Spektakuläres Ende des Sommertraums

Alpabzug
Kühe, Schafe und Ziegen haben auch diesen Sommer auf den Alpen verbracht. Den Heimweg gehen sie im Corona-Jahr 2020 ohne Publikum. Ein Besuch des Prättigauer Alp Spektakels 2019, als alles noch seinen normalen Weg nahm.

Seewis im Bündner Prättigau: Nach vielen Wochen Hitze und Sonnenschein hängen an diesem Samstag die Wolken tief in den Hängen und Bäumen. Berggipfel? Nicht zu sehen. Doch das nasskalte Wetter hat durchaus seinen Reiz, die Kulisse ist fast mystisch. Und so ist die Stimmung bei den Menschen aus fast aller Welt keineswegs getrübt, während sie am Morgen Richtung Maiensäss Valcaus hinaufmarschieren und auf den Höhepunkt des 14. Prättigauer Alp Spektakels im Jahr 2019 warten: den Abzug der über 100 Kühe, Schafe und Ziegen.

Jeder freut sich auf etwas ganz besonders: Zwei holländische Buben im Primarschulalter auf die Schafe, während ein deutsches Mädchen zuerst ihren Nuggi aus dem Mund nehmen muss, um mitzuteilen, dass sie auf die Glocken gespannt ist. Später allerdings wird sie die Ohren zuhalten, während die Kühe mit ihrem beeindruckend lauten Gebimmel ganz nahe an ihr vorbeizuckeln. Die Japanerin, die Taiwanesin und der Taiwanese, die gerade ihre Austauschsemester an den Hochschulen St. Gallen, Mannheim und Basel belegen, wollen «unbedingt etwas typisch Schweizerisches» erleben. Die drei jungen Menschen, die sonst in Grossstädten leben, sind begeistert von der Bergwelt und können die Ankunft der Geissen kaum erwarten.

Beeindruckender Blumenschmuck
Punkt 11.40 Uhr ertönen Kuhglocken von allen Seiten, von unten, von oben, von hinter dem Hügel. Das Warten hat ein Ende, der Alpabzug über zwei Routen beginnt. Vorneweg Spiegel- und Dorperschafe. Angeführt wird der Trupp von einem Älpler, der mit einem Sack voller Brotstücke raschelt, wenn die Tiere stehen bleiben, den Verlockungen links und rechts des Weges nicht widerstehen können und Grasbüschel zupfen. Ein «super Sommer» sei es gewesen, sagt der Mann, der seit vielen Jahren auf die Alp geht, «sehr viele Lämmer hat es gegeben». Sie seien beim Abzug aber nicht dabei, da es zu gefährlich sei für die Kleinen. Tatsächlich hat er nur schon alle Hände voll zu tun, die erwachsenen Schafe zusammenzuhalten.

Kaum sind die Schafe vorbeigezogen, ertönt fröhliches Gemecker. Die Ziegen kommen! Die asiatischen Studentinnen sind ebenso aus dem Häuschen wie die holländischen Buben. Bündner Strahlenziegen kennen sie nur aus dem Heidi-Film. Lustig finden sie, wie die drei Begleiterinnen die quirligen Tiere in die richtigen Bahnen lenken müssen. Und beeindruckt sind sie vom Bock, der inmitten «seiner Damen» marschiert; vor allem sein Bart hat es den Knaben angetan.

Mittlerweile ist es nach 12 Uhr – und die Sonne zeigt sich am Himmel. Genau zur richtigen Zeit, um den Abzug der Kühe ins richtige Licht zur rücken. Festlich geschmückt sind sie alle: Mal sind die Blumen in Rot, Gelb und Orange vorne an der Stirn angebracht, mal als Kranz um den Körper. Und bei anderen türmen sich beeindruckend hohe Bouquets auf ihren Köpfen.

Eine tiefere Bedeutung hat die Wahl nicht: «Jeder macht, was ihm am besten gefällt», erklärt eine strahlende Sennerin. Das neben ihr trottende Braunvieh interessiert sich derweil für die Schaulustigen. Direkt vor der Schreiberin baut sich die Kuh auf und schnuppert neugierig am Notizblock – was der Student aus Taiwan sofort bildlich festhalten muss. Denn: «So nah war ich noch nie an einer Kuh», sagt er und marschiert mit seiner neuen Freundin hinab Richtung Seewis.

Dort stehen die Menschen mittlerweile dicht an dicht. Fast wie Zaungäste bei der Tour de Suisse. Nur, dass nicht die Pedaleure im Mittelpunkt stehen, sondern Vierbeiner. Und ihre Glocken mit klaren Statements an den Lederriemen wie «Meine Heimat sind die Berge» oder «Älpler si isch schön». Auf ihrem Weg durchs Dorf müssen Kühe und Älpler immer wieder Stops einlegen. Zeit für Fotoshootings. Ruhig und fotogen schauen die Tiere in die Kameras. Klicks von allen Seiten. Dann muss sich eine erleichtern. Allgemeines Kichern. Für einige Gäste ist das Alp Spektakel der erste Kontakt mit richtiger Natur.

Lebt wohl ihr Berge
«Diese Kühe», schwärmt eine in London lebende Inderin, «sie sind so schön und sehen ganz anders aus als bei uns.» Nicht so mager, wirft ihr Mann ein. Ihre Teenager-Töchter nicken. Und peilen Paloma an. Bockstill steht die Kuh mitten auf der Strasse und ist zu keinem weiteren Schritt vorwärts mehr zu bewegen. «Seit sie an ihrem Stall und ihrer Wiese vorbeiging, hat sie keine Lust mehr», erklärt ihr Besitzer. Und weil so ein Rindvieh gross und schwer ist, nützt alles ziehen nichts. Bald stauen sich Autos und Menschentrauben hinter Paloma, die offensichtlich dickköpfiger ist als der Mensch an ihrer Seite. Er gibt nach, gemeinsam geht es nach Hause.

Für die anderen Tiere ist die Wiese «Saglienes» unten im Dorf Endstation, wo fröhliche Stimmung herrscht: Die Kinder peilen den Streichelzoo an, gehen auf ein kurzes Lama­trekking oder tanzen zu lüpfiger Ländlermusik. Auf dem Grün toben sich Geissen und Schafe aus und grasen die Kühe, ihrer mächtigen Glocken und Blumengebinde entledigt.

Wobei: Nicht alle. Wie Models bauen sich zwei Braunvieh-Damen vor den Zuschauern auf. Ein Blumenkranz schmückt den Kopf der einen, ein Schild an der Stirn verweist auf das, was mit dem Alpabgang nun ein Ende hat: «Summertraum». Ihre Kollegin trägt den Schriftzug «Lebt wohl ihr Berge» vor sich her. Doch nur für wenige Monate. Denn der nächste Sommer kommt bestimmt.

Alp Spektakel abgesagt

Zum 15. Mal hätte das Prättigauer Alp Spektakel dieses Jahr stattgefunden. Wegen des Coronavirus und der damit verbundenen behördlichen Auflagen haben die Verantwortlichen den Grossanlass mit mehr als 100 Tieren und über 8000 Besucherinnen und Besuchern aus dem In- und Ausland abgesagt. Die Jubiläumsausgabe steigt nun vom 1. bis 3. Oktober 2021.

Autor

Petra Stöhr

Petra Stöhr

Petra Stöhr ist «Tierwelt»-Redaktorin und geht als Historikerin gerne der Geschichte der Schweizer Nutztiere auf den Grund. Noch lieber geht sie für Geschichten ins Feld und macht sich für ihre Begegnungen mit den medidativen Kühen, den gmögigen Schafen und den quirligen Geissen auch die Gummistiefel dreckig oder lässt es über sich ergehen, dass sich Schweine überaus gerne an ihren Beinen reiben.

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