Mit Pioniergeist zum Erfolg mit Alpakas

Nutztiere
Die Haltung von Alpakas boomt. Um damit auch Geld verdienen zu können, müssen Landwirte die Tiere vielseitig einsetzen. Agrotourismus, Wollprodukte und Zucht sind die Schlüssel zum Erfolg, wie das Beispiel des Berners Andi Rüedi zeigt.

Trippelnde Schritte ertönen, dann Laute, die an Lämmer erinnern. Doch was da im Gleichschritt vorbeirauscht, ist ein Trupp Alpakas. Bald gefolgt von weiteren Gruppen und schliesslich von einem Trio, das aber einen Vollstopp einlegt, um zu kontrollieren, ob sein Besitzer auch mit von der Partie ist. Ist er: Andi Rüedi, Alpaka-Züchter aus Leidenschaft, hat seine im vergangenenen Jahr geborenen Jungtiere in Ortschwaben BE erfolgreich auf die Weide getrieben.

Dort sprinten die rund 20 Alpakas in der milden Februarsonne auf und ab. Zuerst geht es von rechts nach links an der Kamera vorbei und dann – einen Haken schlagend – wieder zurück. Die einen scheinen im Halbstarkenalter zu sein, bespringen sich gegenseitig oder vollführen ballettartige Techtelmechtel. Andere grasen, heben ihre Köpfe und blicken fotogen drein, stillhaltend wie Plüschtiere. Dem Charme dieser flauschigen, von fast weiss über verschiedene Brauntöne bis ganz schwarzen Neuweltkameliden kann sich kaum jemand entziehen. Die Alpaka-Haltung boomt. 3668 Tiere lebten 2019 in der Schweiz. Die Statistikabteilung des Schweizerischen Bauernverbandes, Agristat, ging für 2020 von 4,3 Prozent Wachstum aus, während die Zahl der Lamas leicht zurückging.

Den Boom vor allem bei Hobbybesitzern merkt auch Rüedi. Wer nicht Landwirt ist, muss einen Sachkundenachweis erbringen. Die Zahl der Personen, die bei ihm den Kurs absolvieren, verdoppelt sich jährlich. Immer mehr Landwirte setzen auf die aus den südamerikanischen Anden stammenden, domestizierten Kamele. Nun hat ein Student der Agrarwissenschaften an der ETH Zürich die Wirtschaftlichkeit der Neuweltkamelidenhaltung untersucht und die Resultate in der Fachzeitschrift für Halter und Züchter von Kleinwiederkäuern, «Forum», publiziert.

Auf ein Classic-Lama-Muttertier gerechnet nimmt der Halter für den Verkauf von Fleisch, Zuchtfohlen und Wolle 1772 Franken ein und beim kleineren Alpaka-Muttertier 861 Franken. Zieht man die Ausgaben für den Zukauf von Hengsten sowie Futter, Einstreu, Tierarzt, Medikamente, Scheren und andere Arbeiten ab, ergibt sich ein Gewinn von 1315 Franken für Lamas respektive 534 Franken für Alpakas. Im Vergleich zur Fleischschhafhaltung sind diese Deckungsbeiträge relativ gross.

Begehrte Spaziergänge
Ob nun aber mit einem Lama tatsächlich ein grösserer Gewinn erzielt werde als mit einem Alpaka, könne eher schwer beurteilt werden, heisst es im «Forum»-Artikel. Einige der für die Untersuchung angefragten Betriebe hätten angegeben, die Lama- oder Alpakahaltung als alleinige Produktionsform sei kaum rentabel, man sei auf zusätzliche Standbeine angewiesen. Doch, das könne rentieren, entgegnet Rüedi, der es hat durchrechnen lassen. «Aber man muss vielseitig sein.»

Er setzt auf Agrotourismus, Wollprodukte und Zucht. Gerade die agrotouristischen Angebote seien ein Renner, sagt Rüedi und zählt auf, wofür er seine wolligen Sympathieträger einsetzt: Visiten in Altersheimen, Kindergeburtstage, Hochzeitsshootings, Rosenübergaben am Valentinstag und Spaziergänge. «Ich könnte an sechs von sieben Tagen Spaziergänge anbieten.» 20 bis 30 Personen kämen an einem Tag. Und er hat weitere Ideen, Schlafen in Alpakawolle beispielsweise.

Überhaupt: die Wolle. Sie ist eine Erfolgsgeschichte auf Rüedis Alpakahof. Mit dem Online-Shop geht er einerseits direkt zum Kunden. «Andererseits kaufen viele, die spazieren kommen, auch Socken.» Im Schnitt mache er mit den Produkten pro Kilogramm Wolle 500 Franken Gewinn. Dass er die Tiere selber schert, trägt dazu bei. Aber er ist der Meinung, dass knapp 60 Franken Scherkosten pro Tier nicht ins Gewicht fallen, wenn man aus der Wolle ein gutes Produkt macht. «Hier kann man seinen Pioniergeist ausleben.»

Zehn Minuten brauche er für ein Alpaka, das zwei bis fünf Kilogramm Wolle liefere. «Scheren ist Routine und man muss die Maschine und die Anatomie des Tieres kennen.» In den Anfängen hat er sich das Know-how von neuseeländischen Scherern abgeschaut, die in die Schweiz kamen. Längst sind Andi Rüedi und seine Frau Sarah Profis, die in der Schweiz, aber auch in Österreich, Deutschland und Frankreich knapp 2000 Lamas und Alpakas pro Jahr von ihrer Wolle befreien. Der sanfte Umgang mit den Tieren sei ihnen wichtig, aber auch, sie schön zu scheren. Zu Fleisch verarbeitet das Ehepaar die eigenen Tiere allerdings nicht. «Wolle wächst jedes Jahr nach, Fleisch hat man nur einmal», begründet Rüedi. Grundsätzlich wäre das Fleisch ein lukrativer Markt. Im Gegensatz zu Deutschland und Österreich, wo das cholesterin- und fettarme Lama- und Alpakafleisch verpönt sei, sei die Nachfrage in der Schweiz gross. «Wenn man Fleisch anbieten will, sollte man dies professionell machen.»

«Ich könnte an sechs von sieben Tagen Spaziergänge anbieten.»
Andi Rüedi
Alpaka-Züchter

Spitzentiere kosten viel Geld
Sein Fokus liege auf schönen und zahmen Tieren für Wolle und Zucht. 80 Tiere gross ist seine Herde – und damit klein genug, um alle mit Namen zu kennen, aber auch gross genug, um mit ihrer Wolle eine eigene Kollektion anzubieten. Für die Zucht eingesetzt werden 20 Deckhengste und 30 Stuten, die Rüedi gezielt miteinander verpaart: «Damit die Zucht erfolgreich ist, braucht es viel Zeit und Wissen über die Genetik der Tiere.»

Die Stuten bekommen jährlich ein Fohlen. Im Alter von sechs bis acht Monaten, wenn sie von der Mutter abgesetzt werden, entscheidet er sich, welche Jungtiere er verkauft. Rüedi hat klare Vorstellungen, was er in Sachen Wolldichte und -feinheit sowie Farben braucht. Danach sucht er gezielt, wenn er Tiere zukauft – und dies weltweit. Derzeit sei er daran, ein letztes Mal eines aus Chile zu holen. Aber der Import birgt Risiken. «Du kennst die Vorgeschichte des Tieres nicht, es könnte krank sein oder gestresst», erklärt Rüedi. Hinzu kommen ständig wechselnde Gesetzesvorgaben, der Brexit und Corona. «Der Import macht nur Sinn für absolute Spitzentiere und ist nichts für Anfänger.» Diese wendeten sich besser an erfahrene Schweizer Züchter. Denn die Einfuhr für Spitzenhengste kostet viel Geld: 20'000 bis 100'000 Franken mit einer nach oben offenen Skala.

Lukrativ ist der Verkauf eigener Jungtiere: 1500 Franken erhält er für einen Wallach als Hobbytier, bereits das Doppelte für Zuchtstuten, und Deckhengste gibt es ab 5000 Franken. Ein Grossteil der Jungtiere von 2020 werden den Hof verlassen. Es war ein erfolgreiches Zuchtjahr für Rüedi. «Man muss Freude am Produkt haben. Freude verkauft sich, egal welches Tier es dann ist.» Bei ihm sind es seit 18 Jahren die Alpakas.

Autor

Petra Stöhr

Petra Stöhr

Petra Stöhr ist «Tierwelt»-Redaktorin und geht als Historikerin gerne der Geschichte der Schweizer Nutztiere auf den Grund. Noch lieber geht sie für Geschichten ins Feld und macht sich für ihre Begegnungen mit den medidativen Kühen, den gmögigen Schafen und den quirligen Geissen auch die Gummistiefel dreckig oder lässt es über sich ergehen, dass sich Schweine überaus gerne an ihren Beinen reiben.

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