Fliegende Armeepferde

Forschung
Die Schweiz ist eines der wenigen Länder, die Tiere aus der Luft retten. Um wissenschaftliche Grundlagen und Protokolle für das Ausfliegen kranker oder verletzter Pferde zu errichten, nahmen kürzlich Armeepferde an einem spektakulären Experiment im Jura teil.

Ein Pferd verletzt sich bei einem Ausritt im abgelegenen Val Müstair oder bekommt in einem Tessiner Seitental eine Kolik. Ein Reitstall oder ein Trainzug der Armee wird in den Bergen von einer Lawine getroffen. Bei diesen Szenarien würde die Evakuation der Tiere auf dem Landweg mehrere Stunden dauern – die medizinische Hilfe käme wohl zu spät. Private Helikopterunternehmen wie die Rega retten deshalb heute schon in Not geratene Pferde, Kühe und Rinder. 

Bisher haben die Ersthelfer diese Bergungen ohne verlässliche Daten über die Auswirkungen der Flüge auf das Befinden der Tiere durchgeführt. «Wir sind deshalb mit Pferden nie länger als 10, maximal 20 Minuten geflogen», sagt Ruedi Keller. Der Leiter des Grosstierrettungsdienstes GTRD hat schon viele Rettungsaktionen über die Luft begleitet – pro Jahr sind es rund 20. Ihm und GTRD-Ausbildungschef Anton Fürst, Direktor der Pferdechirurgie am Tierspital der Universität Zürich, liegt daher viel an der Etablierung wissenschaftlicher Grundlagen für die Luftrettung von Pferden. «Darauf arbeiten wir seit rund 10 Jahren hin», sagt Fürst, der als führender Pferdenotfallmediziner des Landes gilt. 

Entsprechend froh waren die beiden, dass nun Testflüge im Rahmen einer Studie der veterinärmedizinischen Fakultät der Universität Zürich und des Veterinärdienstes der Armee durchgeführt werden konnten. «Ziel war es, das Evakuieren von Pferden auf dem Luftweg zu trainieren, Daten zu sammeln und die Abläufe so weit zu optimieren, dass ein Standardprotokoll für künftige Rettungseinsätze erstellt werden kann», sagt Stéphane Montavon, Chef Veterinärdienst der Armee. Auf seine Initiative hin wurde der Versuch von der Luftwaffe unterstützt. Diese absolvierte die Flüge im Rahmen ihres Ausbildungsprogrammes. Für die Armee-Angehörigen ging es auch um das Überwinden eines Traumas: 1987 verunglückte ein Pferd bei einer Übung mit einem Alouette-Helikopter im Bündnerland tödlich – seither flog die Schweizer Luftwaffe nie mehr Pferde.

Pferde wurden permanent überwacht 
Das aufwendige Experiment, für das eine kantonale Tierversuchsbewilligung notwendig war, wurde minutiös geplant. Ende März fanden in der Reithalle des Nationalen Pferdezentrums NPZ in Bern erste «Trockenübungen» statt, bei denen die Armeepferde an einem Kran in die Höhe gehoben wurden. In der zweiten Aprilwoche reiste dann ein Dutzend Pferde für zwei Tage in den Jura, wo die Festwiese vor der Halle des «Marché-Concours» in Saignelégier optimale Platzverhältnisse für das Starten und Landen des schweren Super-Puma-Helikopters bot. 

Beim ersten Flug wurde das Pferd nur drei Mal kurz angehoben. «Dabei haben wir die optimale Seillänge bestimmt», sagt Montavon. Darauf folgten sieben Rotationen mit jeweils einem anderen Pferd am Seil. Der Transporthelikopter drehte auf einer Flughöhe von 300 Metern bis zu 45 Minuten lang seine Runden über dem Jura und testete Geschwindigkeiten bis 140 Stundenkilometer. Als Höhepunkt der Versuchsserie kreiste der Helikopter mit drei Tieren gleichzeitig über den Tannenwipfeln der Freiberge.

Die Vierbeiner waren für die Flüge sediert, sodass sie zwar ruhiggestellt waren, aber nicht schliefen. Zur Lärmdämpfung bekamen sie Watte in die Ohren und ihre Sicht wurde mit einer Haube eingeschränkt. Damit sich der Kopf im Flug nicht absenkt, was zu einem Blutstau in den Halsvenen führen kann, wurde er mit einem Flughalfter fixiert. 

Jedes Tier trug Sensoren, die Herzfrequenz und Temperatur massen. «Die Pferde wurden permanent kontrolliert – auch in der Luft», betont Projektleiter Anton Fürst. Dafür wurden die Testflüge von einem zweiten Helikopter begleitet, in dem ein Tierarzt mitflog. Er beobachtete das Verhalten der Pferde in der Luft und behielt die per Bluetooth übermittelten Gesundheitswerte im Auge. «Bei einem Problem hätten wir den Flug sofort abgebrochen und das Pferd versorgt», sagt Fürst. Am ersten Tag war das einmal der Fall: Weil es stark windete, landete der Helikopter aus Sicherheitsgründen früher als geplant. 

Für die Testpiloten und das Bodenpersonal der Luftwaffe bot sich im Jura die willkommene Möglichkeit, eine Situation zu trainieren, zu der sie im Rahmen eines Hilfseinsatzes gerufen werden könnten. «Eine lebendige Fracht zu transportieren ist auch für uns etwas ganz Besonderes. Ich spüre, wenn sich am Seil etwas bewegt», sagt der Pilot Michael Fürstenberg. Über speziell angebrachte Spiegel hatte er die Pferde stets im Blickfeld. «Vor allem beim Abheben und Aufsetzen musste ich vorsichtig sein.»

Pferde sind in Saignelégier kein ungewöhnlicher Anblick – solche die fliegen schon. «Ich traute erst meinen Augen nicht, als sie über mein Haus flogen», sagte eine ältere Dame, die dem Knattern des Helikopters gefolgt war. Von Weitem waren die in den speziell angefertigten Bergungsnetzen an einem Seil unter dem Helikopter hängenden Pferde kaum zu erkennen. Erst mit dem Näherkommen wurden Körper, Kopf und die vier ruhig in der Luft baumelnden Beine deutlicher. Über seinem Zielort senkte sich der Super Puma im Zeitlupentempo. Die Luftverwirbelungen drückten das Gras nieder, auf dem die Hufe langsam wieder festen Stand fassten. Kaum waren die Vierbeiner am Boden, atmeten die Zuschauenden auf und applaudierten.  

Erleichterung, dass alles gut ging 
Und als nach dem letzten Flug die drei gleichzeitig transportierten Pferde sicher gelandet waren, fiel die Anspannung auch bei den Beteiligten ab. Man sei sich der grossen Verantwortung gegenüber dem Tier bewusst, sagt Fürst. «Als Pferdeliebhaber zieht es einem das Herz zusammen, wenn man ein gesundes Pferd zu Versuchszwecken an einen Helikopter bindet und in die Luft schickt.» Doch er ist überzeugt, dass die Untersuchungen einen wichtigen Beitrag für künftige Flugrettungen von kranken und verletzten Pferden leisten werden.  

Bis die gesammelten Daten ausgewertet sind und die Studienergebnisse vorliegen, wird es gemäss Fürst Mitte bis Ende 2021. Doch der erste Blick auf die Puls- und die Temperaturwerte überraschte die Veterinärmediziner: Beide Werte blieben bei den fliegenden Vierbeinern im Normalbereich. Nur bei zwei Pferden fiel die Körpertemperatur aus noch ungeklärten Gründen ab. Weitere Erkenntnisse wird die Auswertung der Blutproben hinsichtlich des Stresshormons Cortisol liefern. «Man kann aber jetzt schon sagen, dass die Pferde komfortabel geflogen sind, nach dem Flug in guter Verfassung waren und sich rasch erholten», sagt Stéphane Montavon vom Veterinärdienst der Armee. «Alles verlief nach Wunsch, es gab keine Zwischenfälle und wir haben in den zwei Tagen viel gelernt.» 

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