Ein Lächeln hinterm Fenster

Pony Annie's Whizz am Fenster

Das Pony Annie's Whizz bereitet isolierten Menschen in London Freude.

Equipassion UK

Ponybesuch
Dem kleinsten Pony fällt die grösste Aufgabe zu, in den Stallungen der Park Lane Stables in London. Da die Ställe wegen COVID-19 geschlossen sind, besteht sein Job darin, Leuten, die isoliert zuhause sitzen, einen Besuch abzustatten und sie zum Lächeln zu bringen.

Die Park Lane Stables sind einer der mitgliederstärksten Pony-Clubs in Grossbritannien und darüber hinaus eine Reitschule für behinderte Menschen. Als die Stallungen ihre Türen schliessen mussten, beschloss ihre Eigentümerin Natalie O’Rourke wiederum, ein Fenster zur Welt zu öffnen.
 
«Wir sind eine kleine Drehscheibe, ein sozialer Knotenpunkt in unserem Stadtteil, und normalerweise sehr geschäftig», erklärt O’Rourke. «Ich wollte etwas tun, um zu helfen. Und da hatte ich die Idee, ein Pony loszuschicken, um es jemandem vors Haus zu stellen.» Dann könne eine Person, die sich wegen der durch das neue Coronavirus verursachten Lungenkrankheit COVID-19 in Quarantäne befinde, ein freundliches Gesicht sehen. «Und wenn es sich dabei um das Gesicht eines Ponys handelt, ist ein Lächeln garantiert.»

Wie O’Rourke erzählt, halten die Mitarbeitenden der Stables dabei ein Schild mit einer Botschaft hoch. Darauf steht zum Beispiel: «Ihre Tochter hat Ihnen Annie’s Whizz geschickt, um Hallo zu sagen.» Das unterbreche die Monotonie und hebe die Stimmung. «Es macht ganz einfach froh.»

Pony Annie's Whizz mit Führerin

Erinnerung an Annie
«Annie’s Whizz», das ist der Star der Show. Das 15-jährige Welsh-Mountain-Pony ist und ein rundum gutmütiges Wesen, weshalb man ihm auch diese Rolle zuerkannt hat. Das Kerlchen ist von kleiner Statur und macht niemandem Angst, was ideal ist, um ihn in die Vorgärten von Häusern mitzunehmen. Und Annie’s Whizz ist eindeutig männlich, obwohl er einen weiblichen Namen hat.

Und den hat er aus einem wirklich bewegenden Grund. «Eine unserer Reitschülerinnen war ein kleines Mädchen namens Annie, das traurigerweise an Meningitis starb. Annies Vater bat mich, ein Pony nach ihr zu benennen, um die Erinnerung an sie wach zu halten», sagt Natalie O’Rourke. Und nun wird Annies Geschichte in ganz London bekannt. Und das, obwohl der Name eigentlich gar nicht zu dem gemütlichen Pony passt. «Annie’s Whizz ist wohl das Pony mit dem geringsten ‹whizz›», sagt die Stalleigentümerin. «Also nicht gerade ein Funkensprüher. Kein vierbeiniger Tausendsassa.»

Die Park Lane Stables finden sich an einer Strasse mitten in einem Wohngebiet, im Herzen des Westlondoner Stadtteils Teddington. Dort angesiedelt waren sie schon seit hundert Jahren. Ursprünglich war dies nämlich das Gelände der örtlichen Feuerwehr – zu einer Zeit, als Löschwagen noch von Pferden gezogen wurden. Viel von der Gegend drum herum hat einst zu den Stallungen gehört. Das Land wurde aber nach und nach verkauft, so dass die Ställe nun vollständig von Häusern umgeben sind.
 
«Wir sind mitten im Stadtteil geblieben. Wir betreiben ein Gehöft in der und für die Nachbarschaft», erklärt O’Rourke. «Wir sind da für buchstäblich jeden. Für Kinder, für Erwachsene, für Blinde, für behinderte Reiterinnen und Reiter.» Zehn Ponys insgesamt stehen in den Ställen, und zehn weitere auf anliegenden Feldern, die Annie’s Whizz unterstützen können. Sie alle brauchen Bewegung und Auslauf. Also mache es Sinn, sie an den Hausbesuchen zu beteiligen, wenn sie unterwegs sind.

Noch nie ein Pony gesehen
Zuletzt hat Annie’s Whizz zehn Besuche am Tag absolviert. Der erste Besuch an diesem Tag galt Amy, einer Mutter, die mit einem kleinen Kind isoliert zuhause ist. Sie bat um Annie’s Whizz, weil Söhnchen Liam sich entsetzlich langweilte. Nun bringt sie ihm alles bei, was mit Pferden und Ponys zu tun hat. Einer der anderen Besuche war eine Visite bei einer 81-jährigen Frau, die sich wegen Krebs einer Chemotherapie unterziehen muss und der die Einsamkeit zusetzt. Wieder ein anderer Besuch führte zu einem Wohnblock, in dem Kinder, die nun nicht mehr zur Schule gehen können, sich auf den Balkons drängten und aufgeregt winkten.
 
«Dies ist schliesslich London», meint O’Rourke. «Einige dieser Kinder haben noch nie im Leben ein Pony gesehen.» Deshalb stellte man Annie’s Whizz auf einen Grünstreifen und liess ihn dort grasen. Die Kinder konnten ihm dabei zusehen. «Jetzt wissen sie, was Ponys fressen.»
 
Bei all dem Trubel schaut Natalie O’Rourke natürlich immer auch auf das Wohl des Ponys. «Wenn es mal zuviel werden sollte und seine Beinchen nachgeben, dann setzen wir stattdessen andere unserer Therapie-Ponys ein. Aber im Augenblick ist Annie’s Whizz vollkommen glücklich. Er darf überall, wo er hinkommt, grasen.»

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