Wie man dem Hund Beine macht

Hund mit Orthese

Dank einem Rollwagen kann sich der geh­behinderte Dackel wieder fortbewegen. 

Kopelev / shutterstock.com;

Hunde
Hat der Hund einen Gelenkschaden, eine Lähmung oder musste gar ein Körperteil amputiert werden, so können orthopädische Hilfsmittel sein Leid lindern und ihm zu neuer Mobilität verhelfen. Ob Bandagen, Orthesen, Prothesen oder Rollwagen: Die Auswahl ist gross.

Kurz vor den Ferien passierte es. Die siebenjährige Amy konnte nicht mehr laufen, ihr Gelenk war blockiert. Bereits seit einigen Jahren war die Mischingshündin wegen einer fortschreitenden Arthrose in Behandlung. Besonders betroffen: eines ihrer vorderen Ellbogengelenke. Es war eine sorgenvolle Zeit, erinnert sich der Hundebesitzer. Heute kann Amy wieder laufen und scheint Spass am Leben zu haben – «dank Unterstützung einer passgenauen Hilfe». Die Hündin trägt eine Orthese, die – ähnlich wie eine Bandage – die geschwächte Körperstelle unterstützt. Zudem muss sie alle zwei Wochen zur Physiotherapie. 

Wie Amy ergeht es vielen Hunden. Sie leiden, wo Menschen schon längst Krücken oder einen Rollator verwenden würden. Hat der Hund Arthrose, einen Gelenkknorpelschaden und in der Regel auch Schmerzen, kann eine Orthese oder Prothese, welche ein ganzes Körperteil ersetzt, entgegenwirken. Diese Hilfsmittel müssen allerdings von einer Spezialistin individuell an den einzelnen Hund angepasst werden. 

Erste Schwierigkeit: der Gipsabdruck

Eine solche ist die Tierorthopädie Animotus, geführt von Diana Bänninger aus Goldau SZ. Die Hundephysiotherapeutin macht gehbehinderten Tieren im wahrsten Sinn des Wortes Beine. Zum einen unterstützt sie durch professionelle Physiotherapie die Heilung. Zum anderen fertigt sie zusammen mit einem
Orthopädisten, der auf 25 Jahre Berufserfahrung zurückblicken kann, Bandagen, Orthesen und Prothesen nach Mass für Tiere an. Die verwendeten Materialien sind die gleichen wie in der Humanorthopädie. Bänninger bevorzugt Karbon, obschon dieser teurer als Kunststoff sei – «dafür ist er stabiler». Die Zukunft sieht Bänninger allerdings in 3D-Druckern. «Das steckt zwar noch in den Kinderschuhen, aber wir sind da bereits am Entwickeln.»

Auf den Hund kam die Schwyzerin nach jahrelanger Arbeit in der Humanpflege durch ihren eigenen Vierbeiner. Mit den ihr beruflich bekannten Mitteln konnte sie ihrer Hündin Kaja erneut Lebensfreude und ein schmerzfreies Leben verschaffen. Seitdem hilft sie Haustieren wie Amy. 

Tierorthopädietechnik wie Bänninger sie anbietet, ist jedoch noch immer die Ausnahme. Den Grund sieht die Hundephysiotherapeutin darin, dass eine Orthese oder Prothese sehr viel schwieriger für ein Tier als für einen Menschen herzustellen ist. «Tiere halten in der Regel nicht auf Kommando still. Es braucht daher sehr viel Erfahrung, einen guten Gipsabdruck zu nehmen. Denn der ist die Basis für den perfekten Sitz.» 

Die Anfertigung eines perfekt sitzenden Hilfsmittels ist eine wahre Herausforderung. Nachdem der Gipsabdruck genommen wurde, wird das Modell aus Karbon oder Kunststoff hergestellt. Danach wird ebenfalls in mühsamer Handarbeit laminiert, geschliffen, gebohrt, genietet, gepolstert und genäht. Solch individueller Feinschliff braucht seine Zeit. «Das kann bis zu 20 Arbeitsstunden dauern», sagt Bänninger. Dabei gilt es vor allem, Druckstellen zu verhindern. Anders als beim Menschen muss Bänninger für den Hund beurteilen, ob das Hilfsmittel perfekt sitzt. Dies entscheidet sie bei Anproben und einem Kontrolltermin. 

Mit dem Rollwagen die Kurve kriegen

Alle von Bänninger angefertigten Hilfsmittel sind outdoortauglich und wasserfest. «Solange sich der Hund oder die betroffene Stelle in seinem Volumen nicht verändert, halten sie ein Leben lang.» Gedanken, ob der Hund das Hilfsmittel auch akzeptieren wird, brauchen sich Halter nach Meinung Bänningers nicht zu machen. Meist gewöhne sich ein Hund schnell an seinen neuen Begleiter. «Wenn alles sitzt, merkt das Tier, dass ihm das Hilfsmittel guttut, und akzeptiert es meist noch am selben Tag», sagt Bänninger. 

Wie im Beispiel von Hündin Amy geht es dann auch gesundheitlich rasch bergauf. «Das Tier kann sich wieder physiologisch gut
bewegen, zeigt keine Fehlbelastung und Muskelverspannungen mehr», weiss die Hundephysiotherapeutin aus jahrelanger Erfahrung. Nicht nur die Lebensqualität liesse sich so steigern, auch die Lebenszeit würde sich verlängern.

Derzeit sind Hilfsmittel für den Hund meist noch Pionierarbeit. Viele Tierbesitzer wissen noch nicht um die Möglichkeit von Orthesen und Prothesen – auch wenn vereinzelte Fälle durch die Medien gingen: So bekam US-Rottweiler Brutus, dem als Welpen alle vier Pfoten abgefroren waren, mit zwei Jahren vier Beinprothesen. Im selben Jahr, 2015, durfte sich Beagle-Hündin Tara in England über zwei Prothesen freuen. Nach einer Vergiftung waren ihr beide Vorderpfoten amputiert worden.

Billig sind solche Hilfsmittel nicht. Es müssen oft mehrere Hundert Schweizer Franken investiert werden. Je nach Tierversicherung ist eine Kostenübernahme möglich. Kritiker halten solche Hilfsmittel für übertriebene Tierliebe. «Das ist es aber auf keinen Fall», kontert Bänninger, die oft auf diesen Punkt angesprochen wird. Sie habe auch schon von einem Hilfsmittel abgeraten. «Die individuelle Beratung des Halters ist immer der erste und wichtigste Schritt.» Bei Prothesen empfiehlt Bänninger wie bei Brutus das Wachstum des Hundes abzuwarten. Nicht immer sei eine Prothese möglich. «Für einen dreibeinigen Hund, dem die ganze Gliedmasse fehlt, kann leider keine Prothese mehr angefertigt werden.» Auch wenn der Stumpf zu kurz sei, gäbe es keine Möglichkeit mehr. Ein Dreibeiner kann zwar grundsätzlich alles, aber auf drei Beinen zu laufen ist anstrengend und belastet die gesunde Seite.

Im Preis günstiger sind Rollwägen. Sie kommen bei gehbehinderten Hunden zur Therapie, Unterstützung oder zum Dauereinsatz aufgrund von Lähmung oder Amputation zum Einsatz. Je nach Belastungsmöglichkeit wird ein Rolli so eingestellt, dass der Hund entweder mitlaufen kann oder komplett entlastet ist. Erfahrungsgemäss gewöhnen sich die Tiere auch hier rasch an den Gebrauch. Schon nach wenigen Wochen Übung meistern sie zudem Kurven bravourös und haben eigenständig gelernt rückwärts zu laufen, um ein verkantetes Rad zu befreien. Die «Walking Wheels» gibt es in den gängigen Grössen zu kaufen oder zu mieten. Bei einem Dauereinsatz empfiehlt es sich, ein auf den Hund individuell angepasstes Modell anfertigen zu lassen. 

 

www.animotus.ch

Videos: Hunde mit Prothesen und Orthesen

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