Entspannt am 1. August

Mensch hält Hund die Ohren zu
Hunde und Feuerwerk
Viele Hunde reagieren geradezu panisch auf die Feuerwerksknallerei rund um denNationalfeiertag. Eine Expertin erklärt, was man dagegen tun kann.

Wenn rund um den Schweizer Nationalfeiertag Feuerwerk und Knallkörper gezündet werden, ist das für viele Hunde der blanke Horror. Studien zufolge leiden zwischen einem Viertel und der Hälfte aller Haushunde unter Geräuschangst, ausgelöst durch Feuerwerke oder Gewitter. Stefanie Riemer, Verhaltensbiologin und Leiterin der Hundeuni Bern an der Vetsuisse-Fakultät, Universität Bern, hat sich intensiv mit dem Thema beschäftigt. Sie weiss, was im Akutfall zu tun ist – und wie man den Ängsten langfristig entgegenwirken kann. 

Ist der Hund von Geräuschangst betroffen, sind einerseits kurzfristige Managementmassnahmen, wenn ein unvermeidbares Ereignis bevorsteht, zu bedenken und andererseits ebenso langfristige Trainingsmassnahmen. Wenn die Zeit kurz vor dem Nationalfeiertag für vorbereitendes Training viel zu knapp ist, gilt es vor allem, das Sicherheitsgefühl des Hundes zu fördern und dafür zu sorgen, dass er die angstauslösenden Reize nicht so intensiv wahrnimmt. Riemer empfiehlt dafür, einen sicheren Rückzugsort für den Hund bereitzustellen. «Idealerweise sollte dieser bereits vor der Feuerwerksnacht mit positiven Dingen wie zum Beispiel Kausachen und Streicheleinheiten verknüpft werden», rät die Expertin. Damit die Knallerei weniger auffällig ist, kann Musik, insbesondere solche mit tiefen Basstönen, abgespielt oder auch einfach der Staubsauger laufen gelassen werden, sofern der Hund davor keine Angst hat. Um optische Reize auszublenden, sollten Vorhänge oder Fensterläden geschlossen werden.

«Es gehört schliesslich zu einer gesunden Bindung, den Partner in Notsituationen nicht alleine zu lassen.»
Stefanie Riemer
Verhaltensbiologin

Den Hund in seiner Angst zu ignorieren, sei entgegen früheren Empfehlungen nicht ratsam, sagt Riemer. Wenn der Vierbeiner Unterstützung und Nähe sucht, sollte diese gewährt werden. «Es gehört schliesslich zu einer gesunden Bindung, den Partner in Notsituationen nicht alleine zu lassen.» In Untersuchungen habe sich gezeigt, dass Stressanzeichen von Hunden durch Zuwendung, etwa in Form von Streicheleinheiten, verringert werden können. Wichtig sei dabei, selbst positive Emotionen auszustrahlen.

Geräusch zu etwas Positivem machen
Die Annahme, dass die Angst verstärkt werden könnte, wenn man dem Hund Zuwendung oder Futterbelohnungen gibt, sei ebenfalls falsch, sagt Riemer. Im Gegenteil: «Die positiven Erfahrungen führen zu einer positiveren Emotion, woraufhin der Hund in der Folge auch sein Verhalten ändert.» Die Gabe von Leckerlis sei also durchaus empfehlenswert – auch dann noch, wenn der Hund bereits Angstverhalten zeige.

Viele Besitzer probieren, ihren Hund mit beruhigenden Mitteln in seiner Angst zu unterstützen. Deren Wirksamkeit konnte allerdings überwiegend nicht nachgewiesen werden. Die Erfolgsrate von Pheromonen bei Hunden mit Feuerwerksangst etwa lag laut einer gross angelegten Fragebogenstudie bei lediglich 28,8 Prozent. Mit 27 Prozent ähnlich erfolgreich waren Nahrungsergänzungsmittel. Mit einer Erfolgsrate von 31,1 bis 35,1 Prozent in einem ähnlichen Bereich lag auch die Wirksamkeit von pflanzlichen Produkten. Es sei daher anzunehmen, dass deren Verwendung bei ernsthaften Ängsten nicht ausreichen würde. 

«Positive Erfahrungen führen zu einer positiveren Emotion, woraufhin der Hund in der Folge auch sein Verhalten ändert»
Stefanie Riemer
Verhaltensbiologin

Bei schwerwiegenden Ängsten können angstlösende Medikamente helfen, Panik und weitere negative Erfahrungen zu vermeiden. Deren Erfolgsrate lag bei 68,9 Prozent. Hierbei sei es ratsam, sich frühzeitig an einen auf Verhaltensmedizin spezialisierten Tierarzt zu wenden. «Nicht jedes Medikament ist für jeden Hund geeignet oder wirksam. Eine individuelle Unterstützung ist daher wichtig.» Mit diesen kurzfristigen Massnahmen kann die akute Angst des Hundes zwar gelindert werden. «Langfristig sollte man sich jedoch nicht alleine auf die medikamentöse Therapie und Managementmassnahmen verlassen, sondern den Ängsten gezielt mit Verhaltenstraining entgegenwirken», sagt Riemer. Sie empfiehlt Trainings, bei denen der Hund entspannen kann oder eine neue positive emotionale Reaktion auf den ehemaligen Angstauslöser erlernt wird. 

Neben dem oft empfohlenen Training mit Geräuschaufnahmen zur Desensibilisierung sei vor allem die Gegenkonditionierung effektiv. Dabei folgt auf jedes laute Geräusch unmittelbar eine positive Konsequenz. «Knallt beispielsweise überraschend ein Auspuff, fällt eine Pfanne krachend zu Boden oder zerplatzt ein Luftballon, kann der Halter unmittelbar auf das Geräusch eine kleine ‹Party› feiern, positive Emotionen zeigen und dem Hund hochwertige Leckerli geben oder mit ihm spielen, falls der Hund das Spielen besonders gern mag.» In Riemers Studie aus dem vergangenen Jahr konnten über 70 Prozent der Teilnehmer dadurch eine Besserung in der Feuerwerksangst ihres Hundes beobachten. Diese «Ad-hoc-Gegenkonditionierung» stellte so die Trainingsmethode mit der höchsten Erfolgsrate in ihrer Studie dar.

Autor

Carmen Epp

Carmen Epp

Kurz nach ihrem ersten Einsatz für die «Tierwelt» 2014 hat sich Redaktorin Carmen Epp – fürs Hunde-Ressort zuständig – einen Traum erfüllt und sich einen Hund zugelegt – auf Spesen, wie man munkelt. Nach einem kurzen Abstecher in ihre Heimat, den Kanton Uri, kehrte sie zur «Tierwelt» und ins Hunde-Ressort zurück. Daneben betreut sie die Ressorts «Natur und Umwelt» sowie die Leserkolumnen, während Boston Terrier Chippy unter dem Tisch schnarchend sein Redaktionshundedasein geniesst – und so manchen Input fürs Hunde-Ressort liefert.

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