Krankhaftes Zwangsverhalten bei Katzen

Katze leckt sich
Stereotypen
Schwanzjagen, unaufhörliches Nuckeln oder Miauen: Wenn die Katze stereotypes Verhalten zeigt, empfiehlt es sich, rechtzeitig einzugreifen.

Siamkater Benji tigert an den Wänden im Wohnzimmer entlang. Seine Tour endet beim Sofa. Dort macht er es sich auf dem Bauch seiner Besitzerin gemütlich und nuckelt sich an ihrem T-Shirt in Ekstase. Was auf den ersten Blick niedlich erschient, ist in Wirklichkeit krankhaftes Verhalten. «Nur eine Therapie kann den Kreislauf meist noch unterbrechen», sagt die Tierpsychologische Beraterin Katharina Aeschimann von AnimalSoul aus Winterthur. Ihre Erfahrung habe gezeigt, dass die betroffenen Tiere ihr Verhalten nur am Anfang noch allein unterbrechen könnten. «Je weiter die Verhaltensstörung schreitet, desto schwieriger wird es, diese selbst durch massive Aussenreize zu unterbrechen.»

Wie Benji leiden viele Tiere unter einer sogenannten krankhaften stereotypen Verhaltensweise. Dabei macht beziehungsweise zeigt ein Tier zwanghaft und scheinbar grundlos immer wieder dieselben Lautäusserungen oder Bewegungsabläufe. «Solche Verhaltensweisen beanspruchen sehr viel Zeit im Leben des Tieres und halten es oft von normalen Aktivitäten ab», erklärt Aeschimann. Während die Störung bei frei lebenden Tieren bislang nicht beobachtet wurde, ist ihr Spektrum bei in Gefangenschaft lebenden oder domestizierten Tieren gross. 

Grundsätzlich können stereotpye Verhaltensweisen in orale und die Bewegung betreffende Formen unterteilt werden. «Zur ersten Gruppe zählen zum Beispiel exzessive Körperpflege bis hin zu Fellausreissen sowie das Lecken und Saugen an Textilien.» Auch lang anhaltendes Miauen gehört laut der Expertin dazu, werde jedoch von Katzenbesitzern oft verkannt. Häufig verkannt blieben zudem, als Vertreter der zweiten Gruppe, Umherlaufen wie bei Benji, Schwanzjagen sowie nicht existenten Fliegen, Schatten oder Lichtern hinterherjagen.

Vererbt oder Haltungsfehler
Aufgrund des breit gefächerten Spektrums ist es laut Aeschimann unmöglich, stereotype Verhaltensweisen einem einzigen Grund zuzuschreiben. «Man nimmt an, dass das Verhalten genetisch, durch Stress oder Haltungsfehler begründet sein kann. Es kann sogar krankheitsbedingt oder unfallbedingt durch Schäden am Kleinhirn hervorgerufen werden», sagt die Expertin. So erlebe die Katze beispielsweise als Antwort auf ihre Umgebung starken Stress, welcher sich in einer oder mehreren stereotypen Verhaltensweisen zeigen könne. «Jedes Tier möchte nicht nur einfach Futter hingestellt bekommen, sondern auch geistig gefordert werden.» Komme Langweile auf, entwickelten sich rasch Verhaltensstörungen. 

Von anderen Tierarten weiss man, dass eine Tendenz zu Verhaltensstörungen sogar bereits im Mutterleib entstehen kann. So haben psychologischem Stress ausgesetzte Muttertiere häufig ängstli­chen Nachwuchs. Angst bedeutet Stress, der wie bereits erwähnt ein Auslöser für repetitives Verhalten sein kann. Ferner ist ein Erlernen der Verhaltensweise von der Mutter möglich. «Wenn schon die Eltern stereotype Verhaltensweisen aufweisen, übernehmen die Kinder dies oft», so Aeschimann. Eine finnische Studie zeigte zudem, dass eine frühe Trennung von der Mutter ähnliche Folgen haben kann. Je später die Kätzchen von ihrer Mutter getrennt wurden, desto geringer war die Wahrscheinlichkeit, dass sie repetitive Verhaltensweisen entwickelten. Am wenigsten von solchen Verhaltensweisen betroffen waren Katzen, die 14 Wochen mit ihrer Mutter leben durften. 

Dass auch die Wurfgrösse eine Rolle spielen kann, zeigte eine amerikanische Studie an Birma- und Siam-Katzen: Gemeinsam war allen Katzen ein aussergewöhnlich grosser Appetit; doch nur bei Birma-Katzen aus kleineren Würfen wurde vermehrt Wolle-Nuckeln beobachtet. «Oftmals sind es gerade Handaufzuchten oder Kitten, die einzeln gehalten werden, die solche Verhaltensauffälligkeiten zeigen», sagt Aeschimann dazu. Bei den Siamesen hingegen lag diesem Verhalten meist eine medizinische Ursache zugrunde.

Gefährlich intelligent
Überhaupt wird Orientalen ein hohes Potenzial für Textilnuckeln nachgesagt. Aeschimann kann sich das gut vorstellen. «Diese Rassen sind verspielt, neugierig, aufgeschlossen, gesellig, kontaktfreudig, zärtlich, zutraulich, sehr intelligent und gesprächig. Daher brauchen sie sehr viel Aufmerksamkeit.» Werde man einer solchen Rasse haltungstechnisch nicht gerecht, entwickelten die Tiere leicht Verhaltensstörungen. Eine weitere Rasse, deren geistige Haltungsanforderungen oftmals schlichtweg unterschätzt werden, sind die Bengalen. Sie neigen vor allem zu exzessiver Fellpflege. In ihrer Praxis sieht die Katzenexpertin denn auch oft Bengalen mit stereotypen Verhaltensweisen. «Hier erarbeiten wir einen Therapieplan mit Enrichment und mehr Beschäftigung.»

Nicht verwechselt werden darf repetitives Verhalten mit einer obzessiv-kompulsiven Störung. «Letztere ist ein weitaus komplexeres Verhaltensmuster, das mit weiteren Prozessen zusammenhängt», erklärt die Expertin. Oftmals gehe es um überlebenswichtige Funktionen zum Beispiel aus dem Jagdverhalten, wie Laserpunkten nachzujagen oder Textilien zu fressen. Der Übergang zwischen stereotypem und obzessiv-kompulsivem Verhalten verläuft allerdings häufig fliessend. Zuerst lutscht die Katze an der Wolle, später frisst sie sie – oder auch andere Materialien.

Früh eingreifen
Diese als Pica-Syndrom bekannte Verhaltensstörung ist häufiger bei Siamesen als bei anderen Rassen zu beobachten. «Das Pica-Syndrom tritt bei sieben Prozent der Siamesen auf und ist rein genetisch bedingt.» Ein Tier mit dieser Störung sollte folglich nicht zur Zucht eingesetzt werden.

Allerdings verkennen Halter meist das krankhafte Verhalten ihrer Katze. «Erst wenn das Lecken zu Wunden führt oder das Nagen an Krallen blutig wird, suchen sie Hilfe.» In den Schwanzbeissen kann dann sogar mit einer Schwanzamputation enden. Aeschimann rät deshalb zum möglichst frühen Eingreifen. «Beim ersten Auftreten sollten Halter sofort einen Tierarzt konsultieren, um organische Ursachen auszuschliessen. Anschlies­send sollten sie sich an einen Tierpsychologen wenden.» Denn: Je früher man lenkend eingreift, umso eher wird eine Therapie von Erfolg gekrönt sein.

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