Jedem Huhn seinen Platz

Hühnerherde
Hierarchie
Ein dominanter Hahn, eine Leithenne und eine Wächterin: Das sind die Schlüsselfiguren in einer funktionierenden Hühnerherde. Sie sorgen für ein geregeltes Zusammenleben, in dem jedes Tier seine besondere Stellung einnimmt.

Hühner sind soziale Tiere, die in einer klaren Hierarchie zusammenleben. Innerhalb einer Hühnerherde gibt es sogenannte Schlüsselpositionen. Hierzu zählen der dominante Hahn, die Wächterin und die sogenannte Leithenne. Danach flacht die Hierarchie bei den Hennen ab, bis zur rang­letzten Henne. Jedes Huhn muss sich jedoch in das soziale Gruppenleben einfügen. Als Einzeltier wird ein Huhn niemals glücklich sein.

Hühner haben, sofern die äusseren Umstände es zulassen, ein stabiles soziales Gefüge. Im Idealfall besteht dies aus einem dominanten Hahn und einer linearen Hierarchie unter den Hennen. Der soziale Zusammenhalt sorgt für eine Vereinfachung des Zusammenlebens, für Ruhe und Ordnung innerhalb der Herde. 

Der Hahn ist klar das Oberhaupt der Hühnerherde. Er hält die Hennen unter Kontrolle und greift auch einmal ein, wenn es zu Streitigkeiten unter ihnen kommt. Diese führende Position in der Rangordnung gibt dem jeweiligen Hahn bemerkenswert viel Selbstvertrauen. Dabei nimmt er stets eine herausfordernde Haltung ein und zeigt eine gewisse Angriffsbereitschaft. Diese gilt nicht nur den anderen Herdenmitgliedern, sondern wird auch den Menschen gegenüber offenbart. 

Die Leithenne ist die Anführerin
Er präsentiert sich stolz und erhaben, den Hennen gegenüber verhält sich der Hahn gar ritterlich. Hat er beispielsweise Futter gefunden, ruft er die anderen Herdenmitglieder zusammen und lässt ihnen den Vorrang. Nur während der Mauser, also dann, wenn er sein Federkleid erneuert, macht er von seiner dominanten Stellung Gebrauch und bedient sich als Erstes an den Leckereien. In dieser Zeit muss er mit seinen Ressourcen haushälterisch umgehen. Grundsätzlich steht er über der Hackordnung der Hennen. Er übernimmt die Rolle des Beschützers und hält sowohl nach Gefahren Ausschau wie auch nach
etwas Essbarem. 

Nicht selten wird der dominante Hahn von sogenannten Satellitenmännchen herausgefordert. Sie tun dies mit dem Ziel, Unterschlupf in der Hühnerschar zu finden und Hennen der Gruppe begatten zu können. Kann sich der dominante Hahn wiederholt nicht gegen seine Angreifer zur Wehr setzen, muss er damit rechnen, auch einmal von der Leithenne angegriffen zu werden. Der dominante Hahn einer Herde hat seine Lieblings­henne, welche an einer beliebigen Stelle in der Hackordnung stehen kann. 

Die Leithenne zeichnet sich durch ihre Kraft, ihre gute Gesundheit und ihrer Intelligenz aus. Sie ist die Anführerin und an oberster Stelle der Hackordnung. Entfernen sich die Hennen als Gruppe vom Stall, gibt die Leithenne die Richtung an. Meist ist sie auch als Erstes beim Futter, ob sie sich aber auch als Erstes bedient, hängt von ihrer momentanen Laune ab. Oft gibt sie auch Rangniederen den Vorrang. Doch wehe eine rangniedere Henne bedient sich, bevor die ranghöhere Henne ihre Erlaubnis erteilt hat! Dies gilt in der gesamten Hackordnung, vom ersten bis zum letzten Platz. 

Die Wächterin behält den Überblick
Die Leithenne hält zudem die Ordnung innerhalb der Herde aufrecht, unabhängig davon, ob sich ein Hahn in der Herde befindet oder nicht. Für die Junghennen ist sie ein Vorbild. Die anderen Hennen in der Herde folgen ihr beispielsweise beim Erforschen neuer Tränken, Futternischen oder Legenester. Diese privilegierte Stelle in der Rangordnung bringt eine Menge Vorteile mit sich. So kann sich die Leithenne zuerst beim Futter und Wasser bedienen, belegt einen höheren und somit auch sicheren Schlafplatz und wird seltener belästigt und bepickt.  Sie muss sich aber auch immer wieder Herausforderungen stellen. Rangniedere Hennen versuchen immer wieder, ranghöhere Hennen auszustechen, um ihren Platz in der Hierarchie zu verbessern. 

Die Stellung in der Rangordnung hängt aber auch mit dem Aussehen zusammen. Haben Hühner ein glattes Gesicht mit breiten, gerundeten Stirn- und Brauenflächen über den Augen, wirkt dies auf andere ungefährlich und jugendlich, solche Hühner nehmen gemäss Carl Engelmann, Autor von «Leben und Verhalten unseres Hausgeflügels», die niedrigsten Plätze in der Rangordnung der Hennen ein. Ähnlich ist es mit den Junghennen. Durch ihre noch kleinen Kämme und die oft noch nicht geröteten Wangenflächen wirken sie schüchtern, befangen und ängstlich. Somit werden sie von ihren Gegnerinnen weniger erst genommen. 

Ist eine Herde ohne Hahn, übernimmt oft die Wächterin die Rolle des Beschützers und Aufpassers. Meist sind zwar alle oder mehrere Hennen damit beschäftigt, aufmerksam nach Gefahren Ausschau zu halten. Es gibt aber für gewöhnlich in jeder Herde nur eine offizielle Wächterin. Meist befindet sich die Wächterin auf einer erhöhten Stelle, um den Überblick über die Herde zu haben. Dabei schaut sie mit einem Auge den Boden nach Feinden ab und mit dem anderen den Him­mel nach Raubvögeln. Bei Gefahr alarmiert sie die Herde lautstark. Dies tut sie mit einem bestimmten Alarmton, welcher sich unterscheidet – je nachdem, ob sich ein Feind aus der Luft oder am Boden nähert. 

Nach jedem Schlupf wird gerangelt
Die rangniedrigste Henne hat in der Regel eine unterwürfige Persönlichkeit. Dabei kann es sich aber auch um eine schwache, kranke oder gar um eine Henne mit einer Behinderung handeln. Wird die Nahrung knapp oder herrschen schwierige klimatische Bedingungen, ist sie oft die Erste, die ihr Leben lassen muss. 

Auch wenn die Hierarchie in einer Hühnerherde als eine der stabilsten in der Tierwelt gilt, verändert sich das soziale Gefüge mit jedem neuen Schlupf. Die Neuankömmlinge versuchen, ihren Rang in der Gruppe zu finden, die älteren Hennen versuchen, sich zu etablieren oder auch mal die Schwäche einer ranghöheren Henne auszunutzen. In freier Wildbahn kann auch das eine oder andere Huhn einem Fressfeind zum Opfer fallen, und schon verändert sich das soziale Gefüge von einer Sekunde auf die nächste. Die Gruppenhierarchie muss also gezwungenermassen auch eine gewisse Dynamik aufweisen. 

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