Wie viel Hund braucht der Hund?

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Rudelverhalten
Die meisten Hunde leben heute solitär und auf ihren Menschen fixiert. Es gibt allerdings auch Rassen, die sich im Rudel wohler fühlen.

Herrchen und Frauchen scheinen unsicher, wenn es darum geht, wie oft und zu wie vielen Hunden der eigene Vierbeiner Kontakt haben sollte. «Entweder sind Hundehalter überängstlich und lassen gar keine Kontakte auf dem Spaziergang zu oder sie lassen den Hund generell ohne Leine zu jedem Hund», sagt Monika Oehler, Verhaltensbiologin mit Spezialisierung auf Hundeverhalten. Die diplomierte tierpsychologische Beraterin in den Kantonen Aargau und Basel spricht aus langjähriger Erfahrung. 

Nicht ganz unschuldig daran ist die kontrovers diskutierte Frage, ob der Hund ein Rudeltier ist. Hierzu hat das Institut für Haustierforschung in Kiel anhand einer Gruppe Deutscher Schäferhunde gezeigt, dass diese im Vergleich zu Wölfen als Rudel weniger differenziert kommunizieren. Es fehlte den Hunden an den nötigen sozialen Strategien. Sie waren dennoch dazu fähig, in dieser Gruppenstruktur zu leben und sich darin zu organisieren. 

Mensch gehört auch zum Rudel 
Mehr Schwierigkeiten in der Organisation eines Rudellebens hatte die ebenfalls in Kiel  lebende Gruppe Grosspudel. «Hunde sind zwar noch immer genetisch dafür ausgerüstet, in einer Gruppenstruktur mit Artgenossen zu funktionieren. Abhängig von der Rasse gelingt dies allerdings nur mehr oder weniger gut», erklärt die Verhaltensbiologin. Unsere meist allein lebenden Haushunde haben es dabei besonders schwer. «Sie befinden sich nicht mehr in Situationen, in denen sie die Fähigkeit zum Gruppenleben entwickeln könnten.» Das Fazit von Monika Oehler lautet daher: «Solitär lebende Hunde sind keine Rudeltiere, da sie nicht mehr darin geübt sind, in einer Gruppe mit Artgenossen zu leben.» 

Rudel oder Mensch?
Besser in Gruppen halten sollte man:

> Meutehunde (Beagle, Basset, Foxhound, Dachsbracke etc.)

> Schlittenhunde (Grönlandhund, Alaskan Malamute, Siberian Husky, Kanadischer Eskimohund, Samojede etc.)

> Herdenschutzhunde (Aidi, Kangal, Akbash, Pyrenäenberghund, Abruzzer, Kuvasz, Owtscharka, Komondor etc.)

Meist lieber mit seinem Menschen zusammen sind:

> Bulldogge, Collie, Deutscher Schäferhund, Golden Retriever, Labrador Retriever, Malteser, Setter, Zwergspitz 

Andrea Stucki sieht dies anders. Die Hundetrainerin aus dem Kanton Bern ist seit Jahren auf verhaltensauffällige Listen- und Stras­senhunde spezialisiert. «Meiner Meinung nach ist der Hund noch immer ein Rudeltier.» Für sie gehört der Mensch ebenfalls zum Rudel des Hundes. Doch auch sie warnt vor Übereifer. «Ein Hund muss nicht mit jedem fremden Hund spielen oder einfach mal Hallo sagen müssen. Wir würden doch auch nicht jeden auf einen Kaffee einladen.» Eine solche Erwartungshaltung bringe nur Probleme. Oft komme es zu Auseinandersetzungen unter den Hunden – laut Stucki völlig normal.

Es ist die Kombination aus mehreren Faktoren, die das Sozialleben eines Hundes bestimmt: Nicht nur Herkunft, Prägung und Erfahrungen entscheiden, ob und wie viel Kontakt er zu wem haben möchte. Der individuelle Charakter und die Rasse spielen ebenfalls eine Rolle. «Dies macht die Spezies Hund so speziell. Durch das enge, historisch gewachsene Zusammenleben mit dem Menschen sind Hunde, als einzige Tierart, genetisch darauf fixiert, den Menschen als Sozialpartner zu betrachten», sagt Monika Oehler. 

Die Rassen, die im Hund stecken, seien ausschlaggebend. So sind laut der Verhaltensbiologin in Gruppen arbeitende Jagdhunde, Schlittenhunde und Herdenschutzhunde selbstständiger, mit einem Gruppenleben zufrieden und weniger auf einen menschlichen Sozialpartner fixiert (siehe Box). «Umgekehrt sind Hunderassen, die mit dem Ziel gezüchtet wurden, feinste Kommandos vom menschlichen Partner auszuführen, eher auf diesen als Sozialpartner angewiesen», sagt Oehler.  

Alter Hund will weniger Hund
Hundetreffen auf Spaziergängen oder in Hundeschulen können so zum Problem werden. Die angeleinten Hunde sollen sich auf ihre Halter konzentrieren; somit ist weder eine Kontaktaufnahme noch ein Ausweichen mit den Artgenossen möglich. «Dies ist biologisch unnatürlich, aber es entspricht dem realen Alltag in zivilisierten, reizreichen Umgebungen westlicher Gesellschaften.» 

Zumindest für den Menschen machen derartige Treffen Sinn, sagt Andrea Stucki und verweist auf die Notwendigkeit einer guten Organisation und professioneller Leitung. «Nur so kann geübt werden, wie sich der Hundebesitzer im Ernstfall verhalten sollte.» Ansonsten könne sich bei Vierbeinertreffen beim Hund Frust aufbauen und er sich im schlimmsten Fall unerwünschtes Verhalten aneignen. 

Für Hunde gilt vielmehr: Übung macht den Meister. «Hunde, die sich durch die wöchentlichen Trainings seit Langem schon gut kennen, sind oftmals ein gut eingespieltes Grüppchen», erklärt Monika Oehler. Ist ein Hund gerne mit Artgenossen zusammen, sollte er mit weiteren Hunden zusammenleben oder zumindest viele Hundefreunde haben dürfen. Besitzt der eigene Hund jedoch keine Hundefreunde, besteht kein Grund zur Sorge. «Lieber alle zwei Tage korrekter Umgang als täglich Konflikte und Stress», sagt Andrea Stucki. Ähnlich sieht es Monika Oehler: «Besser ein oder zwei funktionierende Hundekontakte als gar keine.» 

Viele Vierbeiner verlieren im Alter von allein das Interesse an anderen Hunden. Habe ein selbst gut mit Artgenossen sozialisierter Hund keine Lust auf andere Hunde und löse lieber mit seinem Menschen Aufgaben, dann stimme das für diesen Hund so. «Der Hund sollte dann aber auch in den Ferien nicht in einer Hundepension untergebracht werden, sondern von einer Privatperson betreut werden.»

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