Kleine Wundertüten, grosse Gourmets

Zwergziegen
In Afrika sind Zwergziegen Nutztiere, hierzulande hält man sie aus Freude. So auch die Mitglieder der vor 20 Jahren gegründeten IG Zwergziegen. Die kleinen Geissen sind verspielt, fressen gerne über den Zaun und sind in mancher Hinsicht gar nicht so anders wie ihre grossen Schwestern.

Ob im Streichelzoo, an Ausstellungen oder auf der Weide: Dem Charme von Zwergziegen kann sich kaum einer entziehen, wenn die kleinen Meckerer auf Baumstämmen hinauf- und hinunterhüpfen, miteinander rangeln oder einander hinterherjagen. «Ja, sie sind absolut verspielt, und dies bis ins hohe Alter», bestätigt Beata Fuchs lachend. Die Obwaldnerin aus Giswil hält seit 2005 Zwergziegen. Lange hat sie auch gezüchtet, mittlerweile besteht ihre kleine Herde noch aus Max, Benjamin und Theddy – drei kastrierten Herren im gesetzteren Alter von 8, 10 und 13 Jahren. Und doch sei immer etwas los auf der Weide und im Stall.

Fuchs ist seit 2015 als Geschäftsführerin im Vorstand der IG Zwergziegen. Peter Schöpfer und Otto Abächerli, zwei Pioniere der Zwergziegenzucht aus den Kantonen Wallis und Obwalden, gründeten die Interessengemeinschaft 2001 mit dem Ziel, Wissen und Erfahrungen auszutauschen und ein Herdebuch zu führen, um Inzucht zu vermeiden. 20 Jahre später zählt die IG gut 100 Mitglieder und umfasst das Herdebuch 715 Geissen und Böcke. «Etwa 10 bis 15 Mitglieder sind Züchter, die Ziegen verkaufen», erklärt Fuchs. Die anderen seien Hobbyhalterinnen respektive Gönner.

Es gebe in der Schweiz aber viel mehr Besitzer. Da Zwergziegen unter Kleintiere laufen, braucht man keinen Sachkundenachweis, so wie dies bei Ziegen nötig ist, um sie zu halten. Doch es gilt einiges zu beachten, bevor man sich die offenen und neugieren Tiere zulegt. «Jede Geiss hat ihren eigenen Charakter, die eine meckert mehr als die andere», sagt Fuchs. Sie können durchaus Lärm machen. Dessen müsse man sich bewusst sein, wenn man in einem Quartier wohne. Mit der richtigen Gestaltung von Weide und Stall sei die Haltung auch dort möglich.

Um ihren Spiel- und Bewegungsdrang ausleben zu können, brauchen Zwergziegen – wie ihre grossen Schwestern – eine abwechslungsreiche Umgebung. Auf einer flachen Wiese sorgen Baumstämme und -wurzeln, Steine, Klettergerüste oder Rohre für Spielmöglichkeiten, im Stall sind es Böden auf verschiedenen Höhen sowie da und dort deponiertes Futter.

Springwunder fressen über den Hag
Die maximal 50 Zentimeter grossen Zwergziegen sind wahre Springwunder und können doppelt so hohe Hindernisse überhüpfen. Ein Zaun sollte mindestens 120 Zentimeter hoch sein. Denn sie fressen gerne über den Hag – und alles was verboten ist. Ganz speziell mögen sie Stauden mit Dornen, Himbeeren etwa oder Rosen. «Zwergziegen sind grosse Gourmets», weiss Fuchs aus Erfahrung.

Sie sind zwar Gehölzfresser und nagen gerne an Ästen von Christbäumen oder an Baumrinden, eignen sich aber nicht als Entbuscher. «Die Zwerggeiss frisst alles von oben herab, zuerst was sie am liebsten mag wie das frischeste Gras und die besten Kräutchen», erklärt Fuchs. Erst wenn sie noch Hunger haben, komme der Rest dran.

Zur Abwechslung gibt Fuchs ihren drei Böcken auch mal Apfel- oder Rüeblischnitze. Ganz, ganz selten bekommen sie harte Brotwürfel – diese Leckerli sind zwar heiss begehrt, dürfen aber nicht zu oft verfüttert werden, da die Geissenverdauung Getreide nicht gut verträgt. Und wenn man sie zu sehr verwöhnt, können sie auch mal zu lästigen Bettlern werden.

«Jede Zwerggeiss hat ihren eigenen Charakter.»
Beata Fuchs
Geschäftsführerin Vorstand IG Zwergziegen

Ziegen, ob gross oder klein, sind neugierig  und intelligent. Sie reagieren auf ihre Halterinnen und Besitzer, brauchen als gesellige Herdentiere aber unbedingt Artgenossen und Artgenossinnen um sich herum. «Sie müssen mindestens zu zweit sein, besser zu dritt», betont Fuchs. Jede Gruppe lebe in einer klaren Hierarchie. Die Chefin ist meist eine
ältere Dame, manchmal auch der Bock.

Als während der Corona-Pandemie auch ein Run auf Zwergziegen einsetzte, mussten die Züchter der IG viel Aufklärungsarbeit leisten. «Wer bei uns Jungtiere kauft, ist gut informiert», betont Fuchs. «Wir klären auch auf über die nötigen regelmässigen Tierarztkontrollen für Impfungen und wegen Parasiten.» Aber Interessierte müssten sich ebenso bewusst sein, dass sie die Geissen für viele Jahre haben.

Zucht nach Farben nicht möglich
Durchschnittlich 13 bis 16 Jahre alt werden die kleinen Ziegen, deren verschiedene Schläge und Landrassen ihre Ursprünge in Afrika haben. Dort spielen sie aber wie die Westafrikanische Zwergziege in den feuchten Zonen Nigerias und Kameruns bis heute eine wichtige Rolle als Fleisch- und Milchlieferantin. Nach Europa kamen die Djallonke, wie französische Kolonialisten die Ziegen nannten, vor gut 100 Jahren mit dem Schiff, je nach Quelle als Anschauungstiere für Zoos oder als Raubtierfutter. 

Doch die freundlichen, robusten und einfach zu haltenden Geissen eroberten schnell die Herzen der Europäer. Sie wurden bald auch an Private abgegeben, die sie aber nicht nutzen, sondern wie Beata Fuchs und viele IG-Mitglieder aus Spass und Freude halten. Wer die kleinen, eher stämmigen Ziegen mit dem gedrungenen Rumpf und den kurzen Beinen züchtet, weiss, dass sie Wundertüten sind: Einige haben Hörner oder Halszötteli, andere nicht.

Und nach Farben kann man sie auch nicht züchten. «Es ist immer spannend, weil man nie weiss, was es gibt», sagt Fuchs. Der Nachwuchs eines schwarzen Bocks und einer braunen Geiss könne einfarbig sein oder braun-weiss gescheckt oder vorne braun und hinten weiss. Selbst die Gitzi – meist Zwillinge und sehr selten Drillinge – sehen in der Regel nicht gleich aus. Auch wenn sie in ihrem Verhalten den grossen Ziegen ähnlich sind, sind Zwerggeissen nicht einfach Mini-Versionen bekannter Rassen wie Schwarzhals, Toggenburger oder Gämsfarbige Ziegen, sondern eigenständige Meckerer.

www.zwergziegen-ig.ch

Autor

Petra Stöhr

Petra Stöhr

Petra Stöhr ist «Tierwelt»-Redaktorin und geht als Historikerin gerne der Geschichte der Schweizer Nutztiere auf den Grund. Noch lieber geht sie für Geschichten ins Feld und macht sich für ihre Begegnungen mit den medidativen Kühen, den gmögigen Schafen und den quirligen Geissen auch die Gummistiefel dreckig oder lässt es über sich ergehen, dass sich Schweine überaus gerne an ihren Beinen reiben.

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