Die kleinen Super-Kühe

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Jürg Oechslin hat wegen neuer Stallnormen auf kleine Jersey-Kühe statt grosses Braunvieh umgestellt.
LID / Michael Wahl
Jersey-Kühe
Sie sind kleiner als ihre meisten Artgenossen. Doch ihre Milch enthält so viel Eiweiss wie keine andere und gemessen an ihrer Grösse geben sie am meisten Milch: Jersey-Kühe.

Trachslau, Kanton Schwyz, Mitte Januar: Im unweit von Einsiedeln und zwischen zwei Bergketten gelegenen Dorf herrscht an diesem Nachmittag Postkartenwetter. Sonnenschein, milde Temperaturen und eine in Watte gepackte Winterlandschaft. Langlauf-Fans ziehen ihre Runden auf der Loipe. Den Auslauf auf der schneebedeckten Wiese scheinen auch die 21 Jersey-Kühe von Jürg Oechslin zu geniessen. Die gelb-braunen Tiere mit den grossen, dunklen Rehaugen wirken verspielt. Als der 49-Jährige für das Foto die Weide betritt, scharen sie sich neugierig um den Landwirt.
Noch bis vor Kurzem standen an dieser Stelle Braunvieh-Kühe. Wie auf fast jeder Kuhweide rund um Einsiedeln, das als Wiege des Braunviehs gilt. Bereits im Mittelalter soll das dortige Kloster mit deren Zucht begonnen haben. Tradition hin oder her: Im Oktober 2012 verliess die letzte Braunviehkuh Oechslins Hof. Damit war die schrittweise Umstellung auf Jersey-Kühe, die rund drei Jahre zuvor angefangen hatte, abgeschlossen. Am Anfang sei es schon etwas komisch gewesen, dass im Stall anstelle des massigen und grossen Braunviehs plötzlich die feingliedrigen und mit einer Höhe von 120 cm deutlich kleineren Jersey-Kühe standen, erklärt Oechslin. Und ergänzt schmunzelnd: «Nun ist einfach alles eine Stufe kleiner.»

Mehr Platz für Kühe
Dass Jürg Oechslin in einer Braunvieh-Hochburg plötzlich die Rasse umgestellt hat, kommt nicht von ungefähr. Denn sein 20-jähriger Stall erfüllt die ab September 2013 geltenden Anforderungen nicht. Ab diesem Zeitpunkt müssen Bauern ihren Kühen mehr Platz im Stall gewähren. Dies verlangt die Tierschutzverordnung, die 2008 auf den neusten Stand gebracht wurde. Denn Milchkühe werden durch Zucht immer grösser. Für Bauern, deren Ställe die neuen Normen nicht erfüllen, bedeutet dies: Entweder steigen sie aus der Milchproduktion aus, bauen ihre Ställe um – oder stellen auf kleinere Kühe um.

Jersey-Bestand nimmt zu
Bauer Oechslin ist kein Einzelfall. Die kleinen Jersey-Rinder, die Ende der 1980er Jahre zunächst zu Forschungszecken importiert wurden und seit 1995 offiziell als Rasse anerkannt sind, werden immer beliebter. Letztes Jahr waren es 9'656 Tiere. Verglichen mit den Hauptrassen ist das zwar nur ein Bruchteil, dennoch nimmt die Anzahl der kleinen Jersey-Rinder zu, während diejenige von Braunvieh oder Fleckvieh rückläufig ist.

Dass immer mehr Bauern die Jersey-Kuh entdecken, freut Bruno Schuler, Präsident des Jerseyzuchtvereins. «Das sind halt die besten Kühe», erklärt der Landwirt aus Hühnenberg ZG schmunzelnd, der vor zehn Jahren sein Braunvieh durch Jersey-Kühe ersetzt hat. Derzeit erkundigten sich gerade wieder zwei Bauern bei ihm. Schuler weiss, dass Landwirte nicht einfach so umstellen: «Ein Rassewechsel ist wie ein Religionswechsel.»
Auch Jürg Oechslin stand einst im Stall von Bruno Schuler und hat sich diese kleinen von der zwischen England und Frankreich gelegenen Insel Jersey stammenden Kühe angeschaut. Und war begeistert. Heute sagt er: «Ich würde nie mehr zurück wechseln.» Jersey-Kühe seien aufmerksamer, «gwundriger», einfacher im Umgang. Wolle er seine Tiere von der Weide zurück in den Stall holen, reiche es aus, wenn er einmal rufe. Zudem hätten Jersey-Kühe im Vergleich zu Braunvieh weniger Probleme mit Klauen und Euter. Und weil die kleinen Jersey-Kühe mit ihren 400 kg zwischen 200 und 300 kg leichter seien als Braun- oder Fleckvieh, verursachen sie weniger Trittschäden. Auch würden Jersey-Kühe deutlicher anzeigen, wann sie stierig seien – ein weiterer Vorteil, denn wird die Brunst zu spät oder gar nicht erkannt, verursacht das Mehrkosten, etwa für zusätzliche Besamungen oder in Form einer tieferen jährlichen Milch- und Kälberproduktion.

Weniger, aber gehaltvollere Milch
Jersey-Kühe unterscheiden sich auch in der Milch von ihren grösseren Artgenossen: Sie enthält mehr Fett und Eiweiss. Laut Jerseyzuchtverein handelt es sich gar um den höchsten Eiweissgehalt aller Milchrassen. Für die Bauern ist dies in Zeiten, wo sich der Milchpreis auf Talfahrt befindet, ein Segen. Denn die Abnehmer der Milch honorieren die höheren Gehalte an Fett und Eiweiss. Rund zehn Rappen mehr pro Kilo erhält Schuler für seine «Jersey-Milch». Aber: Die kleinen Jersey-Kühe können punkto Milchleistung nicht mir ihren grösseren Artgenossen mithalten. Während eine Jersey-Kuh durchschnittlich 5'400 kg Milch im Jahr gibt, sind es bei einer Braunvieh-Kuh deren 6'900 kg. Ersetzt ein Bauer also seine 15 Braunvieh-Kühe durch 15 Jersey-Kühe nimmt damit die Milchmenge und letztlich das Einkommen ab – trotz eines höheren Milchpreises. Jürg Oechslin kompensiert die kleinere Milchmenge pro Tier, indem er die Aufzucht der Jungtiere ausgelagert hat. Damit hat er mehr Platz für Milchkühe. Heute stehen 21 Jersey-Kühe in Oechslins Stall, während es früher zwischen 15 bis 18 Braunvieh-Kühe waren. Dennoch: Jersey-Kühe geben zwar weniger Milch, gemessen an ihrem Körpergewicht verfügen sie aber über die höchste Milchleistung. Dafür würden sie weniger Fleisch ansetzen als andere Rassen, gibt Oechslin zu bedenken. Der Erlös sei denn auch tiefer als beim Braunvieh. Jersey seien eben eine typische Milchrasse.

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