Die sieben Hunde-Charakteren

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Verhalten
Während meist von der Rasse auf den Charakter des Hundes geschlossen wird, verfolgen die drei Gründerinnen von «Kommunikation Hund» einen anderen Ansatz. Sie unterscheiden sieben Hundetypen anhand ihrer Fähigkeiten und Instinkte. 

Samstagmorgen auf einem Hundeplatz in Rothenburg LU. Acht Personen haben sich versammelt, um mit ihren Hunden am Seminar von Silvia Küng aus Läufelfingen BL, Luzia Candreia aus Azmoos SG und Nadine Graage aus Neuenkirch LU teilzunehmen. Was sie erwartet, wissen sie nicht. Und sie sind skeptisch: Zu oft hielten Hundeschulen ihre Versprechen nicht ein, zu lange stehen sie bereits mit den üblichen Methoden an. 

Da ist etwa Dalmatiner-Hündin Yuri, ein Wirbelwind, der gemäss Frauchen manchmal «än Egge ab» hat. Oder Appenzeller-Mix-Rüde Brix, der sich mit seiner stürmischen Art in der Nachbarschaft unbeliebt gemacht hat. «Wir gehen davon aus, dass jeder einzelne Hund über bestimmte Anlagen und Fähigkeiten verfügt, die er innerhalb eines Rudels einbringen kann», erklärt Luzia Candreia zu Beginn des Seminars die Philosophie der drei Seminaranbieterinnen von «Kommunikation Hund». Diese von Geburt gegebenen Voraussetzungen formen den Charakter des Hundes. 

Die Rudelorganisation
Der führende Leithund führt mit grossem Weitblick das Rudel – egal ob Hunde oder Menschen – sicher an. Begleitet wird er vom territorialen Assistenten, der ihm bei Aussenreizen zu Hilfe eilt. Der soziale Leithund wiederum übt wie ein kleiner «Sheriff» die Kontrolle über das Rudel aus, indem er innerhalb der Rudelmitglieder Ordnung schafft. Ihm zur Seite stehen der soziale Wächter und der soziale Assistent. Der territoriale Leithund analysiert währenddessen mit all seinen Sinnen die Umgebung und wird vom territorialen Wächter beschützt,
wenn Gefahr droht.

Strategen und Assistenten
Da gibt es zum einen die Leithunde. Damit ist nicht das gemeint, was man gemeinhin unter «Alpha-Tier» versteht, sondern Hunde, die strategisch denken und wichtige Entscheidungen für das Rudel – bestehend aus Hunden oder aus Hunden und Menschen – treffen. Zum anderen gibt es sogenannte Dienstleister, die die «Befehle» der Leithunde ausführen. «Letztere sind meist gute Jagd- oder Wachhunde. Sie sind im Verband mit dem Menschen sehr arbeitsfreudig und bei entsprechender Anleitung leicht zu führen», erklärt Candreia. «Die Leithunde hingegen sind eigenständige Entscheider und müssen vom Menschen erst überzeugt werden, ehe sie kooperativ sind.» 

Daneben unterscheiden sich die Hunde in ihren Instinktanlagen. «Die einen haben einen ausgeprägten Territorialinstinkt, interessieren sich für die Umgebung und dafür, was ausserhalb des Rudels passiert», erklärt Candreia. «Bei den anderen dominiert der Sozialinstinkt und damit das Interesse vor allem an Hunden, Menschen und anderen Lebewesen.» So ergeben sich sieben Hundetypen (siehe Box), die je ganz eigene Verhaltensweisen und Bedürfnisse im Zusammenleben mit Menschen und Artgenossen zeigen. 

Mit diesem Hintergrundwissen geht es nun darum, herauszufinden, um welche Hundetypen es sich bei Yuri, Brix und Co. handelt. Dafür werden die einzelnen Hunde von den Haltern auf den eingezäunten Hundeplatz geführt, auf dem sich der Vierbeiner frei bewegen und so seinen Charakter zeigen kann. Silvia Küng kommentiert derweil Laufbild, Orientierung und Tempo des Hundes. 

Hündin «sammelt» Menschen ein
Als Erstes betreten Yuri und ihre Besitzer den Platz. Kaum von der Leine gelassen, rast die Dalmatiner-Hündin zu den anderen Teilnehmern, die das Geschehen ohne Hund hinter einem Zaun beobachten. Der Platz, die Gerüche, der Baum in der Ecke und die Grasbüschel am Zaun interessieren Yuri nicht; sie achtet nur auf die Menschen, die sie durch den Zaun beschnuppert. Dann rennt sie zurück zu Frauchen und Herrchen auf dem Platz und wieder zurück zu den Zaungästen. Die Hündin wirkt planlos. «Sie ist sehr pflichtbewusst, möchte das Rudel zusammenhalten und wird hektisch, wenn ihre Bemühungen nicht erkannt werden», sagt Küng. Für die drei Seminaranbieterinnen ist klar: Yuri ist eine soziale Leithündin. 

Nun werden die anderen Seminarteilnehmer auf den Platz geschickt. Yuri stupst einen nach dem anderen mit der Schnauze sanft an. «Sie sammelt euch ein», ruft Küng vom Zaun auf den Platz. «Folgt ihr, wenn sie das tut.» Nach und nach formt die Hündin das Gewusel auf dem Platz zu einer geordneten Gruppe, bis die Menschen beieinander stehen. Erst jetzt kommt Yuri zur Ruhe. «Das heisst jetzt nicht, dass man sie ständig alle Menschen und Hunde einsammeln lassen muss», sagt Küng. «Es reicht, ihr zu sagen, dass man um ihre Bemühung weiss, Ordnung schaffen zu wollen, dass das aber in der Menschenwelt nicht immer angebracht ist.» 

Wie das gehen könnte, zeigt Appenzeller-Mix-Rüde Brix, der bereits vor einem halben Jahr als sozialer Leithund identifiziert wurde. Er legt zunächst ein ähnliches Verhalten an den Tag wie Yuri. Da Herrchen und Frauchen ihm mit ruhiger Stimme erklären, dass er sich nicht um die Reize der Aussenwelt kümmern muss, wird der Rüde sofort entspannter. «Durch das Seminar haben wir erkannt, dass Brix nicht einfach nur ein ‹Lööli› ist, für den ihn alle halten, sondern ein Charakterhund mit besonderen Fähigkeiten», sagt Frauchen. «Seither hat sich das Blatt gewendet.» 

Erkennen ist eine Hilfe im Alltag
Nachdem alle Hunde auf dem Platz ihren Charakter zeigen konnten, wird die Einschätzung am Nachmittag quasi «gegengetestet», indem jedem Hund ein Artgenosse zur Seite gestellt wird, der vom Charakter her passt. Dabei kommen die Hunde der Seminaranbieterinnen zum Einsatz, die jeweils ein Rudel mit vier bis fünf passenden Hunden halten. So erhält Yuri Windhund-Mix Silas, den sozialen Assistenten aus Silvia Küngs Rudel, an seine Seite. Und Brix kriegt Gesellschaft von der sozialen Assistentin Bugs aus dem Rudel von Luzia Candreia. Alle Hundepaare zeigen grosses Interesse am Gegenüber und beweisen mit ihrem sozialem Umgang miteinander, dass die Einschätzung passt, wie Küng sagt. 

Am Ende des Tages gehen die Teilnehmer mit einem anderen Blick auf ihre Hunde nach Hause. «Durch das Wissen darüber, welchen Typ Hund man hat, entsteht ein Verständnis für ihn, das einem im Alltag eine grosse Hilfe sein kann», erklärt Nadine Graage. So könne man den Hund unterstützen und ihm helfen, sich in den jeweiligen Situationen andere, für die Menschenwelt besser akzeptierbare Verhaltensweisen anzueignen. Hilfe dazu bieten die drei Frauen von «Kommunikation Hund» in Tagesseminaren mit jeweils unterschiedlichen Fragestellungen an – etwa nach der idealen Beschäftigung, dem Umgang mit dem Hund unterwegs und mit Kindern.

www.kommunikation-hund.ch

Literaturtipp
Silvia Küng: «Sozialpartner Hund», 
Verlag: Oertel + Spörer, 
ISBN: 978-3-88627-879-4, ca. Fr. 30.–

Autor

Carmen Epp

Carmen Epp

Kurz nach ihrem ersten Einsatz für die «Tierwelt» 2014 hat sich Redaktorin Carmen Epp – damals fürs Hunde-Ressort zuständig – einen Traum erfüllt und sich einen Hund zugelegt – auf Spesen, wie man munkelt. Nach einem kurzen Abstecher in ihre Heimat, den Kanton Uri, kehrte sie zur «Tierwelt» zurück. Nun betreut sie die Ressorts «Natur und Umwelt» sowie die Leserkolumnen, während Boston Terrier Chippy unter dem Tisch schnarchend sein Redaktionshundedasein geniesst – und so manchen Input fürs Hunde-Ressort liefert.

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