Neue Frische für Fische

Auffangstation der Müller-Brüder

In der Auffang­station in Sursee leben 2000 Fische in 150 Aquarien.

Luc Müller

Auffangstation
Fische im Aquarium sind bunt und schön – doch viele Besitzer verlieren schon nach kurzer Zeit das Interesse daran und wollen die Tiere loswerden. Zwei Brüder springen in solchen Fällen mit ihrer Auffangstation ein.

Aquarien seien Gefängnisse für Fische. «Sie gehören eigentlich nicht in solche Becken», sagt Elias Müller. Der Satz sitzt. Tausende Fischaugen glotzen einen in diesem Moment an – der Raum ist voll mit rund 150 Aquarien. In der einzigen Auffangstation für Zierfische der Schweiz betont der Mitgründer dieser Station weiter: «Ich habe mich schon als Kind mit Aquarien und Fischen beschäftigt. Wir hatten zu Hause 50 Aquarien. Ich lebe seither immer mit dem Widerspruch, dass man die Tiere eigentlich nicht einsperren sollte.»

Der 25-Jährige, im Hauptberuf Primarlehrer, kümmert sich seit zwei Jahren zusammen mit seinem 22-jährigen Bruder Andrin in einem Industriegebiet im Sursee LU um Fische aus Aquarien, welche die Besitzer nicht mehr haben wollen. Die beiden haben inzwischen einen Verein gegründet, der hinter der Auffangstation mit dem Namen «AquaLuz» steht. Die Station ist am Sonntag jeweils ohne Voranmeldung von 12 bis 16 Uhr geöffnet, während der Woche nach Vereinbarung. Um diese zu betreiben, ist eine Bewilligung vom Veterinäramt nötig, zudem hat Elias Müller einen Sachkundenachweis abgelegt, wie er für Tierheime benötigt wird.

«Angefangen haben wir in einem kleinen Kellerraum. Nun haben wir einen rund 250 Quadratmeter grossen Raum gemietet, in dem wir uns um die Tiere kümmern.» Grösster Kostenfresser ist der Strom, der unter anderem die Luftpumpen in den Aquarien antreibt. Bis zu 3500 Franken zahlen die beiden dafür pro Jahr. «Das ist schon lange kein Hobby mehr, sondern eher ein 60-Prozent-Job», erklärt Müller.

Das Bedürfnis nach einer solchen Auffangstation war von Beginn an gross. Rund 2000 Fische versorgen die Müller-Brüder aktuell. «Wir haben hier nur Süsswasserfische. Die Haltung von Meeresfischen wäre viel aufwendiger», sagt Elias Müller. 70 Arten tummeln sich in den Becken. Fast die Hälfte davon sind Antennenwelse oder Guppys. Sie gehören zu den beliebtesten Aquarienfischen. Ab und zu beherbergen die Müllers auch Raritäten: so beispielsweise Arowanas oder Welse aus Wildfang.

Finden Sie es gut, dass Fische zuhause in Aquarien gehalten werden?

Auswahlmöglichkeiten

Nach Umzug kein Platz mehr
«Wildfänge gehören meiner Meinung nach nicht in ein Aquarium. Sie sind an ihre natürliche Umgebung gewöhnt, die man mit einem noch so grossen Aquarium nicht nachstellen kann.» Fische werden auch ab und zu an Zoos vermittelt. Aktuell wartet ein 70 Zentimeter langer Haiwels darauf, in ein grosses Auarium verlegt zu werden, wie es vor allem die Zoos besitzen.

Warum werden die Fische von den Besitzern abgegeben? «Wir hören viele Geschichten. Wir bohren nicht nach, uns geht es nur um das Wohl der Tiere.» Und Elias Müller doppelt nach: «Die meisten Besitzer erzählen, dass sie umgezogen sind und nun keinen Platz mehr für ein Aquarium haben.» Viele verloren zudem nach kurzer Zeit das Interesse an einem Aquarium. «Die Fische sind oft nur ein Dekoartikel. Und plötzlich realisiert man, dass die Fischhaltung doch aufwendig ist.»

So muss das Wasser in einem Aquarium mindestens wöchentlich gewechselt werden und das Becken auch öfters geputzt werden. Ungenügende Wasserqualität, zu klein dimensionierte Aquarien, fehlende Strukturen und Rückzugsmöglichkeiten und ungeeignete Vergesellschaftungen zählen zu den häufigsten Haltungsfehlern. Das hat 2019 eine Recherche des Schweizerischen Tierschutzes STS aufgedeckt. Auch das unkontrollierte Vermehren von Fischen ohne entsprechende Abgabemöglichkeiten führt gemäss STS zu Tierleid.

«Fische sind empfindsame Tiere. Anders als Hunde oder Katzen können sie ihren Schmerz oder ihre Bedürfnisse nicht einfach durch Laute vermitteln», sagt Müller. Einige Fische füttert er von Hand. «Ich bin überzeugt, dass sie mich erkennen. Fische können durchaus Gefühle zeigen.» Durchschnittlich drei Monate bleibt ein Fisch bei «AquaLuz», bis er vermittelt wird. Innerhalb eines Jahres hätten alle Fische jeweils ein neues Zuhause gefunden. Nur ein Tier – ein Messerfisch – lebt nun schon seit zwei Jahren in der Station. «Einen neuen Besitzer für ihn zu finden ist schwierig, weil er ein sehr gros­ses Becken braucht.»

Der Strom an hilfesuchenden Fischen reisse aber nie wirklich ab. Kaum seien die einen Tiere weg, schon würden die Becken von neuen Zöglingen belegt. «Ich sage immer überspitzt, dass wir es hier mit Ausschussware zu tun haben. Entweder werden die Fische ins WC runtergespült, in Seen gekippt – oder sie kommen zu uns.» Die Fische und alte Aquarien können kostenlos abgegeben werden – wer einen Fisch adoptiert, zahlt dafür einen Unkostenbeitrag. Damit und mit dem Verkauf von Zubehör und Futter finanziert sich «AquaLuz», der auch auf Spenden angewiesen ist.

Aquarium für Einsteiger

Als Einsteigerausrüstung empfiehlt Elias Müller ein Aquarium mit einem Fassungsvermögen von 300 Litern. Er sieht eine südamerikanische Bepflanzung für das Aquarium vor. 30 Fische von drei Arten soll das Becken beherbergen: unter anderem Zwergbuntbarsche und Salmler sind seine Empfehlung. Elias Müller selber, als Aquarium-Profi, würde nie ein Becken unter 800 Liter Fassungsvermögen nutzen.

Falsche Vorstellungen
«Fische können sehr alt werden», sagt Müller, «wir haben hier einen 35-jährigen Wels. Er kann sicher doppelt so alt werden.» Das sei auch ein Punkt, den Fischbesitzer am Anfang unterschätzen: Fische vermehren sich auch im Aquarium und so lebt die Fischpopulation  fast ewig. «Es ist heute immer noch ein gros­ses Problem, dass sich die Leute vor dem Kauf von Fischen viel zu wenig informieren.» Sie hätten zudem falsche Vorstellungen: vor allem farbig und gross sollten die Tiere sein. «Man kann aber nicht einfach wild durcheinander ein Aquarium mit Fischarten füllen. Mehr als drei Sorten sollten sich ohnehin nicht in einem Becken tummeln.» Zudem werden die Männchen in der Paarungszeit sehr aggressiv und verletzen sich – so platziert Elias Müller Fische auch von einem Aquarium ins andere um.

Der Schweizer Tierschutz STS schätzt, dass in der Schweiz rund drei Millionen Zierfische in privaten Aquarien leben. Die Fische werden heute nicht mehr wie früher in der Zoohandlung gekauft, sondern per Internet. «Online gibt es keine Auskünfte oder Hinweise zur Haltung der Fische. Hier kann einfach jeder unkontrolliert bestellen», ärgert sich Elias Müller. Und so werden wohl auch in Zukunft noch viele Fische in Sursee abgegeben, wo sie bei den Müllers eine liebevolle Zwischenstation finden.

www.aqualuz.ch

Autor

Luc Müller

Luc Müller

Luc Müller ist «Tierwelt»-Redaktor und kümmert sich neben den Kaninchen um das breite Feld «Natur & Umwelt», wobei er je nach Thema zur Wühlmaus, zum Trüffelschwein oder Sperber mutiert. Auch zu Hause geht es tierisch zu und her, wo die getigerte Hauskatze mit ihrem ganz eigenen Willen für viel Unterhaltung sorgt. Zum Abschalten auf dem Nachhauseweg an den Zürichsee hört der Schreibende gerne Jazz ­– am liebsten natürlich das Stück «Bird of Paradise» von Album «Ornithology».

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