Vom Arbeitstier zur Höckerpest

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Dromedare, die sich ursprünglich die Wüste Arabiens gewohnt waren, fühlen sich im australischen Outback pudelwohl.
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Das Kamel in Australien
Einst wurde es als als wertvolle Arbeitskraft nach Australien importiert, heute muss es als Sündenbock für Umweltkatastrophen herhalten: Das Kamel hat es nicht einfach in «Down-Under».

Mitten in der Hochblüte der Kolonialisierung des fünften Kontinents wurde das Dromedar erstmals in Australien eingeführt. Das einhöckrige Kamel hatte einen klaren Auftrag: Es sollte den britischen Kolonisten dabei behilflich sein, den Kontinent auf der anderen Seite der Welt zu dem machen, was es heute ist.

Das Kamel war das perfekte Arbeitstier für die Zwecke der Briten: Es braucht kaum Wasser, weil es in seinem Höcker Reserven speichern kann, was im staubtrockenen Outback Australiens auch nötig ist. Es frisst so ungefähr alles, was es finden kann und kann darüber hinaus noch deutlich grössere Lasten tragen als Pferde oder Esel. 

So spielte das Kamel also eine wichtige Rolle bei der Errichtung moderner Infrastrukturen in «Down Under». Es war dabei, als ab 1872 die Telegraphenlinie zwischen Darwin und Adelaide gezogen wurde – 3200 Kilometer lang. Es war auch dabei, als die «Trans-Australian Railway» gebaut wurde, die erste Eisenbahnstrecke quer durch Australien.

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 Anfang des 20. Jahrhunderts war das Kamel
 noch ein geschätztes Symbol.
 Bild: © James Northfield Heritage Art Trust

Nicht mehr benötigt
Als aber die Technik fortschritt, wozu auch das Kamel beitrug, und der motorisierte Verkehr wichtiger wurde, sah man bald keinen Nutzen mehr für das bislang geschätzte Arbeitstier. Die Kamelbesitzer sattelten um und töteten ihre Tiere – oder entliessen sie in die Wildnis.

Jahrzehntelang lebten die freigelassenen Tiere alsdann in Frieden im Nirgendwo Australiens. Niemand störte sie und sie störten niemanden. Erst in den 1980er-Jahren wurden die Kamele langsam wieder zum Thema. Immer öfter zeigten sich die Dromedare in Menschennähe, vorsichtige Schätzungen deuteten darauf hin, dass nicht mehr nur ein paar tausend Kamele das Outback bevölkerten, sondern mittlerweile ein zigfaches davon.

Als schliesslich Anfang des neuen Jahrtausends vermehrt Schadensmeldungen von Farmern eingingen, geriet das Kamel ins Kreuzfeuer der Öffentlichkeit. Viehzäune sind für die grossen Tiere kein Hindernis; sie können problemlos über sie hinwegsteigen – oder sie zum Ärger der Bauern einfach niedertrampeln.

Abschuss per Helikopter
Mittlerweile redet in Australien niemand mehr positiv über das Dromedar. Ihre Zahl wurde bald auf eine Million Exemplare geschätzt, alle acht Jahre soll sich der Bestand verdoppeln. Die Tiere wurden zur Plage erklärt, als «Höckerpest» bezeichnet, 2009 startete gar ein gross aufgezogenes Projekt zur Bestandesreduktion: Aus Hubschraubern wurden die Kamele mit Gewehren abgeschossen. 

Dies ging allerdings vielen zu weit. Proteste brandeten auf. Tierschützer sahen darin eine inhumane Behandlung der Tiere, Landbesitzer störten sich daran, dass die Kadaver der Kamele einfach der Verwesung überlassen wurden und vor sich hinrotteten und der Grundtenor der Gesellschaft sagte, der Abschuss der Tiere sei einfach eine Verschwendung von Ressourcen. Man solle die Tiere doch einfangen, exportieren oder schlachten, damit noch etwas Geld dabei herausspringt.

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 Heute wird höchstens noch vor dem Dromedar gewarnt.
 Bild: Stephan Landgraf/pixelio.de

Schuld an allem
Auch wenn die meisten Australier nicht einverstanden mit dem Massen-Abschuss waren: Die Kamele stellen für sie nach wie vor ein Problem dar. Und einen praktischen Sündenbock. Als Wiederkäuer tragen sie nämlich mit zum Methan-Ausstoss bei. Klimawandel: Das Kamel ist schuld. Und das, obwohl einer Million Kamelen etwa 29 Millionen Kühe gegenüberstehen. Und auch für die Versteppung des Inneren Australiens werden die Tiere verantwortlich gemacht. Als 2009 ein Staub-Sturm über Sydney brauste, gab man den Dromedaren die Schuld daran. 

Sarah Crowley, eine Forscherin an der Universität von Exeter hat die Kulturgeschichte des Kamels in Australien in einer Studie aufgearbeitet. Veröffentlicht wurde sie im Fachjournal «Anthrozoos». Selber sagt sie zu ihren Recherchen: «Die Anschuldigungen gegen das Kamel als Bedrohung stehen in krassem Widerspruch zur Bewunderung, die ihnen einst zuteil kam, als Kolonisten mit ihrer Hilfe das moderne Australien errichteten.»

Originalpublikation:
Sarah L. Crowley: «Camels out of place and time: the dromedary (Camelus dromedarius) in Australia».  Anthrozoos, Volume 27, Number 2, June 2014, pp. 191-203(13) 
http://dx.doi.org/10.2752/175303714X13903827487449

Einen augenzwinkernden Vorschlag zur Eindämmung der Kamelplage finden Sie hier: Die Lösung für Problembären, -wölfe und -kamele

 

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