Herr Poncet, können Sie aufzeigen, welche ethischen Grundsätze im Umgang mit Pferden befolgt werden sollten?
Eine Person ist in der Pflicht, die Verantwortung für die Haltung und Nutzung des ihm anvertrauten Pferdes zu übernehmen. Dazu muss sie die Bedürfnisse von Equiden, also Pferden, Ponys, Eseln und deren Kreuzungen, kennen und berücksichtigen. Zu den Grundbedürfnissen gehört, dass das Pferd ausreichend Raufutter und Wasser zur Verfügung hat, dass ihm viel und regelmässig Bewegung im Freien geboten wird und dass es Sozialkontakte mit Artgenossen pflegen kann. Auch eine mit Sinnesreizen angereicherte Umgebung, in der sich das Tier sicher fühlt und beschäftigt ist, ist wichtig. Zudem muss die verantwortliche Person genügend Ruhephasen und ausreichend lange Mahlzeiten einplanen und die Gesundheit des Tieres sicherstellen. Wichtig scheint mir zu erwähnen, dass diese Grundbedürfnisse nicht nur für junge, genutzte Pferde gelten, sondern auch in der letzten Lebensphase eines Tieres erfüllt sein müssen.
Das Bewusstsein für das Wohlergehen der Pferde ist in den vergangenen Jahren stärker in den Vordergrund gerückt. Kann ein Zusammenhang hergestellt werden zum Wandel vom Arbeitstier Pferd hin zum Freizeit- und Sportpartner?
Früher wurden die Arbeitspferde auch gut behandelt, sie hatten ja einen grossen Wert, man war auf ihre Arbeitsleitung angewiesen. Heute verfügen wir über viel mehr Wissen über die Bedürfnisse der Equiden, deshalb sind auch die Anforderungen an eine art-gerechte Haltung und Nutzung gestiegen. Auch wenn heute mehr Wissen vorhanden ist, heisst das lange nicht, dass es nicht Sportpferde gibt, die in Einzelboxen ohne Sozialkontakt gehalten werden. Ein Aspekt spielt bei dieser Thematik auch mit hinein. In den letzten rund dreissig Jahren haben sich speziell Frauen stark für den Tierschutz engagiert. Gleichzeitig sind es mehrheitlich Frauen, die sich für den Pferdesport begeistern. Darin liegt auch ein Grund für die erhöhte Sensibilität bezüglich dem Wohlergehen dieser Vierbeiner.

Im Bericht von Cofichev stehen ethische Aspekte beim Einsatz des Pferdes im Sport im Fokus. Auf das Wohlergehen bei einer Nutzung als Arbeitstier wird kaum eingegangen.
Grundsätzlich ist es egal, ob ein Pferd im Sport, als Freizeitpartner oder zum Arbeiten eingesetzt wird. Seine artspezifischen Grundbedürfnisse sind immer dieselben und müssen in jedem Fall berücksichtigt werden. Cofichev ist der Meinung, dass diese Bedürfnisse bei den Arbeitspferden besser als beispielweise bei Tieren, die im Leistungssport eingesetzt werden, erfüllt sind, deshalb der grössere Fokus auf den Sportbereich.
Pferde können hierzulande entweder als Heim- oder Nutztier in die Tierverkehrsdatenbank eingetragen werden. Da sich der Bezug zum Pferd durch seinen Wandel hin zum Sport- und Freizeitpartner verändert hat, werden zunehmend mehr Pferde als Heimtier eingetragen. Was für Vor-, aber auch Nachteile bringt dies mit sich?
Nur die als Nutztier eingetragenen Pferde dürfen geschlachtet und der Nahrungsmittelkette zugeführt werden. Diesen Tieren steht ein etwas weniger breites Spektrum an Medikamenten zur Verfügung, die ein-gesetzt werden können. Eine optimale Behandlung im Krankheitsfall ist selbstverständlich gewährleistet, eine Umtragung in den Heimtierstatus jederzeit möglich. Das Spannungsfeld liegt darin, dass die soziokulturelle Wahrnehmung dieses Tieres heutzutage nicht mehr dem eines Nutztieres entspricht. Es muss jedoch bedacht werden, dass sämtliche Equiden genutzt werden; auch zwei Ponys auf der Weide zu halten bringt dem Besitzer einen Nutzen – etwa eine positive Wirkung auf seine Psyche. Das Pferd als Heimtier zu betrachten, bringt Risiken wie eine übertriebene Pflege oder Vermenschlichung mit sich. Mit der Aufwertung des Status geht oftmals die Annahme mit einher, eine Nutzung sei schädlich für die Pferde. Das Gegenteil ist der Fall.
«Früher wurden die Arbeitspferde gut behandelt, sie hatten einen grossen Wert.»
Ist Wohlergehen und Abverlangung einer Leistung miteinander vereinbar oder widersprechen sich Nutzung und Pferdewohl?
Das ist eine philosophische Frage. Dazu kommt, dass der Begriff «Nutzung» in diesem Zusammenhang schwierig zu definieren ist. Bereits das Führen eines Pferdes kann als Nutzung und Beschneidung seiner Freiheit gesehen werden. Cofichev vertritt klar die Ansicht, dass eine Nutzung der Pferde und die Wahrung ihres Wohlergehens nicht im Widerspruch stehen. Dafür müssen einige Voraussetzungen erfüllt sein: Die psychische und physische Veranlagung, die ein Pferd mitbringt, und seine momentanen Fähigkeiten müssen berücksichtigt werden. Und wer von seinem Partner viel verlangt, muss ihm auch viel zurückgeben.
Woran ist erkennbar, ob das Wohlergehen eines Pferdes bei dessen Nutzung gewährleistet ist oder eben nicht?
Um zu erkennen, wie es einem Pferd geht, müssen die Indikatoren für sein Wohlergehen identifiziert werden können. Kenntnisse über das Verhalten dieser Tiere sind deshalb unerlässlich. Oft hapert es schon daran, den Zusammenhang zwischen Anzeichen des Unwohlseins und der Zufügung eines Leids zu erkennen. Das ist nicht nur für das Wohlergehen und für die Gesundheit schlecht, sondern auch im Hinblick auf die Sicherheit von Pferd und Mensch. Pferdeleute müssen die neusten wissenschaftlichen Erkenntnisse im Bereich Pferdehaltung, Fütterung und Nutzung kennen und diese auch anwenden. Deshalb ist die Ausbildung so wichtig.
Pferde wurden früher als Arbeitstiere in der Landwirtschaft, im Transport oder im Militär eingesetzt. In welchen Bereichen war es damals schlechter bestellt um deren Wohl, und gab es Aspekte, die dem Pferd besser entsprachen als in der heutigen Welt?
Ein grosser Fortschritt ist sicher, dass heute in der Schweiz die Anbindehaltung in Ständern verboten ist. Viele Arbeitspferde wurden so gehalten. Die früheren Arbeitspferde erhielten meist ausreichend Raufutter und wurden noch nicht mit den heutigen industriellen Kraftfuttermischungen überfüttert. Früher wurden die Pferde nicht über so weite Strecken in Camions oder sogar Flugzeugen transportiert. Heute wird oft fälschlicherweise angenommen, Ruhe sei besser für die Pferde, als sie zu bewegen. Dabei sind Pferde Bewegungstiere. Dies zeigt deutlich auf, dass die Bedürfnisse der Tiere von der Natur und nicht von uns Menschen definiert werden und es elementar ist, diesen Bedürfnissen auch Rechnung zu tragen.
ZUR PERSON
Pierre-André Poncet lebt in den Kantonen Freiburg und Waadt. Ein roter Faden durchzieht seine gesamte berufliche Karriere: Das Engagement für das Wohlergehen der Pferde. Nach dem Studium der Veterinärmedizin war er am Tierspital Bern als Pferdechirurg tätig, danach als Veterinär im Bereich des Pferderennsports im In- und Ausland. Zwischen 1986 und 2010 hatte er als Direktor die Leitung des Schweizer Nationalgestüts in Avenches VD inne. Er ist Mitglied von Cofichev, dem Schweizer Rat und Observatorium der Pferdebranche. In dieser Funktion war er 2011 federführend an der Erarbeitung des ersten Berichts Ethik und Pferd beteiligt sowie an der überarbeiteten Version, welche 2022 publiziert wurde.

