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Besuch bei schweizweit grössten Rothirschzucht

Auf den Weiden im Gruyère grasen neben unzähligen Milchkühen auch einige Rothirsche. Wir haben die schweizweit grösste Zucht von Edelhirschen in Sorens besucht und Betriebsleiter Jean-François Hayoz nach den Pluspunkten und Herausforderungen bei deren Haltung gefragt.

Der in Sorens FR liegende Bio-Schulbauernhof des landwirtschaftlichen Ausbildungs- und Kompetenzzentrums Grangeneuve ist beeindruckend. Nicht nur seine erhöhte Lage mit schönem Blick auf den Greyerzersee, sondern auch die Grösse von 140 Hektaren und die verschiedenen Produktionszweige imponieren. Vier Angestellte, zwei Lernende und eine Vorstudienpraktikantin der HAFL (Hochschule für Agrar-, Forst- und Lebensmittelwissenschaften) kümmern sich um 80 Milchkühe, die im Vollweide-system gehalten werden, um 300 Mastschweine und die acht Hektaren Mais-, Dinkel-, Erbsen- und Leindotterkulturen. Speziell ist, dass hier in Zusammenarbeit mit den beiden landwirtschaftlichen Forschungsinstitutionen Agroscope und FiBL Versuche durch-geführt werden. Aktuell wird an einem Fütterungs- und Haltungsregime für Kühe geforscht, das medikamentöse Entwurmungsmittel überflüssig machen soll.

Besuch bei schweizweit grössten Rothirschzucht
Hirschkühe tragen kein Geweih.

Der Hof, welcher bis im Jahr 2000 ein Teil der Psychiatrischen Klinik des Nachbardorfes Marsens war, hält noch eine weitere Besonderheit bereit. Auf rund 20 Hektaren hanglagigem Weideland wird hier die mit rund 120 Hirschen und ihren abgesetzten Jungtieren schweizweit grösste Rothirschzucht betrieben. «Nachdem er sich etliche Zuchten in Frankreich angeschaut hatte, importierte mein Vorgänger 1993 die ersten Rothirsche aus unserem Nachbarland», erklärt der Betriebsleiter und Verantwortliche für die Rothirschzucht, Jean-François Hayoz, auf dem Fussmarsch zu den weitläufigen Gehegen. Links und rechts der schmalen, sich in die Ebene hinunter windenden Strasse erheben sich über zwei Meter hohe Maschendrahtzäune. Die Umzäunung der Edelhirsche müsse laut Vorschrift mindestens so hoch sein, weiss Hayoz, der bereits seit 26 Jahren auf dem Hof in Sorens tätig ist. Jedoch nicht nur, um die Tiere am Ausbrechen zu hindern, sondern vor allem auch, damit keine Wildtiere ins Gehege hineingelangen.

Haltung mit Herausforderungen

Auch als menschlicher Besucher sollte man sich nicht unbedingt zu den acht männlichen Tieren in die Weide begeben. Zu gross ist das Risiko, dass sie mit ihren Geweihen als Waffe angreifen und ihr Territorium verteidigen würden. Auch innerhalb der Herde wird die Chefposition mit Geweihkämpfen ausgefochten, es dauere bei einem Neuankömmling jedoch nur wenige Minuten, bis seine Position in der Gruppe bestimmt ist, schildert Jean-François Hayoz seine Beobachtungen. Also beäugen uns die majestätischen Herren aus sicherer Distanz. «Momentan im glänzend rotbraunen Sommerfell sind sie besonders hübsch anzuschauen», sagt der Betriebsleiter stolz lächelnd. An den prächtigen Geweihen sei ausserdem erkennbar, dass alle Tiere bei guter Gesundheit sind. Die beiden jüngsten Hirsche mit den noch kleinen Geweihen wurden zur Blutauffrischung aus einer anderen Rothirschhaltung in Zermatt angekauft. Andererseits erwerben andere Betriebe gerne Zuchttiere aus Sorens.

Besuch bei schweizweit grössten Rothirschzucht
Jean-François kümmert sich mit seinem Team um rund 120 Rothirsche und ihre abgesetzten Jungtiere.

Insgesamt existierten in der Schweiz zwischen 600 und 700 Hirschhaltungen, genaue Angaben würden allerdings fehlen, gibt Sara Murer Auskunft. Beim Beratungs- und Gesundheitsdienst für Kleinwiederkäuer leitet sie die Sektion Hirsche. Etwas über die Hälfte dieser Hirschhaltungen sind als landwirtschaftliche Betriebe registriert, bei den restlichen handelt es sich um Hobby-haltungen. «Nur rund 10 Prozent davon besitzen allerdings Rothirsche, deutlich weiterverbreitet sind in der Schweiz Damhirsche.» Die Fachfrau beobachtet jedoch, dass in der Roman die Neueinsteiger häufiger Rothirsche anschaffen und diese tendenziell auch in grösseren Herden halten als dies in der Deutschschweiz der Fall ist. An einer besonders aufwendigen Haltung und Pflege der Rothirsche kann es nicht liegen, dass sich nicht mehr Landwirte auf diese Nutztiere spezialisieren.

Steckbrief

Der Rothirsch (Cervus elaphus) ist das grösste in der Schweiz lebende Wildtier. Ein ausgewachsener männlicher Hirsch bringt bis zu 200 Kilogramm auf die Waage. Rund acht Kilogramm wiegt das mächtige Geweih. Es besteht aus Knochenmasse und wird jährlich Ende Winter abgeworfen. Hirschkühe tragen kein Geweih und sind mit 100 Kilogramm deutlich leichter. Als Nahrung dienen den Wiederkäuern vor allem Gräser und Kräuter, aber auch Blätter, Rinde oder Baumfrüchte wie Kastanien und Eicheln stehen auf dem Speiseplan. Das rotbraune Fellkleid tragen die Tiere nur im Sommer, das Winterfell ist graubraun. Rothirsche können bis zu 18 Jahre alt werden.

«Der Arbeitsaufwand hält sich in Grenzen. Im Winter und bei Grasmangel müssen die Tiere mit Silage oder Heu gefüttert werden, die Tränken gilt es täglich zu kontrollieren, ab und an steht ein Weidewechsel an und die Zäune müssen in Stand gehalten werden», zählt Jean-François Hayoz die anfallenden Tätigkeiten auf. Die Begründung, weshalb es die Edelhirschhaltung nicht aus ihrem Nischendasein heraus schafft, ist in den hohen Auflagen an die Rothirschhalter zu finden. Da es sich bei den Hirschen um Wildtiere handelt, muss eine fachspezifische Ausbildung absolviert und eine Wildtierhaltebewilligung eingeholt werden. Die Gehege mit der hohen Umzäunung benötigen zudem eine Baubewilligung. In einigen Kantonen wie Graubünden ist die Haltung von Rothirschen gar ganz verboten, um eine Vermischung mit der wild lebenden Hirschpopulation auszuschliessen. Zudem liege die Herausforderung darin, dass Hirsche scheue Wildtiere sind. Krankheiten können kaum individuell behandelt werden, weshalb es das ganze Augenmerk auf die optimale Haltung und Fütterung dieser Tiere zu legen gälte, führt Sara Murer aus. Diesen Umstand bestätigt Hayoz und erzählt: «Als unsere Zuchthirsche von einer Herpeserkrankung an den Augen befallen waren,konnten wir diese nicht direkt am Tier, sondern nur durch die Zugabe von Vitamin A in den Minerallecksteinen behandeln. Das hat glücklicherweise guten Erfolg gezeigt.» In den roten Plastikschalen mit den Lecksteinen befindet sich im Sommer auch eine Art Insektenschutzmittel. Etwas Knoblauchpulver ist dem Leckstein beigefügt. Dieses soll für eine entsprechende Ausdünstung der Tiere sorgen, um die lästigen Plaggeister auf Abstand zu halten.

Distanz wahren

Auf Distanz werden auch die Zuchthirsche von den Hirschkühen gehalten. In Sorens gibt es neben den männlichen Tieren noch eine separate Gruppe mit Hirschkühen und eine mit Jungtieren beiden Geschlechts. Auch in der Freiheit leben die Rothirsche in nach Geschlechtern getrennten Rudeln. Lediglich zwischen September und Anfang Dezember werden die Zuchthirsche zur Verpaarung mit den weiblichen Tieren zusammengeführt. Wenn dann im Frühling die Hirschkälber geboren werden, bleiben sie die ersten Tage gut versteckt im hohen Gras oder in den Brennnesselbüschen liegen, die auf den Weiden in Sorens bewusst nicht abgemäht werden. Scheu sind auch die erwachsenen Tiere. Nähert man sich der Gruppe von Hirschkühen auf der Weide, entfernt sie sich sofort. Höchst elegant sieht es aus, wenn die grazilen Tiere davon galoppieren und einen dann mit hoch-erhobenen Köpfen und weit aufgesperrten Augen und Ohren gespannt mustern. Dabei bleibt die Gruppe immer eng beieinander. «Bei der Verschiebung auf eine andere Weide muss immer darauf geachtet werden, dass sich die gesamte Herde gemeinsam deplatziert, werden einzelne Tiere separiert, bricht sofort Panik aus»,erklärt Jean-François Hayoz. Ganz wichtig sei es im Umgang mit den Hirschen, immer Ruhe auszustrahlen und sich viel Zeit zu nehmen. «Hektik überträgt sich sofort auf die Tiere», weiss der Betriebsleiter.

Konkurrenz auf dem Fleischmarkt

Besonders ruhig müssen die Betreuer jeweils vorgehen, wenn es um das Verladen in den Transporter geht. Rund 60 Tiere werden pro Jahr zur Tötung in den nahen Schlachthof von Gruyère gefahren. Während bis zu zehn Tiere gemeinsam in die Stallung und von dort aus direkt in den Anhänger getrieben werden, blieben sie jedoch erstaunlich ruhig, so Hayoz. Sogar ein kürzlich anwesender Vertreter des Veterinäramtes sei erstaunt gewesen, wie reibungslos und schon fast entspannt der Verlad vonstatten gehe.

Besuch bei schweizweit grössten Rothirschzucht
Die Edelhirsche werden in Sorens in drei Gruppen gehalten.

Das fettarme Fleisch mit einem dezenten Geschmack wird ausschliesslich über Direktvermarktung im Hofladen von Grangeneuve angeboten. Und dort findet es sehr guten Absatz. Eine Zusammenarbeit mit Grossisten wie Migros oder Coop strebt die schweizweit grösste Rothirschzucht nicht an, mit der Gastronomie wurde bereits einmal eine Kooperation gestartet. Diese war jedoch nicht lange von Erfolg gekrönt, gibt Jean-François Hayoz zu. «Die Restaurants waren begeistert von der Qualität unseres Fleisches. Da die ausländischen Produzenten mit deutlich tieferen Preisen aufwarten konnten, waren wir jedoch bald wieder raus aus dem Geschäft.»

«Der Grossteil des Hirschfleisches stammt aus der Jagd. Nur 12 Prozent aus Gehegehaltung.»

Ist die Konkurrenz aus dem Ausland tatsächlich so erdrückend? Auch wenn der Konsum von einheimischem Wildfleisch in den letzten Jahren zunahm, seien 2019 noch immer zwei Drittel des Hirschfleisches aus dem Ausland importiert worden, so Sara Murer. «Der Grossteil des Schweizerischen Hirschfleisches stammt aus der Jagd. Nur gerade 12 Prozent aus Gehegehaltung.» Für die Rothirschzucht in Sorens scheint der eingeschlagene Weg über die Direktvermarktung zustimmen, auch wenn Sara Murer der Überzeugung ist, dass sich die Hirschhalter noch stärker auf dem Markt positionieren könnten, da die Nach-frage nach einheimischem Wild ständig wachse. Die Freude im Umgang mit den edlen Tieren ist Jean-François Hayoz ins Gesicht geschrieben.: «Im Winter, wenn wir die Hirsche regelmässig füttern, fressen sie mir manchmal sogar aus der Hand.»

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