Bekannter Waldrapp Sonic stirbt an Stromschlag

Waldrapp-Dame Sonic auf Pfosten

Waldrapp-Dame Sonic im September 2019 auf dem Flugplatz Lommis TG

Meret Signer

Rückschlag
Traurige Nachricht aus dem Waldrapp-Wiederansiedlungsprojekt: Das Weibchen Sonic starb am 19. April an einem Stromschlag. Artenschützer fordern nun eine rasche Sanierung der Strommasten.

Sonic hatte für das Wiederansiedlungsprojekt «Waldrappteam» eine ganz besondere Bedeutung. Das Waldrapp-Weibchen war letztes Jahr der erste Vogel aus dem Projekt, der den Weg über die Schweizer Alpen aus dem Winterquartier in der Toskana zurück ins Brutgebiet am Bodensee fand. Damit war Sonic der erste Waldrapp seit der Ausrottung in Europa vor 400 Jahren, der diese Strecke flog. Sie erschloss für ihre Artgenossen aus der noch jungen Kolonie am Bodensee einen neuen Zugkorridor.

Und damit nicht genug. Da die 2017 geschlüpfte Sonic letztes Jahr noch nicht geschlechtsreif war, besuchte sie das Brutgebiet in Überlingen nur kurz – und verbrachte dann den Sommer lieber in der Schweiz. Hier flog sie kreuz und quer durchs Land und brachte es zu einiger Bekanntheit. Die Medien berichteten, eine wachsende Zahl von Waldrapp-Freunden verfolgte ihre Reise. Auch wir widmeten Sonic eine Geschichte, nachdem wir sie auf dem Flugplatz Lommis TG aufgespürt hatten.

Wie das Waldrappteam nun mitteilt, habe sich Sonic auch dieses Jahr wieder von der Toskana aus auf den Weg gemacht. Am 18. April erreichte sie Graubünden. Dort verbrachte sie die Nacht auf den 19. April im Gemeindegebiet von Lohn im Naturpark Beverin. Am Morgen fand sie eine Anwohnerin tot unter einem Strommast. Der herbeigerufene Wildhüter schickte Sonic zur pathologischen Untersuchung ans Tierspital Bern. Das bestätigte, was ohnehin schon klar war: Sonic starb an einem Stromschlag.

Strommast mit Sonic tot am Boden

Schon lange weisen Vogelschützer auf das Problem mit den Strommasten hin. Auch Johannes Fritz, Biologe und Leiter des Waldrappteams, sagt in der Mitteilung: «Stromschlag an ungesicherten Mittelspannungsmasten ist eine bislang viel zu wenig beachtete Bedrohung für die Artenvielfalt. 35 Prozent der Todesfälle bei unseren Waldrappen, einer vom Aussterben bedrohten Vogelart, werden dadurch verursacht.» Da Waldrappe soziale Tiere sind, kommen bei Stromschlägen sogar oft mehrere Vögel gleichzeitig um.

Grosse Vögel gefährdet
Doch nicht nur Waldrappe, sondern auch andere grosse Vögel wie Uhus, Weissstörche oder Rotmilane sind gefährdet. Durch ihre Grösse kommt es bei diesen Vogelarten häufiger vor, dass sie zwei stromführende Elemente gleichzeitig berühren oder von einem geerdeten Sitzplatz auf dem Mast ein stromführendes Element berühren und damit einen tödlichen Stromschlag auslösen. Wie die Schweizerische Vogelwarte Sempach 2018 schrieb, seien Stromschläge für die Hälfte der vom Mensch verursachten Todesfälle von Junguhus verantwortlich, bei 19 Prozent der tot aufgefundenen Störche gelten Stromschläge als Todesursache.

Mit Kunststoff könnten die stromführenden Stellen abgedeckt und isoliert werden. Der Bund schickte kürzlich eine Verordnung in die Vernehmlassung, die eine solche Sanierung der Strommasten bis 2030 vorsieht («Tierwelt online» berichtete). Für Roger Graf, Geschäftsführer der Vereinigung der wissenschaftlich geführten Zoos Zooschweiz, die sich für eine Wiederansiedlung des Waldrapps auch hierzulande einsetzt, ist das nicht schnell genug: «Angesichts der Dringlichkeit ist rasches Handeln erforderlich; gefährliche Strommasten sollen bis Ende 2025 gesichert werden», fordert er in der Mitteilung des Waldrappteams.

Der Tod von Sonic sei für das Projekt zwar ein herber Rückschlag, schreibt dieses. Trotzdem gibt es auch gute Nachrichten: So sei die Brutkolonie in Überlingen nicht gefährdet. Elf Vögel seien derzeit auf dem Weg zurück aus der Toskana. In diesem Jahr wäre in Überlingen eigentlich die erste Brut erwartet worden. Aufgrund der Covid-19-Pandemie sei das Brutmanagement jedoch aktuell stark beeinträchtigt. Ob es deshalb zur Brut komme, wisse man nicht.

In den beiden etablierten Kolonien in Bayern und Salzburg jedoch haben die Waldrappe mit der Brut bereits begonnen. Die wildlebende Population umfasst inzwischen 140 Waldrappe. In den nächsten Jahren sollen weitere Kolonien dazukommen, allenfalls auch eine in der Schweiz.

Die Wege der Walrappe verfolgen kann man übrigens in der App «Animal Tracker». Wer weiss, vielleicht macht sich ja in diesem Jahr eines von Sonics Gspänli auf ihre Spuren und verbringt den Sommer in der Schweiz. Sonics Fangemeinde würde sich bestimmt freuen.

Autor

Meret Signer

Meret Signer

Meret Signer ist «Tierwelt»-Online-Redaktorin, Biologin und Ornithologin. Genau so sehr wie Vögel liebt sie aber ihre flauschige Katze Redi, weswegen sie oft im Dilemma ist. Während Redi jedoch lieber zuhause faulenzt als auf die Jagd zu gehen, wandert Meret durch die Gebirge dieser Welt. Immer mit dabei: ihr Feldstecher.

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