Islandpferd Stjarni steht vollkommen regungslos an der Holzrampe. Währenddessen herrscht rund um und auf dem kleinen Wallach eifrige Betriebsamkeit. Der Transfer aus dem Rollstuhl hoch auf den Pferderücken ist für alle Beteiligten ein Kraftakt, auch wenn hier im Hippo- und Reittherapiezentrum Eyhof beim Schweizer Paraplegiker-Zentrum in Nottwil spezielle Einrichtungen, wie eben die rollstuhlgängige Rampe, zur Verfügung stehen.
Es ist geschafft, Urs Renggli sitzt auf dem Pferderücken und ein erleichtertes Lächeln huscht ihm übers Gesicht. Therapeutin Sabine Grupp schiebt noch einen Keil unter das Sattelpad, das dem Patienten als Sitzfläche dient und stellt sich danach hinter das Pferd, um Urs Rengglis Sitz zu begutachten. «Diese Sitzkontrolle ist immer notwendig, meist nach den ersten Schritten, bei instabileren Patienten auch direkt nach dem Aufsitzen», so Sabine Grupp.

Gelockert und gestärkt
Nun kann es losgehen, auf die rund 30-minütige Tour auf Spazierwegen entlang des Sempachersees. «Wir sind bei so ziemlich jedem Wetter draussen unterwegs», sagt die Hippotherapeutin. Nur bei Hagel oder drückend heissen Temperaturen wird manchmal auf die kleine Reithalle ausgewichen. Dort sind die Bedingungen nicht ganz so optimal wie draussen. Denn lange und gerade Strecken sind wichtig, damit die gleichmässigen Bewegungen des Pferdes ihre Wirkung optimal entfalten können und ein richtiger Flow entsteht.
Es sind nämlich diese rhythmischen dreidimensionalen Bewegungen auf dem Pferderücken, die bei der Hippotherapie medizinisch genutzt werden. Sie lockern die durch Spastiken verkrampfte Muskulatur der Beine und des unteren Rumpfes, stärken die Rumpfmuskulatur und fördern das Gleichgewicht sowie die Koordination. Die Hippotherapeutin fördert diese Wirkung, indem sie mit einer stützenden Hand am Rumpf für die richtige Oberkörperposition sorgt und Anweisungen für Übungen mit den Armen gibt.
Urs Renggli fällt es nicht schwer, seine Hände vom Griff des speziell angefertigten Haltegurtes, den Islandpferd Stjarni umgeschnallt hat, zu lösen und gegen den Himmel zu recken. Der Multiple-Sklerose-Patient mit dem schalkhaften Lächeln auf den Lippen kommt bereits seit elf Jahren in die Hippotherapie.
«Ich habe diese Therapieform erstmals in der Rehabilitation ausprobiert und mir danach sofort einen Therapieplatz gesucht, denn als gelernter Landwirt gefällt mir der Bezug zu den Tieren.» Und nach der Therapie hoch zu Pferd spüre er jeweils ganz deutlich, wie seine Beinmuskulatur gelockert ist, die ersten Schritte zum Rollstuhl seien dann ganz schwabbelig.

Der MS-Patient ist einer von wöchentlich insgesamt 50 Personen, die auf den elf Islandpferden des Eyhofs therapiert werden. Rund zehn Klienten sind jeweils intern aus dem Paraplegiker-Zentrum, alle übrigen kommen von extern an den Sempachersee angereist. «Neben der Querschnittlähmung eignet sich diese Therapieform gut für die Behandlung von Multipler Sklerose, Schlaganfällen, Cerebralparesen und bei Trisomie 21», so Sabine Grupp.
Die Behandlungsform mit den Pferden als Co-Therapeuten kann bei stationären Querschnittpatienten über die Tagespauschale abgerechnet werden und sie ist bei MS, Trisomie 21 und geburtsbedingten Cerebralparesen von der obligatorischen Krankenversicherung abgedeckt. Bei anderen Diagnosen muss jedoch meist eine Finanzierung durch Dritte geprüft werden, weiss die erfahrene Therapeutin.
Hippotherapie darf nicht mit dem Therapeutischen oder Heilpädagogischen Reiten verwechselt werden. Denn dort steht der Kontakt zwischen Mensch und Pferd im Mittelpunkt. Dieser kann beispielsweise die Körperwahrnehmung oder das Selbstvertrauen fördern. Auch diese Therapieform wird in Nottwil angeboten.

Jedoch nicht von Sabine Grupp, denn sie hat sich als Physiotherapeutin auf die Hippotherapie spezialisiert. Ihre Ausbildung zur Physiotherapeutin absolvierte sie in Deutschland. Damals noch als Berufslehre, nicht wie heute als Studium.
Erst während ihrer Tätigkeit am Paraplegiker-Zentrum lernte Grupp die Hippotherapie kennen. «Die Zusammenarbeit mit den Pferden hat mich fasziniert, sodass ich eine spezifische Zusatzausbildung absolvierte, heute ist das ein CAS an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften ZHAW.» Kenntnisse im Umgang mit Pferden sind dafür Voraussetzung.
Etwa zwei Hippotherapie einheiten, also ganze Vor- oder Nachmittage, leitet Sabine Grupp wöchentlich, den Rest ihrer Arbeitszeit ist sie als «normale» Physiotherapeutin im Paraplegiker-Zentrum tätig. «Mir gefällt an dieser Therapieform vor allem, draussen zu sein und mit einem Tier als Co-Therapeuten zusammenarbeiten zu können.»
Der lange Weg zum Therapiepferd
Auch Stjarni scheint zufrieden mit seinem Job. Der wuschelige Wallach lässt sich weder von den auf seinem Rücken ausgeführten Übungen noch vom vorbei ratternden Schnellzug erschrecken. «Ein Therapiepferd darf sich nicht von seiner Umgebung ablenken lassen und muss seine Emotionen beherrschen können», weiss Robert Portmann. Er ist für die Ausbildung der Pferde verantwortlich. Zusammen mit weiteren Pferdefachpersonen führt er jeweils seine Schützlinge während einem Therapieritt, damit sich die Therapeutin voll und ganz auf ihren Patienten konzentrieren kann.
«Mir gefällt es, draussen zu sein und mit einem Tier arbeiten zu können.»
Sabine Grupp Hippotherapeutin, Paraplegiker-Zentrum Nottwil
Bis ein Pferd das Therapie-ABC beherrscht und für seine Aufgabe auf dem Eyhof einsatzbereit ist, liegen zwei bis drei Jahre intensive Ausbildungsarbeit hinter ihm. «Freundlich sein, ohne zu verhätscheln, zugleich konsequent, ohne wütend zu werden, so lautet meine Devise im Umgang mit den Pferden», sagt Portmann. Er finde es toll, mit Pferden zu arbeiten, die dann auf das feinste Kommando reagieren.
Das ist wichtig, weil etwa das Anhalten oder Antreten ganz fein geschehen müssen. Und damit die Pferde selber im psychischen Gleichgewicht bleiben, ist es wichtig, sie ausserhalb der Therapiearbeit vielfältig zu beschäftigen. Dazu bewegt Robert Portmann seine Schützlinge an der Longe, unter dem Sattel, macht Freiarbeit mit ihnen und lässt sie auf der Weide austoben.
Manchmal komme es auch vor, dass nach einigen Monaten Ausbildung klar wird, dass sich ein Pferd doch nicht für diese Aufgabe eignet. Doch im Allgemeinen seien Isländer sehr gut als Partner für die Hippotherapie geeignet, sagt der Pferdefachmann. «Neben dem ausgeglichenen Gemüt verfügen Islandpferde über ein ideales Gangbild und den optimalen Körperbau.» Isländer sind nämlich trotz ihrer geringen Grösse gute Gewichtsträger und sie sind nicht zu rundlich gebaut. Haflinger beispielsweise haben meist einen breiten Rücken, was für Klienten mit Spastiken nicht passt.

Von oben herab
Darin liegt dann auch die Angst von Patienten, die noch niemals mit Pferden Kontakt hatten, geschweige denn auf ihrem Rücken sassen. Das komme vor allem bei stationären Patienten oftmals vor, so Sabine Grupp. «Solche Patienten machen wir bei einem ersten Besuch einfach mal mit den Pferden bekannt.»
Bei der zweiten Visite auf dem Eyhof wird dann nur der Transfer geübt. So können sich unsichere Personen langsam an die Therapie auf dem Pferderücken herantasten. «Beim ersten Therapieritt sind sie dann meist so stolz, dass sie Fotos und Videos von sich hoch zu Ross an all ihre Bekannten verschicken», so die Therapeutin.
Diesen positiven psychischen Aspekt, den die Hippotherapie mit sich bringt, findet Sabine Grupp besonders schön. Alleine nicht im Rollstuhl, sondern in erhöhter Lage zu sitzen, draussen an der frischen Luft zu sein und den Kontakt mit der Natur und einem Tier zu spüren, gebe vielen Patienten Kraft.
Wie wird man Hippotherapeutin?
• Abgeschlossenes Studium als Physiotherapeut (BSc PT) und neurologische Weiterbildungen • Weiterbildung in Form eines CAS (Certificate of Advanced Studies) in Hippotherapie an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften ZHAW in Winterthur • Gute Pferdekenntnisse und Reiterfahrung sind Voraussetzung
Hippotherapie-Angebote
Auf der Website der Schweizer Gruppe für Hippotherapie-K ist eine Landkarte ersichtlich, auf der die verschiedenen Therapiestellen in der Schweiz aufgeführt sind:hippotherapie-k.org unter Therapeuten

