Olympiahelden auf zwei und vier Beinen

Willi Melliger und Calavro an den Olympischen Spielen in Sydney 2000

Willi Melliger und Calavro an den Olympischen Spielen 2000 in Sydney, wo sie mit dem Team die Silbermedaille gewannen.

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Pferde
Diesen Monat wäre der Startschuss für die Olympischen Sommerspiele in Tokio gefallen. Zu den grössten Schweizer Medaillenanwärtern hätten die Reiterinnen und Reiter gezählt. Das war bereits in der Vergangenheit so, wie ein Rückblick auf legendäre Pferdesportler zeigt.

Die Bilanz kann sich sehen lassen. Mit 23 Medaillen an den Olympischen Spielen (siehe Tabelle) ist der Pferdesport – nach Turnen und Rudern – die dritt­erfolgreichste Sommersportart der Schweiz. Die Chancen, dass dieses Jahr in Tokio – vor allem von Seiten der Springreiter – weiteres Edelmetall dazugekommen wäre, standen gut. Hätte die Corona-Pandemie nicht einen Strich durch die Rechnung gemacht. Wann die Jagd nach Bronze, Silber und Gold wieder stattfindet, steht noch nicht fest. Olympiafans müssen sich daher in Geduld üben, können aber solange in Erinnerungen schwelgen. Denn die Schweiz brachte schon einige legendäre Olympiapferde und -reiterinnen hervor, wie der folgende Rückblick zeigt.

Vom Olympiathron zum Metzger
Der Landwirt Hans Moser (1901 – 1974) aus Oberdiessbach BE war ein klassischer Spätstarter. Erst im Alter von 35 Jahren nahm er 1936 erstmals an Olympischen Spielen im Dressurreiten teil. In Berlin kam der Hauptmann jedoch nicht über Rang 22 hinaus. Da die nächsten Sommerspiele aufgrund des Zweiten Weltkrieges erst zwölf Jahre später stattfanden, schien seine sportliche Karriere beendet zu sein. Doch dann traf Moser auf den zwölfjährigen Hummer. Mit dem in Ungarn aufgezogenen Pferd holte er den ersten Olympiasieg im Dressurreiten für die Schweiz. Dabei war ursprünglich ein anderes Pferd für ihn vorgesehen. Doch der als Pferdeflüsterer bekannte Moser machte sich für Hummer stark. «Das Vertrauen zwischen mir und Hummer, dieses restlose Sichkennen war es, das mich mit einer ganz stillen, aber festen Hoffnung nach London fahren liess, dort bestimmt keine schlechte Figur zu machen.» Dem Vierbeiner brachte der Erfolg allerdings kein Glück. Die Eidgenössische Pferde-Regieanstalt, die Besitzerin Hummers, wurde 1950 aufgelöst und das Olympiapferd landete auf der Schlachtbank. Die Presse empörte sich gewaltig darüber und schrieb von «Pferdemord».

Christine Stückelberger und Granat an den Olympischen Spielen in Montreal 1976

Christine Stückelberger auf paraguayanischer Briefmarke

Goldmedaille trotz Blindheit
Anders als Hans Moser dürfte der Name von Christine Stückelberger auch heute noch vielen Schweizern etwas sagen. Die 73-jährige Bernerin ist bis heute die erfolgreichste Schweizer Reiterin. Ihre Sternstunde hatte sie 1976 an den Olympischen Spielen im kanadischen Montreal. Dort holte sie im Dressur­einzel auf dem Holsteiner Granat Gold und Silber mit der Mannschaft. Und das obwohl ihr Pferd auf einem Auge blind war. Es war der Höhepunkt ihrer Bilderbuchkarriere. Anschliessend wurde die «Grande Dame der Dressur» Sportlerin des Jahres 1976 und zusammen mit Granat gleich dreimal auf paraguayischen Briefmarken verweigt. Auf eine weitere fast sichere (Gold-)Medaille mit ihrem fünf Jahre lang ungeschlagenen Ausnahmepferd verzichtete die Reiterin freiwillig, weil sie die Spiele 1980 in Moskau nach dem Einmarsch der Sowjetunion in Afghanistan boykottierte. Dafür reichte es 1984 in Los Angeles mit Tansanit für Silber und 1988 im südkoreanischen Seoul zu einer Bronzemedaille im Einzel und erneut für Silber mit dem Team. Beides auf ihrem neuen Pferd Gauguin de Lully. Doch auch später schwärmte Stückelsberger, die auf einem Gestüt in Kirchberg SG wohnt, vor allem von Granat. «Er hatte so viel Power und Ausstrahlung und beherrschte alle Lektionen fast zur Perfektion.» 

Zwei Erfolge im Vielseitigkeitsreiten
Der Winterthurer Anton Bühler (1922 – 2013) entstammt einer erfolgreichen Reiterfamilie. Sein Vater Hans war bereits Olympiateilnehmer 1924 und schliesslich Trainer von «Töni». Da Bühler von 1942 bis 1945 bei der Schweizer Kavallerie diente, hatte er hier die Möglichkeit, Springen und Pferderennen zu reiten. So war es keine Überraschung, dass Bühler 1948 in London im Vielseitigkeitsreiten (Concours Complet) an den Start ging. Für Medaillen reichte es aber erst 1960 in Rom. Dort gewann der Reiter zusammen mit seinem als schwierig geltenden irischen Sportpferd Gay Spark Bronze im Einzel und Silber mit der Mannschaft. Es sind bis heute die einzigen Schweizer Medaillen in dieser Disziplin. Die letzten Olympischen Spiele absolvierte Bühler 1980 in Moskau als Parcoursbauer. Dieses Engagement dauerte jedoch nicht lange. Aufgrund des Olympiaboykotts vieler westlicher Staaten bestand das Starterfeld aus zahlreichen unerfahrenen Reiterinnen und Reitern. Nachdem Bühler sich ein Bild von ihnen gemacht hatte, gab er sein Amt ab, da er nach eigener Aussage um das Leben von Mensch und Pferd fürchtete.

Willi Melliger und Calvaro 1996 mit einem fehlerfreien Ritt in Atlanta

Klonversuche mit «weissem Mythos»
Gleich viermal ging der Aargauer Wilhelm «Willi» Melliger (1953 – 2018) bei Olympischen Spielen im Springreiten an den Start. Seine grosse Stunde schlug 1996, als er auf dem Rücken eines gewissen Calvaro V im US-amerikanischen Atlanta die Silbermedaille gewann. Vier Jahre später wiederholte das Traumpaar in Sydney diesen Erfolg. Dieses Mal allerdings mit der Mannschaft. Fast ebenso berühmt wie Melliger war sein Schimmel Calvaro, der von der Presse als «weisser Mythos» gefeiert wurde. Bis zu 5,5 Millionen Franken sollen für ihn geboten worden sein. Melliger verkaufte sein Pferd allerdings nicht, weil es ihm «sehr ans Herz gewachsen» sei. Dafür wurden Klonversuche gestartet. Alleine der erste kostete angeblich 250’000 Franken. Das Fohlen starb jedoch relativ schnell an einer Gelenkinfektion. Da sie nichts mit dem Klonen zu tun gehabt haben soll, wurde in den USA ein zweiter Versuch durchgeführt. Die Karriere von Calvaro, dessen Name geschützt wurde, endete wegen einer Meniskusverletzung. 2003 wurde der Holsteiner-Wallach 17-jährig eingeschläfert. Die halbe Nation trauerte anschliessend um das meistbewunderte Pferd, das die Schweiz je hatte.

Steve Guerdat und Nino reiten 2012 in London zu Olympia-Gold

Liebe auf den ersten Blick 
Es ist der 8. August 2012 als Steve Guerdat in Tränen ausbricht. Es sind Tränen der Freude. Denn gerade hat der Jurassier im Sattel des Cheval de Selle Français Nino de Buissonets als Einziger zwei Durchgänge im Londoner Greenwich Park ohne Fehler absolviert und sich damit die Goldmedaille gesichert. Im Siegerinterview richtete er sich gleich an sein Pferd: «Ich habe Nino immer vertraut und er war grossartig.» Damit sind die beiden bis jetzt die letzten Schweizer Olympiasieger im Springreiten. Guerdats grosse Liebe galt aber einem anderen Pferd. Mit Jalisca Solier, ebenfalls ein Selle Français, gewann er 2008 in Hongkong mit der Mannschaft Olympia-Bronze. «Es war Liebe auf den ersten Blick. Als ich das erste Mal auf ihrem Rücken sass, wusste ich sofort: Das ist das Pferd meines Lebens. Wir verstehen uns blind», sagte der 38-Jährige. «Auf die kleinste Bewegung des einen reagiert der andere. Wir bilden ein harmonisches Paar, obwohl sie als ausgesprochene Kämpfernatur nicht leicht zu reiten ist. Sie hat einen aussergewöhnlichen Charakter. Für kein Geld der Welt würde ich sie hergeben.» 2014 musste sich Guerdat dennoch von seiner Stute trennen, da sie nach einem Weideunfall eingeschläfert werden musste.

Autor

Oliver Loga

Oliver Loga

Oliver Loga ist stellvertretender Chefredaktor. Er betreut unter anderem die Pferderubrik, was er sehr schätzt, da seine Frau stolze Halterin von zwei vierbeinigen Isländern ist. Obwohl Oliver nicht selbst in den Sattel steigt, pflegt er zu ihnen ein ebenso inniges Verhältnis wie zu seiner anhänglichen Stubentigerin Palina. Ein wichtiger Bestandteil seiner Freizeit ist zurzeit das Nachahmen von Tierstimmen für seinen kleinen Sohn. Besonders hoch im Kurs stehen dabei die gurrende Spitzschopftaube und der röhrende Hirsch.

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