Das globale Klima wird wärmer und trockener – und diese Veränderungen sind in der Höhe oft stärker ausgeprägt. Laut Caitlin P. Wells wirken sich diese Effekte überproportional auf Winterschläfer im Gebirge aus. Die Wissenschaftlerin der Nordic Society Oikos in Schweden führte eine Sammelstudie durch und analysierte 39 Arbeiten, welche die Auswirkungen des Klimawandels auf 27 Säugetierarten untersuchte. Ihre ernüchternde Erkenntnis: Der Migrationszeitpunkt, die Reproduktion und der Winter-schlaf von Säugetieren sind noch immer zu wenigerforscht. Eine abschliessende Antwort darauf, welchen Einfluss der Klimawandel auf die Lebensrealität der Tiere hat und künftig haben wird, konnte sie nichtgeben. Dennoch zeichneten sich einige Tendenzen ab: So wirken sich wärmere Temperaturen zwar positiv auf das Pflanzenwachstum und die Reproduktion der Säuger aus, ihre körperliche Verfassung und Überlebenschancen werden jedoch negativ beeinflusst. Je nach Art, Saison und Höhenlage zeigen sich unterschiedliche Effekte. Hart trifft es das Murmeltier.

Der Klimawandel grüsst Murmi

Murmeltiere fühlten sich schon während der letzten Eiszeit auf diesem Planeten wohl. Sie sind bestens an die Kälte angepasst und verschlafen den Winter, um Energie zu sparen. Während des Winterschlafs senken sie ihre Körpertemperatur von 39 Grad auf rund sieben Grad Celsius. Ihr Herzschlag verlangsamt sich von etwa hundert Schlägen pro Minute auf nur zwei bis drei. Um die verringerte Körpertemperatur und Thermoregulation aufrechtzuerhalten, müssen Murmeltiere zu Beginn des Winterschlafs fast ihr gesamtes Körpergewicht an Fett angefressen haben – sonst geht es an die Substanz. Ist der Winter hart, verlieren sie bis zu 50 Prozent ihres Körpergewichts. Deshalb mümmeln sie in den Sommermonaten täglich bis zu zehn Prozent ihres Körpergewichts an Kräutern und Gräsern.

Längere Fresszeiten?

Hitze bekommt Murmeltieren hingegen gar nicht gut. Sie besitzen weder Schweissdrüsen noch hecheln sie, um ihre Körpertemperatur zu senken. Ab 20 Grad Celsius droht den Nagern Hitzestress. Deshalb sind sie nur in Höhenlagen über tausend Metern und etwa vierhundert Meter oberhalb der Baumgrenze anzutreffen. Weiter unten im Tal ist es ihnen schlichtweg zu heiss. Der Klimawandel hat unterschiedliche Auswirkungen auf die Lebensrealität der Murmeltiere. Ein entscheidender Faktor ist ihr Lebensraum. Beobachtungen des Alpenmurmeltiers in der Schweiz bei Avers (GR) und des Gelbbauchmurmeltiers in den Rocky Mountains in den USA zeigen gegensätzliche Entwicklungen: Die Murmeltiere in den Alpen werden dünner, jene in den USA dagegen fetter.

Durch die höheren Temperaturen schmilzt die Schneedecke früher und die Vegetationszeit verlängert sich. Einerseits fehlt den Murmeltieren dadurch im äusserst kritischen Abschnitt ihres Winterschlafs, wenn das angefressene Fett zur Neige geht, eine zusätzliche Isolationsschicht. Normalerweise reflektiert der Schnee die Körperwärme; ohne ihn müssen sie mehr Energie aufwenden, um sich warmzuhalten. Andererseits erwachen sie früher aus dem Winterschlaf und haben faktisch mehr Zeit, sich Fettreserven anzufressen. Doch hier wird es kompliziert: Die effektive Fresszeit hängt stark von der Aussentemperatur und damit von der Höhenlage ihres Lebensraums ab.

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In den Rocky Mountains leben die beobachteten Murmeltiere auf über 3000 Metern Höhe – und dort spielt ihnen der Klimawandel bislang in die Karten. Durch den längeren Sommer bleibt grundsätzlich mehr Zeit zum Fressen, und die Tierchen legen dank ausgedehnter Vegetationsperioden ordentlich Fettreserven an. Ganz anders in der Schweiz: Auf rund 2000 Metern geraten Murmeltiere zunehmend unter Hitzestress. In den heissen Mittagsstunden bleibt ihnen oft nichts anderes übrig, als im kühlen Bau Siesta zu halten. Überschreiten die Temperaturen eine kritische Marke, verschwinden die strikt tagaktiven Tiere bis in den späten Nachmittag hinein unter der Erde. Dann bleibt bis Sonnenuntergang kaum mehr Zeit, um sich satt zu fressen.

Steigen die Temperaturen weiter an, verkürzt sich ihre aktive Phase – trotz längerer Vegetationszeit. Hinzu kommt: Mit zunehmender Wärme verschlechtert sich auch die Qualität der Pflanzen. Und als wäre das nicht schon genug, wandert die Baumgrenze langsam nach oben. Der Lebensraum der Murmeltiere schrumpft – in den Alpen wie in den Rockies.

Nicht nur Arten, die hoch oben schlafen, leiden unter dem Klimawandel. Auch sonstige Tiere, die Winterruhe oder -schlaf halten, leiden unter den milden Wintern. Gartenschläfer erwachen häufiger und gehen auf Futtersuche. Und auch Bären werden durch die veränderten Bedingungen meist schon früher aus der Winterruhe geweckt. Wenn die Vegetation jedoch noch nicht spriesst, stehen beide vor demselben Problem: Sie sind wach, aber es gibt nichts zu fressen.