Der Esel trifft leider eher auf Vorurteile, denn auf Wertschätzung», sagt der Veterinärmediziner Hanspeter Meier, der sich seit Jahrzehnten mit den Langohren befasst. Diese Equiden zu unterschätzen oder herabzusetzen sei aber sträflich. Denn Esel gehören zu den ältesten Haustieren und begleiten den Menschen bereits seit rund 8000 Jahren als Arbeitstier. Noch heute gibt es weltweit 50 Millionen Esel, 95 Prozent von ihnen dienen als Nutztiere. In südlichen Ländern ist die Eselpopulation bedeutend grösser als bei uns. Doch auch in der Schweiz machen die Grautiere immerhin zehn Prozent aller Equiden aus, Tendenz steigend. Im Februar 2023 wurden hierzu-lande 11 070 Esel gezählt.

«Der Esel trifft auch heute noch leider eher auf Vorurteile, denn auf Wertschätzung.»

Hanspeter Meier, Veterinärmediziner

«Esel haben so viel für uns Menschen geleistet, sie verdienen grösste Hochachtung. Leider werden sie noch heute oft missverstanden», so Hanspeter Meier. Die Haltung und auch das Verhalten dieser Tiere bringen Besonderheiten mit sich und unterscheiden sich deutlich vom Umgang mit Pferden und Ponys. Eine Tatsache, die vielen Halterinnen nicht bewusst ist und deshalb zu gravierenden Fehlern führt. Nicht selten leiden die Langohren wegen dieses Unwissens Qualen, die sie aber geflissentlich vor uns verstecken. Doch dazu später.

Nur nichts überstürzen

Die Heimat des domestizierten Esels liegt in Ostafrika. Ausgehend von Ägypten breitete er sich über Nordafrika und Vorderasien aus. Ursprünglich bewegten sich die Langohren also in einem heissen und sehr trockenen Gebiet, an dessen karges Futter- und Wasserangebot sie sich bestens anpassten. 14 bis 16 Stunden täglich verbringen die Vierbeiner in ihrem Herkunftsraum mit der Suche nach dem mageren Futter und legen dabei an die 30 Kilometer zurück.

Nicht nur das Futter, sondern auch der Untergrund in ihrer Heimat ist rau und oft gebirgig. Die Fortbewegung des Esels muss also sorgfältig erfolgen und ihm wird eine grosse Trittsicherheit und einiges an Mut abverlangt. Bei drohender Gefahr oder einer heiklen Passage hält ein Esel inne und beurteilt erst die Lage, bevor er sich entscheidet, beispielsweise einen ab-fallenden, schmalen Weg zu betreten. Während ein Pferd bei vermuteter Gefahr oder in einer ausweglos scheinenden Situation schnell hysterisch reagiert und blindlings davon stürmt, nimmt sich ein Esel Zeit, seine Lage zu überdenken und das geeignete Verhalten abzuwägen. Entscheidet ein Esel für sich, es sei zu riskant, die Brücke zu betreten, weigert er sich, darüber zu gehen. Was als störrisches Verhalten abklassiert wird, ist in Wirklichkeit ein intelligenter Wesenszug, für den man die Tiere nicht bestrafen darf.

Schon gewusst?
Esel sind zwar dafür bekannt, ihr eigenes Territorium zu verteidigen. Ein Einsatz als Herdenschutztier von Schaf- oder Ziegenherden ist allerdings nicht artgerecht.Erstens ist das Gras auf den meisten Schafweiden viel zu fett und zweitens ist es inakzeptabel, ein oder zwei Esel dem Angriff mehrerer Wölfe auszusetzen.

Einer Strafe gleich kommt es für Esel, bei Nässe und Frost ohne Unterstand irgendwo draussen zu stehen. Sie verfügen nämlich nicht wie Pferde über ein leicht fettiges Haarkleid, das Regen und Kälte abhält. Wozu auch, denn in ihrer Heimat herrschen solche Wetterbedingungen nicht vor. Bei Temperaturen unter 10 Grad Celsius muss für Esel also unbedingt ein schützender Unterstand zur Verfügung stehen.

Ein solcher Unterstand trägt schon einiges zum Wohlbefinden bei, zum vollkommenen Glück braucht es aber noch einiges mehr. Ganz wichtig ist gute Gesellschaft. Im Schutz einer Kleingruppe fühlt sich der Esel am wohlsten. Esel fressen miteinander, ruhen und spielen gemeinsam oder betreiben gegenseitige Fellpflege. Da Esel nur Sozialkontakte mit ihren Art-genossen pflegen, können diese nicht von Pferden und Ponys oder gar Ziegen ersetzt werden. Esel sollten also unbedingt gemeinsam mit mindestens einem anderen Esel oder Maultier gehalten werden, auch wenn dies die Schweizer Tierschutzverordnung nicht vorschreibt.

Esel können enge Freundschaften schliessen. Diese Paarbindungen sollten von uns Menschen berücksichtigt werden. Muss ein Esel etwa in eine Tierklinik, ist es wichtig, seinen Lieblingsfreund mitzunehmen. Ansonsten macht der Trennungsschmerz es dem Patienten fast unmöglich, gesund zu werden.

Achtung Eiweissfalle

Damit es erst gar nicht dazu kommt, dass ein Esel tierärztliche Hilfe benötigt, ist es ganz wichtig, auf die richtige Fütterung zu achten. Denn diese ist aus Unwissen oft nicht artgerecht und verursacht Probleme. Esel haben einen wesentlich geringeren Eiweissbedarf als Pferde, aus ihrer Heimat sind sie gewohnt, nur nährstoffarme, faserreiche Gräser und Büsche zu fressen. Da unser Gras sehr energie- und proteinreich ist, kann eine unkontrollierte Grasaufnahme eine hochgradige Verfettung sowie die gefürchtete Hufrehe auslösen. Dabei handelt es sich um eine schmerzhafte Entzündung der Huflederhaut im Innern des Hufes. Auch die Weidezeit auf einige Stunden zu beschränken, hilft nicht viel, da die Esel einfach in kürzerer Zeit mehr Gras fressen, sobald sie merken, dass sie nicht mehr uneingeschränkt auf der Weide stehen. Geschickter ist eine Vorbeweidung der Eselweide durch Rinder oder Pferde.

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Auch beim Heu sollte man darauf achten, dass es proteinarm ist. Am besten ist spät, also erst nach der Blüte geschnittenes Heu für Esel geeignet. Dazu muss den Langohren noch ein Salz- und Mineralleckstein zur Verfügung stehen. Zudem knabbern Esel gerne Rinde, Äste und Blätter von Büschen. Geeignet sind beispielsweise Esche, Erle, Birke, Pappel und Obsthölzer. Auch Getreidestroh können sie gut verwerten.

Esel sind es sich gewohnt, dass sie mal über längere Zeit kein Wasser trinken können. Es ist aber falsch, daraus zu schliessen, dass sie insgesamt wenig Wasser benötigen und es nicht den ganzen Tag über zur freien Verfügung haben müssen. «Die hohe Dursttoleranz der Esel darf nicht mit einem reduzierten Wasserbedarf verwechselt werden», mahnt die Futterexpertin und Veterinärmedizinerin Ingrid Vervuert.

Genauso stoisch, wie Esel reagieren, wenn sie es nicht für richtig halten, einen gewissen Weg einzuschlagen, verhalten sie sich auch bei einer Erkrankung. Esel maskieren Schmerzen, weshalb es manchmal schwierig ist, zu bemerken, dass ein Esel krank ist. Während Pferde bei Schmerzen unruhig umhertigern oder sich bei einer Kolik zu Boden werfen, stehen Esel einfach still da. Manchmal täuschen sie sogar vor, sie würden fressen, obwohl es ihnen gar nicht danach ist. Wenn nicht bemerkt wird, dass ein Esel krank ist und nicht frisst, kommt es zum überstürzten Abbau von Körperfetten, die das Blut überfluten und innere Organe zerstören. Um rechtzeitig eingreifen zu können, ist es wichtig, nicht nur das Wesen und die Bedürfnisse von Eseln zu kennen, sondern auch die einzelnen Persönlichkeiten genau lesen zu können.

 

Eselerlebnisse
Der Letzihof in Wildhaus bietet Eselwanderungen für Jung und Alt durch die Toggenburger Berge. Auch für Schulreisen, Firmenausflüge oder Menschen mit Beeinträchtigungen bietet sich dieses Eselerlebnis an.
Der Eselmüller-Hof in Grasswil ist ein Kompetenzzentrum für Esel. Neben Eselnachmittagen oder Eselspaziergängen werden auch zahlreiche Kurse angeboten. Dort kann man alles über die richtige Betreuung und Pflege von Eseln erfahren, lernen, wie man Esel ausbildet und füttert oder vor der Kutsche sowie unter dem Sattel einsetzt. 
In der Asinerie Schürmatt in Alpnach werden die vom Aussterben bedrohten Eselrassen Baudet du Poitou, Martina Franca und Andalusischer Riesenesel gezüchtet. Neben Eseltrekkings und Eselreiten werden Ferienlager mit Eseln und Ponys angeboten. 
Im Bleniotal befindet sich in wunderschöner Natur das Zentrum Somarelli, ein Ort für Mensch-Tier-Interaktion sowie erlebnisorientiertes Lernen. Dort können tierische Auszeiten, Coachings und Erlebnisse mit Eseln gebucht werden.