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Mit Pommernenten zum Lebenstraum: Anja Tschannen aus Pensier (FR) erhält alte Nutztierrassen

Seit zwölf Jahren prägen Pommernenten das Leben von Anja Tschannen. Auf ihrem Hof swissrara in Pensier (FR) setzt sich die Agronomin für den Erhalt alter Nutztierrassen ein und hat sich damit einen lang gehegten Wunsch erfüllt.

Anja Tschannen steht neben einem weissen Stall. Es ist einer von acht selbstgebauten, mobilen Unterständen, die sich auf einem Feld hinter ihrem Hof swissrara in Pensier (FR) befinden. Die 35-Jährige, in einem Armee-T-Shirt und einer Arbeitshose gekleidet, wischt sich über die Stirn. Es ist kurz vor 10 Uhr, doch die Hitze, die das Land bereits Ende Mai im Griff hat, ist schon vormittags spürbar.

Das Geschnatter, das aus den Ställen ertönt, lässt erahnen, welche Tiere sich darin befinden könnten. Tschannen öffnet eine Luke. Zwei Sekunden lang passiert nichts. Plötzlich erscheint der erste Schnabel im Blickfeld, und dann geht es so richtig los: Innert wenigen Augenblicken flattern zehn Pommernenten heraus. Schnatternd steuern sie den Teich an, der sich einige Meter weiter befindet, und platschen zufrieden ins kühle Nass. Tschannen schaut ihnen grinsend zu. «Das sind sie, meine Pommies!», sagt sie und macht sich auf, um den nächsten Stall zu öffnen.

Mit Pommernenten zum Lebenstraum: Anja Tschannen aus Pensier (FR) erhält alte Nutztierrassen
Anja Tschannens Pommernentenzucht begann als Projektarbeit während ihres Agronomie-Studiums.

Die «Pommies» spielen seit bald zwölf Jahren eine prägende Rolle im Leben der Agronomin. Denn Pommernenten sind keine gewöhnlichen Wasservögel, sondern eine der 42 alten Nutztierrassen von ProSpecieRara. Ursprünglich aus Vorpommern stammend, gelten sie bis heute als älteste Entenrasse Deutschlands: Bereits im 18. Jahrhundert wurden Pommernenten aus gleichgezeichneten schwarzen und grauen Enten zusammengefasst.

Die Allesfresser sind bekannt für ihr elegantes Aussehen, ihr feines Fleisch, ihr rasches Wachstum und ihre Legeleistung. Seit den 1920er-Jahren werden Pommernenten auch in der Schweiz gezüchtet und gefördert. Die Bestände sind jedoch auch hierzulande klein: Nur wenige Züchterinnen und Züchter nehmen sich der Rasse an. Eine davon ist Anja Tschannen. Für sie markieren die Pommernenten den Beginn der Erfüllung ihres Lebenstraums.

Wegweisende Projektarbeit

Begonnen hat alles 2014. Im Rahmen ihres Agronomie-Studiums an der Hochschule für Agrar-, Forst- und Lebensmittelwissenschaften HAFL in Zollikofen (BE) suchte Anja Tschannen nach einem Projekt für ihre Bachelorarbeit. «Seit ich mit etwa 16 Jahren eine Tier-Expo von ProSpecieRara besucht hatte, wusste ich, dass ich einmal einen Betrieb mit alten Nutztierrassen führen möchte», erzählt die Freiburgerin. «Für mich war klar, dass ich meine Bachelorarbeit für ein Thema nutzen möchte, das mich auch in der Zukunft weiterbringt.»

Schnell kam die damalige Studentin auf die Pommernente. «Ich wollte der Frage nachgehen, ob man diese Rasse mästen und vermarkten kann.» So sammelte Tschannen, die damals in einem Zimmer in der HAFL wohnte, Eier zweier verschiedener Blutlinien und brütete sie ohne Vorkenntnisse im Technikraum der Hochschule aus.

Mit Pommernenten zum Lebenstraum: Anja Tschannen aus Pensier (FR) erhält alte Nutztierrassen
Anstelle von Zähnen haben Pommernenten feine, hornartige Leisten, die Lamellen genannt werden.

Das Pommernenten-Projekt mit dem Zweck, die Rasse langfristig zu erhalten, war geboren. «Es war eine lustige Zeit», erinnert sich die Freiburgerin. «Plötzlich hatten wir 150 Enten an der Schule. Ein Bauer stellte dafür Land zur Verfügung. So hatte ich Freilandenten mit einer kleinen Mastanlage!»

Nach dem erfolgreich abgeschlossenen Studium zog es Tschannen und ihre «Pommies» im Jahr 2015 zurück nach Pensier (FR). Dort gibt es mittlerweile eine Brutstation, eine Zucht- und eine Freimastanlage sowie acht Schwimmteiche, die aus eigenem Quellwasser gespiesen werden. In der ganzen Anlage stecke viel Eigenleistung, erzählt Tschannen. Denn mittlerweile leben hier weit mehr Tiere als nur Pommernenten.

Von Fleisch zu Eiern?

Denn Anja Tschannen hielt an ihren Träumen fest. Einerseits absolvierte sie zwischen dem Studium und der Betriebsführung mit ihrem eigenen Pferd die Train-Rekrutenschule. «Das war eine spannende Zeit – und mein Kindheitstraum», schwärmt die 35-Jährige. «Aber ein Betrieb mit alten Nutztierrassen ist mein Lebenstraum, den ich mir hier erfüllt habe!»

Was als Bachelorarbeit begonnen hatte, ist zu ihrem Hof swissrara geworden. Die vier Pommernenten-Zuchtgruppen teilen sich die Schwimmteiche mit anderen alten Nutzgeflügeln, den Diepholzer Weidegänsen.

Mit Pommernenten zum Lebenstraum: Anja Tschannen aus Pensier (FR) erhält alte Nutztierrassen
Pommernenten und Diepholzer Weidegänse bilden bei swissrara eine Weidegemeinschaft.

Damit ist die Liste an ProSpecieRara-Tieren des Betriebs aber noch längst nicht abgeschlossen: Auf ihrem Betrieb hält Tschannen zudem zwei Freiberger Pferde, Evolèner Rinder, Rätisches Grauvieh und einen Appenzeller Sennenhund namens Max. In der Geflügelzuchtanlage spenden verschiedene ProSpecieRara-Hochstammbäume Schatten, ausserdem baut die Agronomin auf einem Versuchsfeld verschiedene alte Gemüsesorten an.

Bei swissrara haben jedoch auch Tiere Platz, die keiner alten Rasse angehören: Pekingenten, Hühner, Katzen und seit Kurzem auch Pensionsschweine, gehören ebenfalls zum Betrieb.

Besonders Freude bereitet hätten ihr jedoch schon immer Mehrnutzungsrassen, verrät Tschannen. Bei den Pommernenten sind es Fleisch und Eier, die als Delikatesse gelten. Das rote Pommernenten-Fleisch beschreibt die Betriebsleiterin als «ein bisschen wie Wild, aber mit einem spezifischen Eigengeschmack». Sie liefert es auf Bestellung an einige Restaurants. Aber: «In der Schweiz gibt es keine Esskultur rund um Entenfleisch. Das wird sich auch nicht verändern. Ich kann mir daher gut vorstellen, den Fokus mehr auf die Eier zu legen.»

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Die Eier der Pommernenten können verschiedene Farbvarianten aufweisen.

Bis zu 40 Pommernenteneier pro Tag fallen aktuell auf der Geflügelanlage an. «Ich überlegte mir, was man daraus machen könnte, und kam auf Spätzli. Und das Allerbeste an dieser Geschichte: Ich fand erst vor Kurzem heraus, dass man gequirlte Eier problemlos einfrieren kann. Das ist das Learning der diesjährigen Entensaison!», erzählt Tschannen freudig. Genau solche Erkenntnisse würden sie weiterbringen. «Ich konnte mich mit den Tieren entwickeln und so in den Betrieb hineinwachsen.»

Doch Tschannen arbeitet nicht nur auf dem Hof, sondern ist auch hochprozentig als Redaktorin für den «Schweizer Bauer» im Einsatz. Dieses Zusammenspiel funktioniere dank viel Homeoffice, guter Selbstorganisation und der saisonalen Produktion ihrer Tiere, erklärt die Bäuerin. Eine strenge Arbeitszeit-Freizeit-Trennung mache sie nicht. «Denn es ist meine Lebenszeit. Ich versuche, möglichst viele Sachen zu machen, die ich gerne mache – und das den ganzen Tag.»

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