Schäferhund im Kleinformat

Schipperke
Schipperke
Der Schipperke ist der kleinste Vertreter der belgischen Schäferhunderassen, steht seinen grösseren Verwandten aber in nichts nach. Gerade Hundesportler, die keinen 30-Kilo-Hund haben möchten, kommen mit dem kleinen Kraftpaket auf ihre Kosten

Mit ihrem wolfartigen Kopf, den aufmerksamen Stehohren, ihrem durchdringenden Blick und der muskulösen Halspartie könnte Chai auf Bildern locker als Schäferhündin durchgehen. Erst wenn man die Grössenverhältnisse erkennt oder Chai live erlebt, wird klar: Für einen Schäfer ist sie definitiv zu klein. Tatsächlich wirkt die Hündin mit einer Schulterhöhe von 30 Zentimetern und einem Gewicht von 5 Kilo im Vergleich mit einem Schäfer, wie man ihn üblicherweise kennt, geradezu winzig. Und doch ist sie eine von ihnen: ein Schipperke, neben Malinois, Tervueren und Co. der kleinste Vertreter der Belgischen Schäferhunderassen.

Die Rasse ist hierzulande kaum bekannt und wird des Öfteren für eine Art Spitz gehalten. Nicht so von Nadine Ammann aus Villmergen AG. Die 35-Jährige hat vor fünf Jahren mit der Zucht von Belgischen Schäfern in Form von Malinois und Tervueren begonnen. Dass auch der Schipperke zu den Belgiern gehört, weiss sie schon lange. «Ich hatte die Rasse bereits als Kind immer im Auge, weil das einfach coole Hunde waren.» Schon damals sei die Rasse oft mit einem Spitz verwechselt worden, was sie bis heute nicht verstehe. «Na gut, die Grösse und der Ringelschwanz sind schon ähnlich», räumt die Züchterin ein. «Darüber hinaus hat der Schipperke aber überhaupt nichts von einem Spitz. Er hat weniger Fell, keine Löwenmähne, ein längeres Gesicht und ist quadratischer.»

Grosser Hund in kleinem Körper
Als die Rufe ihrer heute fünfjährigen Tochter Emily nach einem eigenen Hund immer lauter wurden, kam sie auf der Suche nach einer kleinen Hunderasse auf den Schipperke zurück. Und so fand vor zweieinhalb Jahren Chai den Weg von Deutschland nach Villmergen – als Zuchthündin für Nadine Ammann und beste Freundin für Tochter Emily. Beides mit Erfolg: Emily und Chai sind unzertrennlich, und die Schipperke-Hündin brachte im Dezember 2018 zwei Welpen zur Welt, die an tolle Plätze vermittelt werden konnten.

Nadine Ammann und ihre Tochter teilen Haus und Garten nicht nur mit Chai. Auch sieben Malinois und Tervueren gehören zum Rudel, sowohl für die Zucht als auch als Familienmitglieder. «Und obwohl sie ihnen körperlich massiv unterlegen ist, hat Chai die Grossen voll im Griff.» Weiss sie vielleicht gar nicht, wie klein sie ist? «Sieht ganz so aus», sagt die Züchterin. So ein «grosser Hund in einem kleinen Körper», wie Ammann es bezeichnet, bringt viele Vorteile mit sich. Gerade für Leute, die gerne etwas mit ihrem Vierbeiner machen wollen, aber keinen 30-Kilo-Schäfer haben möchten, sei der Schipperke ideal. Als Besitzerin einer eigenen Hundeschule in Sins AG und zahlreichen Erfolgen in verschiedenen Hundesportarten weiss die Ammann, wovon sie spricht. «Man kann mit dem Schipperke vieles machen, was man auch mit Malis und Tervueren tut. So gibt es viele gute ‹Schippis› im Agility, in Spür- und Sucharbeiten, im Begleithundesport und im Ausland sogar bei Polizeistaffeln», führt sie aus. An Arbeitswillen mangelt es auch dem Kleinsten der Belgischen Schäfern nicht. 

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Wie kam der Schipperke zu seinem Namen?

Seine handliche Grösse dürfte dem Schipperke zu seinem Namen verholfen haben. Dabei gibt es verschiedene Versionen zur Geschichte der Rasse. So ist Schipperke flämisch und bedeutet so viel wie «kleiner Schäferhund». Eine andere Erklärung besagt, dass die Schiffsleute im 19. Jahrhundert die Hunde aufgrund ihrer Grösse als Mäuse-und Rattenfänger auf Binnenschiffen hielten, woraus die Bezeichnung «Schifferspitz» entstanden sein soll. 1883 wurde der Schipperke im französischen Hundestammbuch aufgrund seiner Jadgbereitschaft als Terrier eingetragen. Im offiziellen Standard des weltweiten Kynologie-Dach­verbands FCI ist die Rasse der Klasse der Schäferhunde zugeteilt.

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Liebenswertes Teufelchen
Doch obwohl der Schipperke auch im Rassestandard als «Schäferhund im Kleinformat» bezeichnet wird, sollte man seine Erziehung nicht unterschätzen, mahnt Ammann. «Während ein Malinois etwas 100 Mal macht, hintefragt sich ein Schipperke nach dem dritten Mal, wieso er den Ball jetzt auch noch ein viertes Mal holen soll.» Da habe selbst sie mit ihrer jahrelangen Erfahrung mit eigenen und den Hunden ihrer Kursteilnehmer sich an Chai am Anfang fast die Zähne ausgebissen. Nicht umsonst wird der Schipperke auch als «Little black Devil», also «kleiner schwarzer Teufel» bezeichnet. «Sie sind clever, hinterfragen viel und können schon auch ganz schön frech sein», sagt Ammann. «Richtige Persönlichkeiten halt.» So müssen Schipperke-Halter, neben der Bereitschaft, ihren Hund konsequent zu erziehen wie einen Grossen, auch eine gehörige Prise Humor mitbringen. «Mit ihren Ideen und der cleveren Art, mit der sie sie umzusetzen probiert, bringt Chai uns immer wieder zum Schmunzeln.» Das mache den Schipperke zu einem richtigen «Gute-Laune-Hund».

Das kann auch Yvonne Limacher aus Ennetbürgen NW bestätigen. Sie hat Hündin Pixy, einer der zwei Welpen von Chai, übernommen – und würde sie für nichts auf der Welt wieder hergeben. «Mit ihrer tollpatschigen, aufgeschlossenen Art zaubert sie jedem ein Lächeln ins Gesicht», sagt Limacher. Sie habe einen kleinen Hund gesucht, mit dem man im Hundesport arbeiten kann, der bei jedem Wetter dabei und gesundheitlich robust ist.

Mit Erfolg: Aktuell macht sie mit ihrer Schipperke-Hündin Begleithundesport und Rally Obedience, bei dem ein Unterordnungsparcours auf Zeit absolviert wird. «Pixy ist sehr lernbegierig und versteht schnell», sagt die 37-Jährige. «Sie lässt sich gut motivieren und ist definitiv ein Hund, der arbeiten möchte.» Und mit dem 8. Rang unter 130 Teilnehmern an der internationalen Meisterschaft in der Disziplin Zielobjektsuche von Anfang September bewies Mutter Chai, dass auch kleine Hunde Grosses leisten können. 

Autor

Carmen Epp

Carmen Epp

Kurz nach ihrem ersten Einsatz für die «Tierwelt» 2014 hat sich Redaktorin Carmen Epp – fürs Hunde-Ressort zuständig – einen Traum erfüllt und sich einen Hund zugelegt – auf Spesen, wie man munkelt. Nach einem kurzen Abstecher in ihre Heimat, den Kanton Uri, kehrte sie zur «Tierwelt» und ins Hunde-Ressort zurück. Daneben betreut sie die Ressorts «Natur und Umwelt» sowie die Leserkolumnen, während Boston Terrier Chippy unter dem Tisch schnarchend sein Redaktionshundedasein geniesst – und so manchen Input fürs Hunde-Ressort liefert.

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