Das Kükentöten hat bald ein Ende

Die Aufzucht von Hähnen lohnt sich in der Wirtschaftsgeflügelzucht für Legehennen nicht.

Die Aufzucht von Hähnen lohnt sich in der Wirtschaftsgeflügelzucht für Legehennen nicht.

Gion P. Gross

Kleintiere Schweiz
Da sich die Aufzucht der männlichen Küken nicht lohnt, werden sie am ersten Tag getötet – das sind in der Schweiz drei Millionen Küken pro Jahr. Dies könnte bald Vergangenheit sein, dank einer Methode, bei der das Geschlecht der Küken schon im Brutei ermittelt werden kann.

Kein Geflügelproduzent tötet gerne Küken. Wer aber von der Eierproduktion leben muss, kann es sich nicht leisten, männliche Küken grosszuziehen, für die er dann wohl auch kaum noch Käufer finden würde, da die Aufzucht viel länger dauern würde und sie viel weniger Fleisch ansetzen als die speziell gezüchteten Mastlinien.

Seit Jahren wird deshalb geforscht, wie man das Geschlecht schon im Ei bestimmen und somit auf das Töten der männlichen Küken verzichten könnte. Bisher wurden drei verschiedene Methoden zur sogenannten In-Ovo-Geschlechtsbestimmung entwickelt: die molekularbiologische, die spektroskopische und die endokrinologische Methode, wobei derzeit nur die zwei letzteren weiterentwickelt werden.

Ein Lichtstrahl ins Innere des Eis
Bei der sogenannten Infrarot-Raman-Spektroskopie wird nach vier Tagen Brutzeit ein kleines Loch ins Ei gestochen und ein spezieller Lichtstrahl ins Innere des Eis geschickt. Durch die Analyse des reflektierenden Lichts kann das Geschlecht bestimmt und daraufhin das Loch wieder verschlossen werden. Diese Methode ist offenbar noch nicht praxistauglich, weil sie noch nicht effizient genug ist, das heisst, zu wenig Eier in kurzer Zeit selektiert werden können.

Die endokrinologische, also hormonbasierte Methode, die von Forschern der Universität Leipzig entwickelt wurde, wird nach acht bis neun Bruttagen angewendet. Mithilfe von Lasern wird ein ganz kleines Loch in der Eischale erzeugt und eine minimale Menge der sogenannten Allantoisflüssigkeit entnommen.

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Diese Methode ist nicht besser als die bisherigen.
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Da die Flüssigkeitsentnahme noninvasiv erfolgt, hat dies für das Brutei keine Folgen und es muss auch kein Loch geschlossen werden. Die Flüssigkeit wird dann in einen Marker gegeben, der auf ein bestimmtes weibliches Geschlechtshormon mit einem Farbumschlag reagiert. Somit können die Bruteier sortiert und die männlichen Embryonen aussortiert werden. Letztere werden zu Futtermitteln verarbeitet und nicht einfach entsorgt.

Lizenzpflichtiges Label
Das Unternehmen Seleggt GmbH in Köln hat diese Methode nun bis zur Praxistauglichkeit entwickelt. Es ist aktuell das weltweit einzige praxisreife Verfahren zur Geschlechtsbestimmung von befruchteten Bruteiern, arbeitet es doch mit einer Geschwindigkeit von einem Brutei pro Sekunde. Berücksichtig man noch die Rüstzeit, können stündlich 3000 Bruteier selektiert, also rund 1500 weibliche Bruteier ermittelt werden. Momentan werden wöchentlich 60 000 Legehennen-Küken bebrütet und unter dem Label «respeggt» an die Aufzucht- und Legebetriebe abgegeben. Die Eier dieser Hennen werden dann in Grossverteilern verkauft. 

Gemäss Kristin Höller, Head of Business Development & Public Affairs der Respeggt Gmbh, möchte das Unternehmen den Ausstieg aus dem Kükentöten für alle Systempartner der Lieferkette möglichst einfach gestalten und bietet deshalb das Geschäftsmodell des sogenannten «Sexing as a Service» an. In diesem Kontext tritt die Respeggt GmbH als Dienstleister von Brütereien auf, um mithilfe der existierenden technologischen Verfahren die Geschlechtsbestimmung im Brutei den Brütereien anzubieten. Brütereien müssen infolgedessen keine Investitionen in technologische Verfahren der Geschlechtsbestimmung im Brutei tätigen. 

Die von der Respeggt GmbH erbrachten Dienstleistungen werden nicht den Brütereien in Rechnung gestellt, sondern als Lizenzgebühren gegenüber den Packstellen erhoben. Die Konsumeier der Legehennen erhalten einen Mehrwert, da sie ohne Kükentöten produziert werden können. Dieser Mehrwert, der als «Ohne Kükentöten» bekannt ist, wird lizenzpflichtig, wenn die Konsumeier als sogenannte «respeggt»-Eier vermarktet werden. 

Nicht unumstritten, aber besser 
Derzeit sollen sich rund eine Million Hennen in Aufzucht- und Legebetrieben befinden, die Kapazitäten im nächsten Jahr jedoch auf bis zwölf Millionen erweitert werden. «In welcher Art und Weise die Kapazitätsausweitung stattfindet, hängt auch davon ab, ob der Lebensmitteleinzelhandel als wesentlicher Treiber des Paradigmenwechsels bereit ist, deren Eiersortimente komplett auf kükentöten-freie Lieferketten umzustellen», sagt Höller. 

Zurzeit werden «respeggt»-Eier in Deutschland, Frankreich und den Niedelanden in rund 6000 Grossverteilern und Discoutern verkauft. Ab November sollen sie auch in der Schweiz erhältlich sein, wie Migros angekündigt hat. Auch Coop prüft, solche Eier ins Sortiment aufzunehmen.

Ungeklärt ist allerdings die Frage, ob ein Embryo nach acht oder neun Tagen schon Schmerz empfinden kann und sich diese Methode daher nur wenig vom Töten des geschlüpften Kükens unterscheide. Dazu gibt es mehrere wissenschaftliche Untersuchungen mit unterschiedlichen Ergebnissen. Während die einen davon ausgehen, dass das Schmerzempfinden schon zwischen dem vierten und siebten Bebrütungstag einsetzt, sind andere davon überzeugt, dass dies nicht vor der halben Brutzeit möglich sei. Einig ist man sich lediglich, dass ab dem dreizehnten Bebrütungstag das Gehirn vollständig entwickelt sei. 

Sicher ist aber auch, dass ein frisch geschlüpftes Küken Schmerz empfinden kann, weshalb diese Methode allemal besser ist und verhindern würde, das jedes Jahr alleine in der Schweiz rund drei Millionen frisch geschlüpfte männliche Küken getötet werden müssen.


www.respeggt.com

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