Die Hitze drückt an diesem frühsommerlichen Nachmittag. Sogar im schattigen Muotathal klettert das Thermometer über die 30-Grad-Marke. Von Dezember bis April ziehen die Hunde ihre Schlitten fast täglich durch die verschneiten Landschaften. Heute jedoch liegen sie hauptsächlich in ihren Zwingern und hecheln vor sich hin.

Kaum aber schliesst Betreuerin und Tourenleiterin Sara Reichmuth die Türen auf, schiessen die Huskys heraus, als ob sie zu Höchstleistungen bereit wären. «Die Hunde wollen immer ziehen», weiss Carlo Heinzer, Mitgründer der Muotathaler Husky Lodge. Er betont jedoch, dass die Vierbeiner die Hitze deutlich schlechter vertragen als Menschen. Auch wenn man es ihnen nicht immer ansieht. «Deshalb müssen wir dafür sorgen, dass es ihnen nicht zu viel wird.» Das Tagesprogramm ist auf Spaziergänge reduziert, die stets an einem Kaltluftloch vorbeiführen. Dieses befindet sich nur wenige Meter vom Hundegehege entfernt. Schräg oberhalb des Weges, der an den Zwingern vorbeiführt, tritt eisig kalte Luft aus dem Fusse des Berges.

Fünf bis neun Grad zeigen die drei Thermometer an, die direkt unter dem Loch die Temperatur messen. Die Messung variiert, je nachdem, wo genau die Thermometer stehen. Grundsätzlich ist die Temperatur, die aus einem solchen Kaltluftloch strömt, aber immer dieselbe. Denn sie stammt hier aus dem Schuttkegel eines längst vergangenen Bergsturzes. Die Luft sammelt sich zwischen dem Blockschutt und kühlt sich ab. Da kalte Luft sinkt, tritt sie aus Spalten und Löchern am Talgrund wieder an die Erdoberfläche.

So funktioniert ein KaltluftlochWoher kommt der kühle Luftzug, der bei einem Kaltluftloch hinausströmt wie aus einer Klimaanlage? Entscheidend ist, zu wissen, dass kalte Luft sinkt. Gibt es an der Basis einer Höhle ein Loch, kann diese kalte Luft entweichen und es entsteht ein ständiger Luftzug: Durch das Austreten der Kaltluft wird oben wieder wärmere Luft angesogen und so entsteht ein ständiger Kreislauf. Dieser Kreislauf funktioniert so lange die Aussentemperatur oben beim Eintritt wärmer ist als unten an der Austrittstelle. Während der kalten Jahreszeit tritt das Gegenteil ein. Warme Luft steigt bekanntlich und zieh von unten kalte Luft nach. 

Mit angenehmen Folgen für Tier und Mensch: Da die kalte Luft vom Höhlenausgang weiter hinabfliesst, kühlt sie den gesamten Weg, der etwa anderthalb Meter unter dem Loch vorbeiführt. Trotz mehr als 30 Grad Aussentemperatur fühlt es sich dort an, als ob man in einen Weinkeller hinabsteigen würde. Auch für die Huskys dürfte der Weg eine willkommene Abkühlung sein. Anmerken lassen sie sich beim Spaziergang mit Sara Reichmuth und Carlo Heinzer aber nichts. Zu beschäftigt sind die Hunde dabei, ihre beiden Betreuer an der Leine vorwärtszuziehen. Nach einem längeren Halt verwandelt sich ihre Gangart in ein temporäres Hüpfen. «Wir haben mehrere solche Hunde», erzählt Reichmuth belustigt. «Eine Hündin springt zu Beginn jeweils wie ein Känguru, doch nach ein paar Metern beruhigt sie sich dann wieder.»

Wohlfühloase für Huskys geplant

Das Rudel der Muotathaler Husky Lodge besteht aber nicht nur aus jungen Wilden, sondern auch aus älteren und erfahreneren Vierbeinern. Das Betreuungsteam achtet darauf, dass jeweils ein bunter Mix die Schlitten und Gäste durch die Innerschweizer Landschaft zieht. Manch einen Hund hat das Team selbst gezüchtet und aufgezogen. Aktuell sei man jedoch von dieser Praxis abgekommen. «Junge Welpen aufzuziehen ist extrem zeitintensiv», erklärt Mitinhaber Carlo Heinzer. Viele der jungen Hunde stammen deshalb mittlerweile aus Zuchten.

«Wir hoffen sehr, dass sie es hier schöner haben als anderswo», sagt Heinzer. Damit meint er nicht nur die gute physische Auslastung, sondern auch das kühle Klima dank nächtlichen Talwinden und den Kaltluftlöchern. Um dieses noch besser zu nutzen, prüft er eine Erweiterung des Hundegeheges, damit sich die Huskys dort selbstständig abkühlen könnten.

Eine andere Möglichkeit, die natürliche Klimaanlage zu nutzen, böte das Restaurant der Lodge. Mit dem Zuführen der Kaltluft könnte dieses im Sommer auf angenehme Temperaturen gekühlt werden, ist sich Carlo Heinzer sicher.

Alte Tradition

Kaltluftlöcher für den Alltag zu nutzen, war bis vor wenigen Jahrzehnten noch gang und gäbe im Muotathal. Besonders auf den Alpen dienten sie als Kühlkeller, weiss Lokalhistoriker Walter Imhof. «Nach dem abendlichen Melken stellte man die Milch in extra dafür hergestellten Holzgeschirren dort hinein, damit sie kühl blieb», erklärt er. Am nächsten Morgen holte man sie wieder hervor und verarbeitete sie zusammen mit der frischen Milch vom morgendlichen Melken zu Käse oder Butter. So wurde die wertvolle Milch als Lebensmittel für den Winter haltbar gemacht. «Von den fast 30 Alpen im Muotathal hatten alle solche Kühlkeller», weiss der ehemalige Lehrer. «Ohne diese hätte man dort oben nicht überleben können. Denn um zwei Mal täglich zu käsen, fehlte oft die Menge an Milch und schlicht auch die Zeit.»

Dieses Problem kannten nicht nur die Muotathaler. «Kaltluftlöcher kommen überall im Alpenraum vor, wo das Grundgestein aus Kalk besteht», erklärt Walter Imhof. Und dort wurden sie auch genutzt. Im Kanton Uri beispielsweise werden diese Kühlkeller «Nidler» genannt, was vom Dialektwort «Nidle» stammt, welches «Rahm» bedeutet.

Entstehung von KaltluftlöchernWährend der letzten Eiszeit rückte der Gletscher im Muotatal weit vor. Beim Rückzug der Eismassen begann der Druck auf die beidseitigen Bergflanken zu schwinden und es kam zu Hangrutschungen und Bergstürzen, bei denen Teile der Flanken wegbrachen. Bis heute prägen eindrückliche Schutthalden und riesige Felsblöcke die Abhänge der Talseiten und erinnern an diese Naturgewalt. Im Innern der so entstandenen Schutthalden entstanden Hohlräume, in denen das ganze Jahr über eine konstant tiefe Temperatur herrscht. Am Fusse dieser Bergsturzkegel strömt die in den Hohlräumen sich sammelnde Kaltluft durch unzählige von kleinen Löchern und Spalten aus dem Erdinnern.

Wo es keine Kaltluftlöcher gab, hatten die Leute andere Methoden, ihre Milch zu kühlen: in selbst gegrabenen Erdkellern, in Kühlkellern über austretendem Quellwasser oder im Wasser von Bergbächen. «Gleich hier 500 Meter weiter unten im Tal steht auch im Muotathal noch ein wassergekühltes ‹Milchhuusli›», verrät Imhof. Dieses sei zwar nicht mehr in Betrieb, könnte aber jederzeit wieder funktionstüchtig gemacht werden.

Eine weitere Zeugin einer Zeit, in der die Menschen auch noch Zughunde besassen, um Waren von Dorf zu Dorf zu transportieren. «Mein Vater arbeitete ebenfalls noch mit Zughunden», erzählt Carlo Heinzer. Ein Stück weit erinnern also auch seine Husky-Schlittenfahrten an die gut gehütete Lokalgeschichte des Muotathals.