«Chli stinke muess es» ist nicht nur das Motto von Raclette- und Fondue-Fans. Im Konferenzraum des um 1900 erbauten Gutshauses des Naturcampus Bockum in Deutschland steckt Corinna Kuhn die Nase in einen durchsichtigen Plastikbeutel und weicht sofort zurück. «Eindeutig Wolf!», verkündet sie. Der Geruch der Raubtierlosung ist unverkennbar und unterscheidet sich in seiner Intensität deutlich von Hundekot. Kuhn öffnet ein Fenster, um etwas frische Luft in den kleinen Raum zu lassen, bevor die Ergebnisse des Tages durchgegangen werden.

Zusammen mit acht anderen Freiwilligen aus aller Welt ist sie gespannt auf die Erlebnisberichte. Keinen der Teilnehmenden scheint es zu stören, dass auf den Tischen vor ihnen weitere Beutel mit Wolfslosungen liegen. Für sie ist dies das Zeichen für einen erfolgreichen Tag.

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Ein sinnvoller Urlaub

Eigentlich widmet Corinna Kuhn ihren Alltag mehr den Menschen als den Tieren. Als Pflegefachfrau betreute sie in Frankfurt am Main zuletzt nicht nur Fremde, sondern auch ihren Mann. Als dieser schliesslich verstarb, brach eine kleine Welt für sie zusammen. Nun, zwei Jahre später, wagt sie ihren ersten Urlaub alleine. Und den möchte sie nicht an einem Strand oder in einem Hotel verbringen, sondern etwas Sinnvolles tun. So kam sie zu Biosphere Expeditions.

Die Organisation entsendet Freiwillige an verschiedene Orte der Welt, um bei Naturschutzprojekten mitzuhelfen: Auf den Azoren werden Wale beobachtet und identifiziert, in Kirgistan mit Kamerafallen nach Schneeleoparden gesucht, auf den Malediven Korallenriffe überwacht und in Deutschland nach Spuren von Wölfen Ausschau gehalten.

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Einst ausgerottet, heute zurück

Kuhns Gruppe besteht aus neun Männern und Frauen aus Deutschland, Grossbritannien, Spanien und den USA. Sie alle wollen mehr zum Wissen über den Wolf und zu einer sachlichen Diskussion über seine Rückkehr nach Zentraleuropa beitragen.

So war Corinna Kuhn den ganzen Tag in der Lüneburger Heide unterwegs. Zusammen mit ihrem Teampartner lief sie die sandigen Wege der Waldlandschaft ab, in der Hoffnung, auf Spuren des Wolfs zu stossen. Seit im Jahr 1905 der letzte Wolf geschossen wurde, galt er in Deutschland lange als ausgerottet.

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Adlige sahen ihn als Konkurrenz bei der Jagd, Hirten als Fressfeind ihrer Schafe, und die Kirche als Symbol des Bösen. Über 80 Jahre dauerte es, bis sich einzelne Individuen aus den Nachbarländern über die Grenze wagten – insbesondere, da die Bejagung in der DDR erlaubt war. Erst seit der Wiedervereinigung 1990 gilt der Wolf deutschlandweit als geschützte Art.

Wolfsmonitoring in der Schweiz«Das Wolfsmonitoring in der Schweiz läuft ähnlich ab wie in anderen Ländern: Es nutzt Informationen aus verschiedenen Quellen, zum Beispiel Kamerafallenbilder, genetische Proben und Zufallsbeobachtungen », erzählt Sven Buchmann, Wildtierbiologe bei KORA. «Alle diese Daten werden kombiniert, um die Wolfssituation mit besonderem Fokus auf die Rudelsituation laufend einzuschätzen». In der Schweiz sind es primär Wildhüterinnen und Wildhüter, aber auch andere vom Kanton ausgebildete Personen, welche Proben für die genetische Analyse sammeln. «Privatpersonen können sich am Monitoring beteiligen, indem sie Funde dem zuständigen Wildhüter oder der Jagdverwaltung melden», so Buchmann. Die Proben werden an KORA weitergeleitet und im Laboratoire de biologie de la conservation (LBC) der Universität Lausanne analysiert. So wird nicht nur die Tierart bestimmt, sondern – falls es sich um einen Wolf handelt – auch das Individuum ermittelt. Zudem geben Elternschaftsanalysen darüber Auskunft, ob die nachgewiesenen Tiere miteinander verwandt sind. «Im Monitoringjahr 2024 wurden in der Schweiz so 320 Wölfe nachgewiesen. Diese Zahl errechnet sich aus der Anzahl genetisch nachgewiesener Individuen, sowie den im Feld beobachteten Welpen», berichtet Buchmann. Das Monitoring wird vom Bundesamt für Umwelt (BAFU) finanziert, da es sich beim Wolf um eine eidgenössisch geschützte Tierart handelt. Die Kantone beteiligen sich finanziell, indem sie die Arbeit der Wildhüter und der Jagdverwaltung finanzieren.

Zahlen und Verbreitung

1998 siedelte das erste Wolfspaar aus Polen in Sachsen an, und 2000 wurden die ersten Welpen nachgewiesen. Auch in Niedersachsen, zu dem die Lüneburger Heide gehört, gibt es seit 20 Jahren wieder Wölfe. In dem nach Bayern zweitgrössten Bundesland Deutschlands sind aktuell 59 Wolfsrudel, 3 Wolfspaare und 2 Einzeltiere nachgewiesen.

Wenn man davon ausgeht, dass ein Rudel im Schnitt aus acht bis zehn Tieren besteht, liegt die Populationsgrösse somit bei 400 bis 500 Individuen auf einer Fläche von rund 47700 Quadratkilometern.

Die Wolfsdichte ist in Niedersachsen somit etwa halb so hoch wie in der mit 41291 Quadratkilometern etwas kleineren Schweiz, in welcher aktuell 320 Wölfe nachgewiesen sind.

Spuren statt Sichtungen

Trotz der wahrscheinlich relativ hohen Dichte an Wölfen in der Lüneburger Heide ist eine direkte Beobachtung der Tiere selten. Eine typische Wolfsfamilie beansprucht ein Territorium von 150 bis 350 Quadratkilometern.

Dies entspricht in etwa der Grösse der Städte Zürich und Winterthur zusammen (158 Quadratkilometer) oder einem Drittel der Fläche des Bodensees (536 Quadratkilometer). Corinna Kuhn wusste daher schon von vornherein, dass sie wohl keinen Wolf direkt zu Gesicht bekommen würde.

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Kot als Informationsträger

Um an die gewünschten Daten zu gelangen, werden daher indirekte Nachweise der Tiere erfasst, darunter vor allem Losung. Um beides zu erkennen und einem Wolf zuordnen zu können, durchliefen die Freiwilligen von Biosphere Expeditions in den ersten beiden Tagen ihres Aufenthalts in der Lüneburger Heide eine intensive Schulung, geleitet von Charlotte Steinberg.

Neu mit dabei ist ihr Hund Theo, ein Dalmatinerrüde, welcher aktuell zum Artenspürhund ausgebildet wird und bei der Suche nach Wolfslosung helfen soll.

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Die Mühe lohnt sich

Auf ihrer Suche nach Wolfspuren legen die Freiwilligen pro Tag zwischen 12 und 20 Kilometer zu Fuss zurück. Dass sie dabei keinem Wolf begegnen, scheint sie nicht zu stören. «Wir sehen jeden Tag so viele andere schöne Dinge», berichtet Corinna Kuhn.

Müde vom Fussmarsch und den vielen Eindrücken versammeln sich die Teilnehmenden jeden Abend nach dem Essen im kleinen Konferenzzimmer der Unterkunft in Bockum. An den strengen Geruch des gesammelten Wolfskots haben sich die meisten bereits gewöhnt.

Am Ende der Woche kommt einiges zusammen: 44 Kotproben – davon neun für DNA-Analysen – sowie diverse Fussspuren aus unterschiedlichen Gebieten. Insgesamt haben die Freiwilligen über 300 Kilometer zurückgelegt.

Nach sieben anstrengenden, aber auch ereignisreichen Tagen in der Natur verabschieden sich Corinna Kuhn und die anderen acht Teilnehmenden von Charlotte Steinberg. Die Biologin wird den Rest des Tages damit verbringen, Material aufzufüllen, denn bereits am nächsten Tag trifft eine neue internationale Gruppe von Freiwilligen ein – und das diesjährige Wolfsmonitoring geht in die zweite Runde.

Beissvorfälle mit WölfenObwohl gerade junge Wölfe durchaus neugierig sein können, sind Wölfe dem Menschen gegenüber in der Regel scheu. «Mit der Ausbreitung der Wolfspopulation in der Schweiz kommt es vermehrt zu Sichtungen in der Nähe von Siedlungen. Diese Begegnungen sind in der Regel jedoch unbedenklich», versichert Sven Buchmann von KORA. Diese Aussage stützen Studien des Norwegian Institutes for Nature Research (NINA), das seit Jahrzehnten Daten zu Angriffen durch Wölfe sammelt. Von 2002 bis 2020 kam es demnach weltweit zu insgesamt 489 Wolfsangriffen, die meisten davon durch an Tollwut erkrankte Tiere. So war es 2009 auch ein tollwütiger Wolf, der in Kroatien einen Mann biss. Zwei weitere Beissvorfälle, einer in Italien und einer in Polen, geschahen durch angefütterte und dadurch an den Menschen gewöhnte Wölfe. Ein weiterer Wolf biss in Nord-Makedonien einen Mann, der versuchte, ihn am Schwanz aus einer Scheune zu ziehen. Insgesamt kam es zu lediglich fünf verifizierten Beissvorfällen durch Wölfe in Europa, keiner davon war tödlich.