Umstrittene Weidemaulkörbe

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Fressen in Zeitlupe
Bei Pferden kann ein zu hoher Graskonsum nicht nur für Übergewicht sorgen, sondern auch die gefährliche Hufrehe verursachen. Abhilfe versprechen sogenannte Fressbremsen. Doch diese Weidemaulkörbe sind nicht unumstritten.

Wenn eine saftige Weide lockt, können Pferde nicht widerstehen. Sie fressen gerne einmal zwölf bis 16 Stunden am Tag. Zurück im Stall warten schon Heu und Kraftfutter auf sie und ehe man sichs versieht, wird aus dem drahtigen Vierbeiner ein Dickerchen. Um dem entgegenzusteuern, setzen einige Pferdehalter auf sogenannte Fressbremsen.

«Dank der Fressbremse kann ich die leichtfuttrigen Pferde mit der Gruppe auf die Weide lassen», sagt Hans-Peter Rüegger. «Das spart mir selber Arbeitszeit und den Pferden mit Fressbremse viel Frust, wenn sie auf einer separaten Koppel abgetrennt oder verkürzte Weidezeiten akzeptieren müssten.» Rüegger leitet in Büttikon AG eine Pferdepension mit 22 Tieren, von denen drei eine Fressbremse tragen. Er mag den Maulkorb zwar nicht, sieht aber im Sinne des Tierwohls keine Alternative. Denn durch die schmalen Schlitze im Boden des Maulstücks können die Pferde damit nur langsam und nur wenige Grashalme auf einmal zupfen. Mehrere Studien belegen, dass die Vierbeiner dadurch mindestens ein Drittel weniger fressen.

Tipps zum Gebrauch eines Weidemaulkorbs
> Das Pferd langsam an den Maulkorb gewöhnen

> Sich vergewissern, dass zwischen dem oberen Rand des Maulkorbes und der Pferdenase zwei Finger Platz sind

> Zwischen dem Maul und dem Boden des Maulkorbes sollten etwa 2,5 Zentimeter Luft sein

> Das Tier sollte sein Maul im Korb weit genug öffnen können

> Die Befestigungsriemen dürfen keinen Druck auf den Pferdekopf ausüben

> Überprüfen, ob es mit dem Fressen und Trinken klappt

> Beobachten, ob sich das Pferd mit dem Maulkorb wohlfühlt

> Die anderen Herdenmitglieder sollten das Pferd trotz Fremd-körper akzeptieren

> Scharfe Kanten an den Futter- und Wassertrögen sind zu vermeiden, damit das Pferd mit dem Maulkorb nicht hängen bleibt

Luftige Modelle sind zu bevorzugen 
Laut Marion Zumbrunnen, Fachspezialistin Nutztiere vom Schweizer Tierschutz STS, wird damit aber vor allem ein anderes Problem verhindert: die Hufrehe. Sie ist gerade zu Beginn der Weidesaison oder zum Spätherbst eine häufig anzutreffende Erkrankung. Hauptsächlich aufgrund der Fruktane. Diese in Pflanzen enthaltenen, leicht verdaulichen Kohlenhydrate können die Gefässe verengen und so diese Entzündung auslösen. «Vor allem Deutsches, Welsches und Hybrid-Weidelgras enthalten viel Fruktan, während zum Beispiel Wiesenlieschgras, Rotschwingel und Wiesenfuchsschwanz arm an Fruktan sind», erklärt Zumbrunnen.

Bleibt die Frage, welche Fressbremse die richtige ist. Ein Blick in den Handel verwirrt mit einem Überangebot an unterschiedlichen Ausführungen, Materialien und Designs. Hans-Peter Rüegger rät zu luftigen Modellen mit gros­sen Öffnungen zum Atmen. Ansonsten könnten die Tiere unter Anstrengung Atemnot kriegen und panisch werden. Daneben sollte der Maulkorb gut sitzen, nicht scheuern und nicht beim Trinken behindern. Zudem sollten Fressbremsen immer eine Sollbruchstelle beinhalten, die sich im Notfall öffnet. Andernfalls besteht vor allem bei zusätzlichen Riemen auf dem Pferdekopf das Risiko des Hängenbleibens. Und nicht zuletzt, spielt auch das Gras eine Rolle. Dies sollte dabei weder zu kurz noch zu lang sein.

Neben dem richtigen Modell ist die Gewöhnung das Entscheidende. Während die einen Pferde bockig und frustriert reagieren, verfallen andere in eine scheinbar tiefe Resignation. Umso wichtiger ist die schrittweise Einführung des Maulkorbes – in Verknüpfung mit positiven Erfahrungen. «Meine Erfahrung ist, dass bei rund zwei Dritteln der Pferde die Angewöhnung an die Fressbremse unproblematisch ist. Beim restlichen Drittel gilt üben, üben, üben», sagt Rüegger und warnt gleichzeitig vor einem – zumindest anfangs – sehr hohen Frustpotenzial. Durch den gemeinsamen Weidegang würden sich die Pferde aber bald wieder beruhigen und rasch lernen, mit der neuen Ausrüstung zu leben.

Eingeschränktes Sozialverhalten
Dennoch sind solche Regulatoren keine Dauerlösung. Wissenschaftlichen Untersuchungen zufolge sollten sie höchstens zwölf Stunden am Stück getragen werden. Denn der Maulkorb hat nicht nur Auswirkungen auf das Fress-, sondern auch auf das Sozialverhalten. So ist etwa soziale Fellpflege nur noch begrenzt möglich und auch die Mimik des Pferdes in der Maul- und Nüsternpartie ist für die anderen Herdenmitglieder kaum noch zu erkennen, was unter Umständen zu Missverständnissen führt. 

Im Auge behalten sollte man auch das Gebiss und den kompletten Mundraum des Tieres. Denn beim Fressen könnte es mit seinen Schneidezähnen zu stark über den Kunststoffboden des Maulkorbes schaben, wodurch der Zahnschmelz angegriffen wird, was wiederum zu Wunden oder Karies führen kann. Obligatorisch ist zudem die tägliche Reinigung der Fressbremse, damit nichts verstopft.

Wer seinem Ross den Korb abnimmt, sollte es zumindest am Anfang genau beobachten und ihm nicht zu viel Nahrung zur Verfügung stellen, um die Diät nicht zu gefährden. Denn so manches Pferd versucht ohne Maulkorb die geringe Futteraufnahme wieder wettzumachen und frisst wie ein Mähdrescher. 

Wer lieber auf eine Fressbremse verzichtet und stattdessen auf weniger Weidezeit setzt, sollte wissen, dass ein kürzerer Weideaufenthalt Allüren wie Koppen und Weben begünstigt. US-amerikanische Forschungen haben ausserdem ergeben, dass die Fressgeschwindigkeit und somit die aufgenommene Grasmenge stark zunimmt, je kürzer die Weidezeit ausfällt: Standen die Pferde 24 Stunden pro Tag auf der Weide, nahmen sie rund 0,35 Kilogramm Gras pro Stunde auf, bei sechs Stunden 0,75 Kilogramm und bei nur drei Stunden ein Kilogramm, also fast dreimal mehr als bei permanenter Weidehaltung. 

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