Lili, Seppli und Fredy kommen angerannt, als ihr Herrchen ruft: «Chum, chum, chum!» Herr Müller mischt sich mal wieder ein, Amadeus schmeichelt. Und Hugo, Eugen, Alice und Basilchen brennen auf das, was bald kommen wird. Und mittendrin in diesem Geschehen an einem sonnigen Nachmittag am Nordrand des Juras: Heini Gugelmann. Der 75-Jährige lacht und redet mit seinen Tieren, seine blauen Augen leuchten.

Lili, Seppli und Fredy sind Zwergziegen, die vollständig frei leben. «Sie kommen immer, wenn ich sie rufe.» Bei Herrn Müller handelt es sich um ein sehr grosses Kaninchen. «Er gehorcht mir wie ein Hund.» Amadeus wiederum ist ein bemerkenswerter Savannah-Kater. «Er streift gerne frei herum.» Und Hugo, Eugen, Alice und Basilchen sind seine Artgenossen. «Sie sind sehr gelehrig.»

Der Traum, die Sprache der Tiere zu beherrschen und mit ihnen in Eintracht zu leben, gibt es nicht nur in Kinderbüchern und Märchen. In der Schweiz ist er real: Heini Gugelmann erinnert an Dr. Dolittle, an jenen Arzt, der die Tiersprache erlernte, aus der weltbekannten Geschichte von Hugh Lofting. Der Mann mit blonden Haaren, leichtem Schnauz und wachem Blick entschlüpft dem frühlingshaften Sonnenschein in ein längliches, weisses Zelt. Schwarzer Samt, ein goldener, kunstvoll drapierter Vorhang, eine silbern glitzernde Kugel, exotische Federn, Masken und ein Schild mit der feierlichen Aufschrift «Circus Maus» sind Teil dieser anderen Welt, in die er eben mal so rasch wechselt. Aus vier geheimnisvoll bemalten Kisten dringen miauende Geräusche und aus einem Lautsprecher schmettert die Melodie «Der Einzug der Königin von Saba».

Heini Gugelmann öffnet die Behälter und heraus springen exotische Katzen, die schnurren, miauen und ihre Schwänze in die Höhe strecken. In ihrem Blick vermischen sich Neugierde, Tatendrang, Wildheit und Abenteuer. Auf den Zuruf von Gugelmann hin springen sie auf vier Postamente. Kaum gelandet, strecken sie die Schwänze in die Höhe. Wie Tiger stehen sie auf die Hinterbeine, als die Melodie «Einzug der Gladiatoren» spielt – und werden für ihren Einsatz mit Fleischhäppchen belohnt. Bei Passagen aus der Oper «Carmen» springen sie tollkühn von einem Podest auf das andere und sogar durch Reifen. Der Gipfel der Kunst ist der Sprung einer Katze durch einen vollständig mit Papier bespannten Reifen. Eine Katze balanciert zu einer Barkarole auf einer grossen, rollenden goldenen Kugel, und zum Bolero vollführen die vier tierischen Artisten das Walzé, sie wenden sich um sich selbst. Als Höhepunkt zaubert der Tierlehrer aus einem Kistchen zwei zahme Farbratten, die zusammen mit den Katzen über eine Stange balancieren.

Mit Ratte und Ente unterwegs

Was so spielerisch daherkommt, verlangt volle Konzentration von Heini Gugelmann. Er kommuniziert mit seinen Tieren durch Gestik, Blicke und Worte. Er hat die seltene Gabe, wie ein Tier denken zu können. Sieht er eine gewisse Mimik einer seiner Katzen, eine entsprechende Haltung, so weiss er, was das Tier möchte. Später erzählt er in seinem Wohnwagen nebenan: «Sobald man Tierhalter ist, ist man Tierlehrer.» Mit jedem Haustier, mit dem man lebe, kommuniziere man, sogar mit Fischen im Aquarium. Er verfeinere dies lediglich künstlerisch. Diese Aussage ist typisch für Gugelmann. Obwohl sein Leben aussergewöhnlicher kaum sein könnte und er zeitlebens im Rampenlicht steht, ist er die Bescheidenheit in Person. Jetzt streicht Basilchen um seine Beine, ist mit einem Sprung auf der Bank neben ihm, schnurrt und reibt ihr Köpfchen an Herrchens Hand. «Die Tierärztin und ich irrten uns im Geschlecht, darum wurde Basil zu Basilchen», fügt er lachend an, während die Graziöse auf dem Tisch herumstolziert – und prompt die Kaffeetasse umstösst. Gugelmann lacht, trocknet die Flüssigkeit und sagt: «Das passiert jeden Tag.»

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«Ob Katzen oder Löwen, es ist kein grosser Unterschied, wie man es ihnen beibringt.»

Täglich trainiert er mit seiner Truppe. «Ich nehme junge Katzen im Auto mit, damit sie sich an die Fahrt und an andere Leute gewöhnen.» Mit seinen Tieren tritt Gugelmann an Anlässen und Festen auf. Früher zog er mit seinem Circus Maus von Stadt zu Stadt. Da stand ein schön bemalter Handwagen beispielsweise auf dem Waisenhausplatz in Bern oder vor dem Basler Rathaus. Zuoberst am Wagen stand über einer Uhr «nächste Vorstellung». Dann ging es los: Hängebauchschwein, Foxterrier, Pfautauben, Ziege, weisse Ente, Siamkatze, Kaninchen sowie Chabo-Zwerghühner kletterten über Stangen, hüpften, spielten mit der Wippe, flogen oder sprangen durch Reifen. Er habe den Wagen mit den Tieren jeweils per Bahn verladen. Übernachtet habe er im Zelt. «Der Direktor des Landesmuseums in Zürich erlaubte mir, dass ich auf der Wiese des Museums zelten durfte», erinnert er sich an seine Zeit als schweizweit bekannter Artist mit tierischer Truppe. Seine Ente badete in der Limmat, die Ziege graste vor dem Landesmuseum. «Wenn die Tiere es wollten, gab ich manchmal sogar drei Vorstellungen pro Tag.»

Friede im Palmengarten

Wie Gugelmann mit seinen Tieren umging und was er präsentierte, war so einzigartig, dass sogar die renommierte NZZ halbseitige Beiträge über ihn publizierte. Es sei gut gelaufen damals, bis die Städte die Preise enorm erhöht hätten. Begonnen habe er mit40 Franken Gebühr, daraus sei immer mehr geworden und die Behördengänge immer komplizierter. Er wäre nicht Heini Gugelmann, wenn er auch diese Tatsache nicht mit gutmütiger Stimme und lächelnd erzählen und daraus etwas Schönes ziehen würde. «Am Ende waren es aber genau diese Städte, die mich offiziell wieder engagierten», sagt der Tier- und Menschenfreund und strahlt.

Savannah-Katze
Savannah-Katzen sind exotische Rassekatzen. Ursprünglich entstanden sie aus einer Kreuzung einer Hauskatze mit einem Serval. Der Serval ist eine afrikanische Wildkatze. Savannah sind freundliche, gesellige Katzen, die sehr gut springen können. Sie brauchen viel Bewegung und haben einen starken Jagdtrieb. Darum sollten sie in einem Freigehege gehalten werden. Heini Gugelmanns Savannah-Katzen stammen aus generationenlanger Zucht. Ihm zufolge komme es nicht darauf an, ob Rasse- oder Hauskatze. Alle Katzen seien gelehrig.

Plötzliches Poltern auf dem Dach des Wohnwagens. Da randaliert niemand, es sind nur die Katzenartisten, die sich austoben. «Sie profitieren von der Sonne», ist Gugelmanns Kommentar. Nur die kleine Lou-Lou schaut bei ihm im Wagen vorbei. «Lou-Lou, komm, nicht Angst haben.» Das Kätzchen versteht, sein Gesichtsausdruck verändert sich von ängstlich zu neugierig, es kommt angetrabt und streift trotz des Besuchs im Wohnwagen um seine Beine. «Es ist wichtig, dass sie von Anfang an Vertrauen gewinnen.» Seine vier Katzenartisten habe er selbst gezüchtet. Sie seien gemeinsam aufgewachsen und würden sich darum gut verstehen. Hinter Heini Gugelmann raschelt etwas. Es sind die beiden Ratten, die gerade im Begriff sind, sich in ihrem Gehege zusammen zukuscheln. Als sie zehn Tage alt gewesen seien, habe er sie immer wieder in die Hände genommen. «Ratten lernen schnell.» Im Alter von 15 Tagen habe er sie hingesetzt, sie gerufen und ihnen die schützende gewölbte Handfläche hingestreckt. Sie seien sofort gekommen und hätten sich darunter verborgen. «Man muss wissen, wie ein Tier kommuniziert, muss sein natürliches Verhalten kennen. Dann kann man es trainieren.» Da die Katzen und die Ratten zusammen aufwuchsen und im gleichen Raum leben, vertragen sie sich gut.

Der Frühlingswind bläst durch die Blätter verschiedener Palmenarten, die vor der Veranda Gugelmanns stehen. Hier sieht es schon früh im Jahr aus, als wäre man in der Karibik. Palmen, so weit das Auge reicht. Dattel-, Zwerg- und Chinesische Hanfpalmen habe er gerade neu aus dem Winterquartier des Bauernhofes nebenan geholt. Seit 25 Jahren hat er seinen Standplatz hoch auf einem Jurakamm über dem Laufental. Steinerne Löwen posieren beim Aufgang, ein Geissblatt rankt um eine Säule, Bambuslaub raschelt, hindurch streifen Savannah-Katzen. Die Löwen in Gugelmans Leben waren aber nicht immer aus weissem Stein.

Mit Tiernummern in aller Welt

Schon als Schüler in Olten, wo er als Einzelkind aufwuchs, trainierte Gugelmann gewöhnliche Katzen und Kaninchen. In der freien Zeit, während Gymnasium, Kunstgewerbeschule und Landwirtschaftslehre, reiste er per Autostopp dem Circus Knie hinterher und verfolgte die Dressurproben des berühmten Raubtierdompteurs Joseph Trubka. Mit 20 stand er erstmals selbst vor Löwen. Er heuerte bei einem niederländischen Zirkus an. «Ob Katzen oder Löwen, es ist kein grosser Unterschied, wie man es ihnen beibringt», resümiert Gugelmann. Seither arbeitete er stets mit Tieren. Nach einem Intermezzo mit Kragenbären und Schimpansen in der Schweiz wurde er von einem Showunternehmen in den USA engagiert und reiste mitdieser Firma nicht nur durch Amerika, sondern auch auf die Philippinen, nach Hongkong und Vietnam.

Ob Tiger in der Manege oder der Ritt auf Straussen, Heini Gugelmann versteht sich mit Tieren. Bis es bei einer Aufführung in Österreich zu einem Unfall mit einem Löwen kam. Wenn etwas nicht klappe, sei es immer der Fehler des Tierlehrers. «Ich lag lange in Braunau im Hospiz», erinnert er sich, lacht und sagt: «Dann gründete ich 1972 meinen Circus Maus.» Zu Beginn zog er einen Veloanhänger mit zwölf Ratten durch die Schweiz. Sein Verkaufsschlager: eine Ratte, die durch einen brennenden Reifen sprang. «Ein Bild davon ging um die Welt. Und ich sah davon keinen Rappen», sagt er schulterzuckend. Vermögend sei er nie geworden mit seinen Tieren, doch sehr reich an Erlebnissen und Begegnungen mit Menschen und Tieren. Man glaubt es ihm sofort, wenn er sagt: «Mein Leben ist ein grosses Privileg.»

Ob opulente Halsbänder für seine Katzen, die Bemalung von Requisiten, Illustrationen von Tieren und Menschen: Heini Gugelmann macht alles selber. Und einer, der stets an das Gute glaubt, macht entsprechend positive Erfahrungen. Von seiner Reise mit einem Camper quer durch Länder im südlichen Afrika erzählt er wie jemand von seinen Ferien im Tessin. Dass sein Leben aber nicht immer einfach war, lässt sich erahnen, wenn er vom Brand seines Standplatzes erzählt. «Andere müssen flüchten, haben alles im Leben verloren. Da will ich nicht jammern.»

Wenn das Katzentheater ausklingt, verschwinden Hugo, Eugen, Alice und Basilchen zurück in ihre Kisten, Gugelmann steckt die Buchstaben ENDE vor die vier vorher geheimnisvoll bemalten Kisten. Bis zur nächsten Vorführung des Schweizer Dr. Dolittle. www.circusmaus.ch

 

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