Es regnet im Entlebuch. Ein regelrechtes Sauwetter. Doch den Schweinen auf dem Brügghof im luzernischen Schüpfheim kann dies nichts anhaben. Kaum geht das Stalltor auf, rasen sie raus auf ihren überdachten Spielplatz, jagen einander nach Herzenslust hinterher, werfen sich genüsslich grunzend in das dick eingestreute Sägemehl oderstrecken ihre Rüssel hinein und wühlen so energisch, dass die Ohren heftig auf und ab wackeln.

Die Tiere benehmen sich absolut schweinemässig. Dass sie dies tun können, haben sie Oliver Hess zuverdanken, der das Konzept «Wiesenschwein» erfand. Der 51-jährige gelernte Drucker wechselte 2004 in die Landwirtschaft. Als Erstes baute er ein Baumhaus in Hildisrieden LU, das immer noch steht, wie er nicht ohne Stolz sagt. Danach hütete er Schafe, arbeitete mit Herdenschutzhunden und war Herdenschutzbeauf-tragter des Bundes im Entlebuch.

Fünf Jahre später wendete sich Hess den Schweinen zu – dem intelligenten, aber gerade deshalb wohl auch komplexesten Nutztier. Zuerst blickte er einem Züchter über die Schulter, 2012 kaufte er einen Betrieb. «Die Haltung machte mich gar nicht glücklich», erinnert sich Hess. «Am schlimmsten fand ich, dass die Tiere in ihrem kurzen Leben nichts anderes kennen als Fressen und Liegen.» Man sehe es in ihren Gesichtern, dass den Schweinen langweilig sei. Dabei müssen sie sozialagieren, rennen, spielen und wühlen können.

Swimmingpools für Hitzetage

Die Borstentiere lieben es, ihr Futter selbst zu suchen. Auch Baden und Schwimmen stehen hoch im Kurs. Das alles braucht eine gewisse Fläche. Wiesenschweine bekommen beides: viel Beschäftigung und viel Platz. Sechs Jahre arbeitete Hess an seinem Konzept, bis Franz Studer, der mit Schöff Schmid die Betriebsgemeinschaft Brügghof/Moosmatte unterhält, 2018 als erster von mittlerweile drei Höfen mit Wiesenschweinen startete. Studers Betrieb hat 350 Mastschweine. Je 35 Tierebilden eine Gruppe. Der Stall ist nach den Normen von IP-Suisse gebaut, in dem jedem Schwein permanent 1,65 Quadratmeter zur Verfügung stehen, im Stall und auf dem frei zugänglichen Laufhof.

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Dann kommen die Wiesenschwein-Extras: zwei vor schlechter Witterung geschützte Spielplätze à etwa 90 Quadratmeter, Swimmingpools für heisse Sommertage und zwei je gut 450 Quadratmeter grosse Wiesenstücke. Weil alles im Doppel steht, bekommen jeweils zwei Gruppen parallel Freilauf. Zweimal täglich geht es für eine Stunde auf den Spielplatz. Wenn das Wetter es zulässt, verbringen die Schweine einen Teil davon, zirka dreissig Minuten, auf der Wiese. Je nach Gegend sind etwa hundert Wiesentage pro Jahr möglich.

«Man sieht es ihren Gesichtern an, wenn ihnen langweilig ist.»

Damit die Wühlfans nicht das ganze Grün innert kürzester Zeit in einen Acker verwandeln, steht es zum einen nur offen, wenn es trocken ist. «Dann wühlen sie weniger», erklärt Studer. Wohl weil sie weniger Leckerbissen wie Regenwürmer im Boden vermuten. Zum anderen verhindert ein umweltfreundliches Polymer-Gitter in fünf Zentimetern Tiefe die Bodenverdichtung, ihren Rüssel können sie aber trotzdem in den Grund stecken. Zudem wird der Wühltrieb an eine dafür bestimmte Stelle gelenkt: Lange Röhren führen Futter zu diesem Wühl- und Ablenkbereich.

Die Ablenkung funktioniert

«Wenn die Wiese offen ist, rasen sie sofort dorthin», sagt Hess. Danach würden sie nicht mehr so heftig wühlen, sondern mehr spielen, Gras fressen, rennen, baden oder sich unter einem der Bäume im Schatten abkühlen. Wenn sie ihr Geschäft erledigen müssen, tun sie dies in der hintersten Ecke der Wiese oder am Spielplatzrand, wo es bereits feucht ist. «Am Rand ist es am interessantesten für die Schweine», erklärt Studer, «weil da entweder Menschen stehen oder weil sie nebenan ihre Artgenossen hören.»

Nach einer Stunde morgendlichen Auslaufs müssen die Tiere bis am Nachmittag wieder in den Stall. Schliesslich gibt es nach den ersten beiden Gruppen weitere, die draussen toben wollen. «Das geht nur mit Futter», stellt Studer trocken fest. Bewegung macht hungrig. Studers Tiere fressen des Lärmes wegen – in der Nachbarschaft hat es ein Wohngebiet – im Stall drinnen. Bei anderen Wiesenschwein-Betrieben tun sie dies im Auslauf.

Töne locken zurück in den Stall

Damit die schlauen Schweine auch wirklich den Rückzug antreten und ihren Kollegen Platz machen, werden die Tiere mit einem ausgeklügelten System überwacht und mit Tönen konditioniert. «Jede Gruppe hat ihren eigenen Ton, damit nur sie reingeht und nicht dieandere», sagt Hess und ergänzt, dass schon die jungen Schweinchen den Zusammenhang von Ton und Futter schnell kapieren. Er informierte sich, welche Frequenzen Schweine am besten hören. Es sind die hohen Töne. «Aber wir müssen Tonfolgen nehmen, die auch wir Menschen hören und voneinander unterscheiden können.» Klangmässig sei praktisch alles möglich. Ein anderer Betrieb spielt Ländlermusik ab, während es im Brügghof drei Töne auf drei Stufen sind.

Damit das System mit den wechselnden Gruppen funktioniert, ist Kontrolle unabdingbar. Hier kommen Kameras und Computer ins Spiel. Der Computer zählt die Schweine, wenn sie durch die beiden Tore zum Laufhof und in den Stall marschieren, anhand ihrer Ohrmarken. Die Kamera checkt jeden Winkel des Spielplatzes, wenn die Türchen geschlossen sind. Hess spricht von einer redundanten Sicherheit: «Der Computer bestätigt erstens, dass alle drinnen sind, und zweitens, dass kein Schwein mehr draussen ist.» Erst wenn die Maschine beide Fragen mit Ja beantwortet, öffnen sich die Tore und die nächsten Gruppen bekommen ihren Freilauf.

Wie zum Beweis rasen an diesem regnerischen Tag nach dem Ertönen des Signals 34 Schweine Richtung Stall, während eines sich lieber noch ein paar mal um die eigene Achse dreht und den Rüssel ins Sägemehl steckt. Auch weitere tonale Ermahnungen bringen das Säuli nicht davon ab. Dann kommt ein Kollege zurück und stupft es an, als ob er sagen wollte: «Hey, komm jetzt, wir haben Hunger!» Dies wirkt dann tatsächlich: Nun marschiert auch Nummer 35 in den Stall. Danach gehen die Tore zu, die Kamera sucht den ganzen Spielplatz ab – und der Computer bestätigt, dass die nächste Gruppe raus kann.

Einkaufskorb
Wiesenschwein-Fleisch gibt es in folgenden Migros-Filialen: Zentrum Oberland, Thun BE; Marktgasse Bern; Shoppyland, Urtenen-Schönbühl BE; Ladedorf, Langendorf SO; Zofingen AG; Zentrum, Regensdorf ZH; Neumarkt, Zürich Altstetten; Limmatplatz Zürich, Zürisee Center, Wädenswil; Shoppingcenter Illuster Uster

wiesenschwein.ch

Computer lernt die Schweine kennen

Hinter diesem Prozess steht künstliche Intelligenz: ein Bildalgorithmus, der sich ständig selber verbessert. So musste Hess der Maschine zuerst beibringen, was ein Schwein ist. «Wir haben sie mit 60 000 Bildern gefüttert, mit Säuli von allen Seiten sowie liegend, stehend, fressend und vieles mehr.» Offenbar hat der Computer viel gelernt. Beantwortet er eine Frage mit Nein, schlägt Studers Handy Alarm. Dann könne er auf dem Bildschirm nachschauen, was los ist. «Sollten Tiere partout nicht in den Stall gehen wollen, muss ich eingreifen und sie hineintreiben.» Der Computer, so der Landwirt, habe meistens recht. Eine Fehlermeldung gebe es aber auch, wenn einem Tier die Ohrenmarke abgefallen ist. «Dann sind für den Computer nur 34 von 35 Schweinen im Stall», erklärt Studer, der in so einem Fall das «Okay» manuell direkt am Handy eingibt.

«Wenn es den Schweinen gut geht, erfüllt es den Tierhalter mit Stolz.»

Möglichst keine Fehlermeldungen ist ein Ziel von Hess. Er möchte das Zusammenspiel von Freilauf und Wetter so automatisieren, dass die Bauern noch seltener eingreifen müssen. «Der Computer könnte die ersten beiden Gruppen beispielsweise auf den Spielplatz zurückschicken, wenn es angefangen hat zu regnen, und die nächsten Gruppen gar nicht erst auf die Wiese lassen.» Insgesamt gebe es noch vieles zu justieren.

Im Vergleich zu einem normalen IP-Suisse-Betrieb habe der Wiesenschwein-Landwirt schon noch Mehrarbeit, sagt Oliver Hess. Dies weil er regelmässig die Einstreu der grossen Spielplätze wechseln muss und eben wegen der Fehlermeldungen des Systems. Aber nach vier Jahren Wiesenschwein-Erfahrung betont Franz Studer, dass erstens das meiste schon von Anfang an sehr gut funktioniert habe. Und zweitens gehe es nicht nur um Mehrarbeit, sondern auch um den Mehrwert für die Schweine. «Wenn es ihnen gut geht, erfüllt dies auch den Tierhalter mit Stolz.»

200 000 Schweine ist ein realistisches Ziel

Die Haltung läuft nicht unter Bio, denn die Idee von Hess war es von Anfang an, das System Wiesenschwein an IP-Suisse-Ställe anzuhängen. Mit IP Suisse gibt es eine Zusammenarbeitsvereinbarung, der Schweizer Tierschutz STS kontrolliert die drei Betriebe. Die Landwirte bekommen Bundesbeiträge für besonders tierfreundliche Stallhaltungssysteme (BTS) und für regelmässigen Auslauf im Freien (Raus). Verglichen mit den Raus-Vorgaben für Mastschweine von 0,65 Quadratmetern Auslauf pro Tier haben die Wiesenschweine deutlich mehr Platz: Allein auf dem Spielplatz sind es fast 2,6 Quadratmeter, und auf der Wiese kommen nochmals über 12,8 Quadratmeter pro Schwein hinzu, einfach zeitlich begrenzt.

«Es gibt also wirklich gute Systeme in der Schweiz», betont Hess auch mit Blick auf die Massentierhaltungsinitiative. Denke er an das Tierwohl, fände er es schön, wenn alle der rund 2,5 Millionen Schweine, die hierzulande pro Jahr geschlachtet werden, irgendwann einmal so gehalten würden. «200 000 Tiere ist aber ein realistisches Ziel.» Dafür bräuchte es dann allerdings deutlich mehr Landwirte. Das Interesse auf bäuerlicher Seite sei vorhanden, weiss Hess. Für sie wichtig ist aber auch die verbindliche Zusage des Detailhandels, die Schweine abzunehmen.

Die drei aktuellen Betriebe produzieren jährlich etwa 2500 Wiesenschweine. Abnehmerin ist seit Kurzem die Migros. In zehn Filialen der zwei grossen Genossenschaften Aare und Zürich gibt es das Fleisch, für ein schweizweites Angebot reicht die hergestellte Menge noch nicht. Aber träumen, so Hess, darf man ja. Dies nicht zuletzt auch zum Wohl der Schweine vom Brügghof, wo gerade die nächsten beiden Gruppen den Spielplatz erobern.

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