entsteht, der Name sagt es, durch den Wunsch nach Aufmerksamkeit. Dafür setzen Katzen meist das Miauen ein, denn sie haben längst gelernt, dass das der effektivste Weg ist, um mit uns Menschen zu kommunizieren. In selteneren Fällen benützen sie auch ihre Krallen, damit man sich ihnen widmet. Der Schlüssel, ob sich das unerwünschte Verhalten festigt oder nicht, liegt in der Reaktion des Besitzers. Sobald er füttert, spielt, streichelt oder die Samtpfote ins Zimmer lässt, hat sie gelernt, dass ihr Miauen zum Ziel führt. Am meisten wird das Verhalten verstärkt, wenn der Besitzer nicht immer, sondern nur gelegentlich wie gewünscht reagiert. Oder wenn er zunächst standhaft bleibt, nach einer halben Stunde dann aber doch aufsteht und sich dem Tier zuwendet. Dann hat die Katze gelernt, dass es sich lohnt, auch eine halbe Stunde zu maunzen. Der Grundmechanismus ist einfach: Katzen lernen durch Erfahrungen, die sie machen. Sie wiederholen ein Verhalten, wenn sie damit positive Resultate erzielen. 

Der härteste Teil der Therapie ist das konsequente Ignorieren des Gemaunzes
Um Katzen wie Alvaro erfolgreich zu therapieren, braucht es die konsequente Mitarbeit des Besitzers. Als Erstes musste Frau M. dafür sorgen, dass alle wichtigen Ressourcen für Alvaro rund um die Uhr zugänglich sind: Ein stets gefüllter Napf oder eine immer offene Tür zum Katzenklo oder zum Zimmer mit dem Kratzbaum sind Beispiele dafür. Tabu: Die Katze nachts wegzusperren. Möglich, dass der Besitzer dann zwar wieder in Ruhe schlafen kann, das eigentliche Problem ist aber nicht gelöst. Dann beginnt der härteste Teil der Therapie. Egal ob bei Tag oder in der Nacht: Die Katze bekommt beim Miauen keinerlei Aufmerksamkeit! Das erfordert viel Geduld und Kraft, ist aber die einzige Lösungsmöglichkeit. Achtung: Anfangs kommt es häufig zu einer Erstverschlechterung, denn die Katze weiss nicht, warum sie plötzlich beim Miauen ignoriert wird und versucht es umso hartnäckiger und ausdauernder. Vielleicht wendet sie sogar Tricks an. Alvaro etwa warf die Lampe vom Nachtisch. Aber schon nach zehn Tagen besserte sich sein Gemaunze deutlich. 

Parallel zum Ignorieren des Miauens startete Frau M. ein neues Unterhaltungsprogramm für Alvaro, denn er schlief tagsüber meist ausgiebig, um nachts zu Hochform aufzulaufen. Also gab es jeden Abend eine Spiel­einheit extra, mindestens 20 Minuten. Danach bekam Alvaro sein Futter und legte sich schlafen. Anfangs schlich er sich nach wie vor um drei Uhr ins Schlafzimmer und begann sein Gezeter. Frau M. jedoch rüstete sich mit Ohrstöpseln aus und blieb regungslos liegen. Leicht war das nicht, aber es half. Nach zwei Wochen ausgiebiger Abendspiele und Reaktionslosigkeit in der Nacht schlief Frau M. erstmals durch. Eine Woche später blieb ihr Kater bis sieben Uhr in der Früh in seinem Körbchen. 

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