Panische Angst vor Alltagslärm

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Katzen
Kaum eine Katze mag laute Geräusche – der Schreck geht in der Regel aber rasch wieder vorbei. Wenn aus der natürlichen Reaktion eine Phobie wird, braucht das Tier Hilfe.

Während Hunde mit Geräuschphobien – vor allem mit panischer Angst vor Feuerwerken und Gewittern – regelmässig in der Verhaltens­praxis vorgestellt werden, sind entsprechende Probleme bei Katzen nur selten ein Thema. Dies liegt jedoch nicht daran, dass Katzen auf Lärm und unbekannte Geräusche weniger sensibel reagieren würden – im Gegenteil. Die wichtigste Reaktion von Katzen ist Flüchten und Verstecken. Erst wenn die Gefahr vorbei ist, erscheint die Katze wieder. Mit dieser Strategie bleiben allerdings auch schwerwiegendere Angststörungen häufig unentdeckt.

Schreckhaftigkeit und schnelle Reaktion müssen bei der Katze nicht unbedingt abnormal sein. Für ein kleines Tier wie die Katze kann es allemal sicherer sein, zuerst zu reagieren und erst danach zu prüfen, ob es notwendig war. Dann erscheint die Katze aber innerhalb von Sekunden wieder tiefenentspannt auf der Bildfläche und zeigt keine Angstsymptome.

Sich vor Lärm und ungewohnten Geräuschen zu fürchten, liegt in der Natur von Katzen. Insbesondere Gewitter, aber auch Lawinenniedergänge oder Erdbeben lösen – auch ohne schlechte Erfahrung – Angst aus. Dies ist aus Sicht der Evolution durchaus sinnvoll – schliesslich sind die auslösenden Ereignisse lebensgefährlich. 

Massvoll Erfahrungen sammeln
Gleichzeitig sind die Haustiere dazu gezwungen, mit uns in einer immer lauter werdenden Welt zu leben – mit Strassen- und Flugverkehrslärm, lauter Musik und zahlreichen Haushaltsgeräten wie etwa Staubsaugern und Rasenmähern. Diese Anpassungsleistung gelingt am besten, wenn der Stubentiger solche Geräusche bereits in den ersten Lebenswochen kennenlernt. In dieser Zeit entsteht im Gehirn nämlich ein Referenzsystem, mit dem die Katze abgleichen kann, was normal und was alltäglich ist. Alles in der Umwelt, was aus diesem Rahmen fällt, kann bei der erwachsenen Katze später Angst auslösen.

Das bedeutet, dass Kätzchen, die in einer eher ruhigen Gegend aufgewachsen sind, unter Umständen weniger Lärmerfahrung haben als Kitten, die im turbulenten, lauten Haushalt viel erlebt haben und darum mit einer viel breiteren Geräuschkulisse vertraut sind. Je mehr Informationen das Gehirn schon verarbeitet hat, desto leichter kann es mit weiteren Erfahrungen umgehen und diese richtig einordnen.

Zunehmend empfindlicher
Aber Achtung: Übermässig viele und namentlich traumatisierende Erlebnisse haben den gegenteiligen Effekt. Im plötzlichen Gewitter ohne sicheren Unterschlupf draussen zu sein, kann bei einer Katze zu einer dauerhaften Angst vor Gewittern und den damit verbundenen Geräuschen wie Donner, Wind und Regenprasseln führen. Nicht vergessen sollte man auch, dass Lärm an sich – Geräusche bestimmter Frequenzen und vor allem Lautstärke – schmerzhaft sein und Angst auslösen kann, wenn er für die Samtpfote unausweichlich ist.

Die Bandbreite möglicher Verhaltensreaktionen reicht also von der physiologischen und durchaus sinnvollen Angst bis hin zur pathologischen Angst (Phobie) und langfristig der chronischen Angststörung. So mögen der Silvester und die 1.-August-Feuerwerke für die meisten Katzen unangenehm sein; aber nach dem Ende der Knallerei sind sie wieder munter und die Verunsicherung weicht nach und nach einer gewissen Lebenserfahrung oder sogar Gelassenheit. Nicht jedoch für die Katze mit einer Phobie: Sie lernt auch nach Jahren nicht, dass von der Knallerei keine wirkliche Gefahr ausgeht. Sie gewöhnt sich an keine Geräusche, sondern wird immer sensibler – auch gegenüber Alltagslärm. 

Bei Hunden wurde nachgewiesen, dass körperliche Erkrankungen, zum Beispiel Schmerzen, ebenfalls zu Angststörungen führen können. Rund jeder zweite Hund mit einer Geräuschphobie hat zusätzlich auch ein körperliches Problem. Dass dies auch für Katzen zutrifft, kann nicht ausgeschlossen werden. Entwickelt eine Katze also plötzlich Angstsymptome, sollte sie auch körperlich untersucht werden, weil die erfolgreiche Behandlung der Angst nur funktioniert, wenn es ihr insgesamt gut geht. Nicht zuletzt macht der durch Angst ausgelöste chronische Stress das betroffene Tier irgendwann auch körperlich krank. 

Eine der wichtigsten Massnahmen für Katzen ist bei fast allen Problemen, das Lebensumfeld katzengerechter zu gestalten. Sichere, warme und kuschelige Rückzugsräume, an denen sich die Katze entspannen kann, anstelle der unkomfortablen staubigen Verstecke im letzten Winkel unter dem Bett oder hinter dem Schrank gehören zu den wichtigsten Veränderungen. Hat sich die Katze schon einmal für einen dieser unbequemen Fluchtorte entschieden, ist es schwierig, sie von besseren Alternativen zu überzeugen.

Am besten bringt man darum bereits den Jungkatzen bei, dass sie eine Wohn-Transportbox als sicheren Rückzugsort haben. Das heisst sogenannte Transportboxen sollten der Katze als Wohnraum immer zu Verfügung stehen. Gleichzeitig mit dem Angebot attraktiver Verstecke können die Not-Verstecke nach und nach unzugänglich gemacht werden.

Der Mensch gibt Entwarnung
Katzen mit Zugang nach draussen sollten bei vorhersehbar lauten Ereignissen wie Silvester oder anderen Festen nach Möglichkeit drinnen bleiben, um panischer Flucht vorzubeugen. Mit synthetischen Pheromonen oder dezent eingesetzten ätherischen Ölen kann man ebenso einen entspannten Raum schaffen wie mit spezieller frequenzmodulierter Musik zur Beruhigung. Ist eine ängstliche Katze noch ansprechbar, dann kann die Ablenkung mit Spiel, Leckerbissen mit oder ohne einfachen Spass-Übungen hilfreich sein. Fürchtet sich die Katze zu sehr, dann wird sie weder durch Futter noch Spiel motivierbar sein. Aus ihrer Sicht geht es nun um das Überleben und da haben andere Aktivitäten Vorrang.

Bei ausgeprägten oder länger anhaltenden Angstsymptomen kann auch eine Therapie mit angstlösenden, psychoaktiven Präparaten sinnvoll sein. Das müssen nicht immer unbedingt Medikamente sein. Es gibt gerade für Katzen auch problemlos über das Futter zu verabreichende Nahrungs­ergänzungen.

Katzen können auch lernen, sich emotional am Menschen zu orientieren. Blick- oder Körperkontakt helfen ihnen dann, sich sicherer zu fühlen. Junge Katzen können zudem lernen, dass sie vom Menschen auch Informationen bekommen: Kommentiert man von Anfang an laute Geräusche wie Mixer, Kaffeemaschine oder Staubsauger immer mit einem Wort wie «aufpassen», kann die Katze laute Geräusche mit dieser Information verknüpfen. Im späteren Leben kommen Geräusche mit dem Label «aufpassen» bei der Katze automatisch in die Schublade «laut, aber harmlos».

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