Nur in der Schweiz eine Rarität

Hereford-Kalb

Kälbchen Sierro hat die typische Hereford-Zeichnung von der Mutter und den Flecken ums Auge vom Simmentaler-Vater geerbt.

Alexander Wagner

Hereford-Rind
Überall dort, wo Gras wächst, gefällt es dem Hereford. Die weltweit meistverbreitete Fleischrindrasse ist seit gut 20 Jahren auch in der Schweiz heimisch, fristet allerdings ein Nischendasein.

In Reih und Glied stehen sechs Kühe im Stall und stopfen Heu in sich hinein. Versteckt hinter ihren Müttern tollen Kälber auf und ab. Weiter hinten ruhen weitere Kühe und der Muni im weichen Strohbett. Die kleine Herde geniesst die Zeit im kühlen Stall. Es ist ein heisser Sommertag – und die Tiere sind nur widerwillig bereit, für Fotos rauszugehen. «Bei diesen Temperaturen sind sie lieber drin», bestätigt Barbara Marti, «selbst auf die Weide gehen sie nicht so gerne, obwohl wir dort viele Bäume haben.»

Die Landwirtin bewirtschaftet mit ihrem Mann Elmar den knapp zehn Hektar grossen Betrieb «Pausenhof» im luzernischen Willis­au. Als sie den Hof 2005 von seinen Eltern übernahmen, wollte sie ihn als Vollerwerbsbetrieb erhalten. Weil er aber relativ klein ist, stellte das Ehepaar von konventionell auf Bio sowie von Milch und Fleisch auf reine Fleischproduktion um. Die Schweine blieben. Doch das Braunvieh zog aus – und am selben Tag die Hereford-Mutterkuhherde ein.

Die Martis gehörten zu den ersten in der Schweiz, die Herefords halten. Und damit auf eine Rasse setzen, die im 18. Jahrhundert entstand und ein typisches «Kind» ihrer Zeit war. Im Zuge der Industriellen Revolution stieg in Grossbritannien die Nachfrage nach Fleisch. Dies rief Bauern in der hügeligen, ländlich geprägten mittelenglischen Grafschaft Herefordshire auf den Plan: Sie wollten eine Rinderrasse schaffen, die das einheimische Gras effizient in Fleisch umwandelt.

Als Vater der Rasse gilt Benjamin Tomkins: Er begann 1742 mit einem Bullenkalb und zwei Kühen, die er von seinem Vater geerbt hatte, die Neuzüchtung. Bald einmal hatte er seine Ziele erreicht: Die Rinder waren robust und frühreif, hatten hervorragende Weideeigenschaften und wurden nach ihrem Geburtsort «Hereford» benannt.

Damals waren Herefords schwerer als heute und vor allem sehr breit. Dadurch hatten sie einen guten Stand auf den Schiffspassagen in die Neue Welt. Denn auch in Neuengland stiegen die Bevölkerungszahlen und der Appetit auf Rindfleisch. 1817 kamen die ersten Herefords – ein Muni und zwei Kühe – an der US-Ostküste an.

1840 gründete man in der Nähe New Yorks die erste grosse Hereford-Herde und begann man mit der Optimierung der Rinder, damit sie den amerikanischen Ideen von Massentierhaltung und Intensivmast entsprachen. Nur vierzig Jahre später war das Hereford die wichtigste Fleischrindrasse der USA – und eroberte die Grasländer Südamerikas wie Argentinien und Uruguay sowie Australien und Neuseeland.

Zu gutes Gras ist nicht immer gut
Heutzutage ist keine andere Fleischrind­rasse weltweit verbreiteter: Fünf Millionen Herdebuchtiere gibt es in 56 Ländern. Auch hierzulande hat das Hereford seine Liebhaber. Der Rassenverband «Swiss Hereford» hat 35 Mitglieder und gemäss Verbandspräsident Walter Fässler sind bei Mutterkuh Schweiz 677 Rassekühe sowie 230 Kreuzungsstiere registriert, deren Väter Herefords sind. Die Herefordhaltung ist laut Verbandsvizepräsident Marti eine Nische. Und dies, obwohl das Hereford einerseits aus Gras und Heu bestes Fleisch macht und die Schweiz andererseits ein Grünland par excellence ist.

«Herefords lieben es, lange Strecken zu gehen und ab und zu einen Büschel Gras zu fressen», erklärt Elmar Marti. Deshalb sind sie geeignet für die grossen Weiten Nord- und Südamerikas oder Australiens. Kommt hinzu: Das Schweizer Gras ist zu fett. Auf dem «Pausenhof» gibt es für die Tiere ausschliesslich Gras und Heu vom eigenen Betrieb. Abgetrocknetes Gras ist gemäss Marti besser. Auf die Frage, ob den Kühen das Futter im Hitzejahr 2018 gemundet hat, sagt er lächelnd: «Ja, das hat ihnen schon gefallen. Zumindest hat es ihnen nicht geschadet.»

Zu gutes Gras ist vor allem für die weiblichen Kälber nicht gut, wie Barbara Marti ergänzt. «Sie verfetten.» Das heisst, sie haben zu viel schlechtes Fett, wenn sie im Alter von zehn Monaten zu einem anderen Bio-Betrieb kommen, wo sie bis zur Schlachtreife in einer Gruppe gehalten werden. Aus diesem Grund sind die meisten Kälber der Martis nicht reinrassig, sondern haben eine Hereford-Mutter und einen Simmentaler-Vater. Trevor heisst das imposante Tier, das dafür sorgt, dass sein Nachwuchs nicht so viel Fett ansetzt.

Temperamentvoll, aber schüchtern
Zusätzlich zu den Kreuzungskälbern tollen zwei reinrassige Hereford-Rindli im Stall herum, deren Mütter künstlich besamt wurden. Optisch ist zwischen den Kleinen kaum ein Unterschied auszumachen. Kopf, Hals, Beine, Schwanzquaste und Nacken der rotbraunen Tiere sind weiss, weshalb die gleich gezeichnete Schweinerasse auch Hereford heisst. Wer genau hinschaut, sieht um die Augen der Nachkommen Trevors einen rotbraunen Fleck, während reinrassige Herefords dort unpigmentiert sind.

So ähnlich die Kälber aussehen, so unterschiedlich sind sie im Verhalten. «Die Kreuzungstiere haben mehr Temperament, man merkt den Vater», sagt Barbara Marti lachend. Gleichzeitig seien sie aber richtig schüchtern und bräuchten ihre Zeit, bis sie sich an die Menschen gewöhnt hätten. «Insgesamt sind Herefords liebe, umgängliche Tiere.»

Die Rasse gibt es sowohl gehörnt als auch – wie die Kühe der Martis – genetisch hornlos. «Es gibt weltweit diverse Hereford-Typen», erklärt Elmar Marti, der mit Tieren aus Deutschland und Dänemark begann. Weil die Zahl der Herefords in der Schweiz so klein ist, werden immer wieder Tiere importiert. Sehr interessant ist laut Marti der kanadische Typ, da er nicht allzu gross ist.

Grosse und schwere Tiere passen nicht zu ihnen, sagen die Martis und deuten auf die Hänge hinter dem Hof. Dort wachsen auf einer halben Hektare Tafel- und Weissweintrauben. Und meckern zwei Ziegen dem Besuch fröhlich zum Abschied zu.

www.pausenhof.ch
www.swisshereford.ch

Dieser Text erschien in der «Tierwelt» 30/2020 vom 23. Juli 2020.

Autor

Petra Stöhr

Petra Stöhr

Petra Stöhr ist «Tierwelt»-Redaktorin und geht als Historikerin gerne der Geschichte der Schweizer Nutztiere auf den Grund. Noch lieber geht sie für Geschichten ins Feld und macht sich für ihre Begegnungen mit den medidativen Kühen, den gmögigen Schafen und den quirligen Geissen auch die Gummistiefel dreckig oder lässt es über sich ergehen, dass sich Schweine überaus gerne an ihren Beinen reiben.

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