Flamingos wie diese Zwergflamingos seihen mit ihren Schnäbeln Algen, Bakterien und Rädertierchen aus dem Wasser.

Was der Mund für den Menschen und den Säuger, ist der Schnabel für den Vogel. Damit nimmt er Nahrung auf, krächzt, schreit oder singt. Die unterschiedlichen Schnabel-formen sind erstaunlich, passen aber hervorragend in das System der Natur. Jedes Lebewesen hat seine Nische. Darum haben sich die höchst verschiedenen Schnabelformen im Lauf der Entwicklungsgeschichte herausgebildet. So wie bei den Aras Südamerikas.

Araschnäbel sind kräftig und gross. Genau richtig, um Palmnüsse zu knacken. Sie haben eine äusserst harte Schale, so hart, dass der Mensch sie nur mit einem Hammer aufschlagen kann. Besonders die Hyazintharas und die Lear-Aras haben sich auf die Ernährung mit Palmnüssen der Palmengattungen Syagrus, Attalea und Acrocomia spezialisiert.

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Palmen möchten sich ausbreiten, wie jedes Lebewesen. Darum schützten sie ihren Samen, also die Nüsse, im Lauf der Entwicklungsgeschichte mit immer härteren Schalen vor Fressfeinden. Würden alle Nüsse von Tieren gefressen, stürbe die Art aus. Gleichzeitig mit dem Härterwerden der Nussschalen entwickelten sich die Schnäbel der Aras und wurden stärker, sodass sie sich die Nüsse weiterhin als Nahrung erschliessen können. Die wechselseitige Anpassung zweier interagierender Partner wird als Koevolution bezeichnet. Der Wettlauf von Palmen und Aras. Tatsächlich ist es den Palmen gelungen, sich andere Fressfeinde vom Leibe zu halten. Affen etwa können die Nüsse nicht knacken. Die Aras aber haben sich so zu Nahrungsspezialisten entwickelt.

Etwas schwierig wird es, wenn Hyazintharas ihre Jungen in der Nisthöhle mit ihren Riesenschnäbeln füttern. Nistkastenaufnahmen von Paaren unter Menschenobhut zeigten, dass sie den Futterbrei, den sie aus dem Kropf hervorwürgen, regelrecht über den nackten Jungen ausschütten. Sie können ihn kaum gezielt in den winzigen Schnabel geben. Mit ihrer fleischigen Zunge lecken sie die Jungen aber wieder sauber, sodass sie blitzblank werden. Der Papageienschnabel ist so etwas wie ein dritter Fuss. Damit halten sich die Vögel beim Klettern fest, entspelzen Körner, beissen Fruchtstücke heraus oder wehren Feinde ab.

Klimaanlage Schnabel

Die Tukane werfen dagegen ganze Beeren mit ihrem langen, oft bunten Schnabel in den Rachen. Oder aber, sie brauchen den langen Schnabel, um ihn in die Nisthöhlen anderer Vögel, manchmal auch von Papageien, zu stecken und damit Eier oder gar frisch geschlüpfte Junge zu erbeuten. Ihr Schnabel erscheint als schwer. Er ist aber porös und darum leicht. Der Schnabel ist bei manchen Arten viermal grösser als der Kopf und dient nicht nur zur Nahrungsaufnahme, sondern funktioniert als Klimaanlage. Forschungen haben gezeigt, dass Tukane Wärme in den Schnabel ableiten.

Die Hornvögel aus Afrika und Asien haben ähnlich imposante Schnäbel, sind aber nicht mit den Tukanen verwandt. Sie haben sogar wuchtige, hornartige Schnabelaufsätze, die mit Luft gefüllt sind. Um die Gebilde aus lockerem Knochengewebe überhaupt tragen zu können, sind bei ihnen als den einzigen Vögeln die ersten beiden Halswirbel verschmolzen.

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Bunt und krumm sind auch die Schnäbel der kleinen Papageitaucher. Sie haben mit Papageien nichts zu tun, sondern leben ausserhalb der Brutzeit weit draussen auf stürmischen Meeren. Ihr Schnabel ist nur während der Brutzeit so bunt gefärbt, ansonsten ist er blass. Zudem befindet sich über dem Schnabel eine Art von Bügel. Er wird Schnabelscheide genannt und während der Mauser abgeworfen. Schwimmend jagen die Taucher nach Fischen.

Auch der Schnabel von Flamingos ist krumm. Er ist sozusagen verkehrt herum gewachsen und bildet sich erst mit dem Älterwerden der Jungen aus, wenn sie damit beginnen, selbst Nahrung aufzunehmen. Der Schnabel weist zahlreiche Lamellen auf und ist hervorragend dafür geeignet, Salinenkrebschen und Algen aus dem Wasser zu seihen. Mit der Zunge drückt der Flamingo das Wasser schliesslich aus dem Schnabel. In den Lamellen bleibt die Nahrung haften. Wie die Flamingos seiht auch der Löffler mit seinem besonderen, vorne zu einem Löffel geformten Schnabel kleines Wassergetier heraus. Er pendelt damit im Flachwasser hin und her und erbeutet Amphibien, Wasserinsekten und manchmal auch Fische.

Von Säbeln und Schuhen

Ibisse haben lange, dünne Schnäbel, um Würmer aus dem Schlick oder der Erde zu ziehen. Ebenfalls im Schlick, nämlich am Wattenmeer, lebt der Säbelschnäbler. Sein Name ist Programm, denn der Schnabel sieht einem Säbel ähnlich. Er mäht damit durchs Wasser, um aquatische Insekten aufzustöbern und zu fangen, oder stochert an Stränden bei Ebbe im Schlick nach Borstenwürmern. Der Schuhschnabel hat seinen deutschen Namen wegen seines eindrücklichen Hauptmerkmals erhalten. Sein Schnabel ist einmalig in der Vogelwelt, er ist sehr tief und weit und kann mehr als24 Zentimeter messen. Der grau Befiederte steht reglos im Sumpf und stösst plötzlich zu, wenn er Beute ausmacht. Damit er nicht das Gleichgewicht verliert, wirft er den Kopf sofort wieder zurück und stützt sich kurz mit den Flügeln am Boden ab. Er fängt meist Lungenfische und Amphibien, die er sofort verschlingt.

Schnäbel sind perfekt an die Lebensräume angepasst

Am Schnabel ist zu erkennen, wie sich ein Vogel ernährt. Vögel mit kleinen, dünnen Schnäbeln wie etwa Bienenfresser- oder Spintarten sind auf Insektennahrung und Beeren spezialisiert, solche mit dicken Schnäbeln, wie der Kernbeisser, öffnen harte Kerne und Samen. Tatsächlich knackt der Kernbeisser Kirsch- und andere Obstkerne. Innerhalb der Finkenvögel haben die Kernbeisser die markantesten Schnäbel mit einer einmaligen Schneidevorrichtung. Die Schnabelfarbe variiert innerhalb eines Jahres von Blaugrau bis Bläulich ins Dunkelgraue bis Rötliche im Winter.

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Auch der Schnabel des Fichtenkreuzschnabels ist perfekt auf seine Nahrungsaufnahme ausgerichtet. Er ist breit und vorne gekreuzt. Damit kann er problemlos Samen aus den Tannenzapfen herausklauben. Er stochert damit aber auch nach Engerlingen oder öffnet Gallen an Nadel- und Laubbäumen. Wie ein Papagei benützt er den Schnabel, um damit im Geäst herumzuturnen.

Im Gegensatz dazu haben Spechte und Bartvögel Schnäbel wie Meissel. Damit picken sie in morsches Holz oder gar Termitenbauten, um Kerbtiere zu finden und Bruthöhlen zu graben. Ganz anders die Nektar-vögel. Ihre dünnen, filigranen, leicht sichelartigen Schnäbel dienen dazu, Nektar aus Pflanzenblüten aufzunehmen.

Schnäbel dienen nicht nur der Futteraufnahme. Vögel übergeben darin ihrem Partner Futter, kraulen sein Gefieder, imponieren oder graben damit, sammeln Halme und Zweige zum Nestbau, wehren Feinde ab und putzen sich ihre Federn. Ob Schuh oder Pinzette, Vogelschnäbel sind perfekt an die vielfältigen Lebenswelten der Vögel angepasst.