Zufriedene Kühe trotz Anbindestall

Kühe im Anbindestall

Die Kühe in Andreas Käslins Anbindestall sind oben statt unten angebunden und haben einen Gummilappen statt Holz vor der Brust, um sich beim Aufstehen nicht zu stossen.

Martina Rüegger / «die grüne»

Tierwohl
Ob sich eine Kuh wohlfühlt oder nicht, ist keine Frage des Stallsystems. Das sagt zumindest Agronomin Martina Schmid. Deshalb seien Anbindeställe besser als ihr Ruf – jedenfalls wenn sie gut optimiert sind.

Anbindeställe haben nicht den besten Ruf. Das Stallystem, bei dem jede Kuh an ihrem fixen Platz angebunden ist und keine Möglichkeit hat, sich mehr als ein paar Schritte zu bewegen, erscheint nicht mehr zeitgemäss. Und tatsächlich hat die Anzahl der Anbindeställe in der Schweiz in den letzten 20 Jahren stark abgenommen, während Laufställe, in denen Kühe frei herumspazieren können, an Beliebtheit gewonnen haben. Trotzdem wird noch immer knapp die Hälfte der Kühe in Anbindeställen gehalten.

Auch Martina Schmid war gegenüber Anbindeställen anfangs skeptisch. «Ich bin immer mit dem Gedanken durch die Ausbildung gegangen, wenn man etwas für das Tierwohl verbessern will, muss man einen Laufstall bauen.» Dann nahm die damalige Agronomiestudentin an einer Exkursion mit «Kuhflüsterer» Christian Manser teil. «Wir haben uns zwei Laufställe angeschaut und machten uns dann auf den Weg zu einem Anbindestall», erinnert sie sich. Und sie dachte sich: «Den hätten wir uns sparen können.»

Ihre Meinung änderte sich rasch. «Ich habe mir die Kühe dort angeschaut und meine ganze Einstellung wurde komplett auf den Kopf gestellt. Es kommt nicht auf das Aufstallungssystem an.» Die Kühe hätten glücklich ausgesehen, ja fast gelacht. «Keine einzige stand herum und wusste nicht, was tun.»

Eine bequeme Matratze ist wichtig
Der Stall, den Schmid damals besuchte, war ein sogenannt optimierter Anbindestall. Optimiert in erster Linie von Christian Manser, der es sich zur Aufgabe gemacht hat, Kühe zu verstehen, ihre Signale zu lesen – und daraus zu schliessen, was die Tiere brauchen, um sich wohlzufühlen. Mit Mansers Beratung haben einige Landwirte ihre Anbindeställe umgebaut – optimiert eben –, statt sie zu Laufställen umzuwandeln oder gar einen teuren Neubau anzupacken. 

«BTS» und «RAUS»

Für Landwirte gibt es nach der Direktzahlungsverordnung zwei Möglichkeiten, vom Staat Geld zu erhalten, weil sie besonders gut auf das Tierwohl schauen. Zum einen für besonders tierfreundliche Stallhaltungssysteme, «BTS», zum anderen für regelmässigen Auslauf, «RAUS». Für den RAUS-Beitrag (190 Franken pro Kuh und Jahr) sind auch Rinder aus Anbindeställen, die regelmässig rausdürfen, berechtigt. Der BTS-Beitrag (90 Franken pro Kuh und Jahr) ist hingegen Kühen in Laufställen vorbehalten, da laut Verordnung nur Ställe berechtigt sind, «in denen die Tiere ohne Fixierung in Gruppen gehalten werden». Die IG Anbindestall, 2014 gegründet, ist bestrebt, dies zu ändern. Insbesondere der Schweizer Tierschutz STS wehrt sich derzeit dagegen.

23 dieser optimierten Anbindeställe hat Martina Schmid im Rahmen ihrer Bachelorarbeit besucht und analysiert. Ihre Schlussfolgerung: «Ein guter Anbindestall ist ein Vielfaches besser als ein schlechter Laufstall.» Sie wolle damit aber nicht ein System über das andere stellen. Ob nun mit Lauf- oder mit Anbindestall: «Ich bin Fan von Landwirtinnen und Landwirten, die viel Herzblut in die Tierhaltung legen.»

Für ihre Bachelorarbeit hat Schmid die wesentlichen Faktoren erarbeitet, die gut optimierte Anbindeställe ausmachen. Ganz weit oben auf der Liste steht die Liegefläche der Kuh. Statt der üblichen Gummimatten rät sie zu einer Kalk-Strohmatratze, einer gut festgedrückten Mischung aus Mist, Stroh und Kalk von mindestens 20 Zentimetern Höhe. 

 

Landwirt Andreas Käslin

Die Idee: Kühe sollen gerne liegen, denn im Liegen produzieren sie Milch. Sie sollen aber auch gerade liegen. «Früher hatten wir Kühe, die einfach rumgestanden sind», sagt Andreas Käslin. Der Milchbauer aus Ennetmoos NW ist einer der Bauern, deren optimierten Stall Martina Schmid untersucht hat. «Früher konnten immer nur sieben der acht Kühe in der Reihe aufs Mal liegen.» Die achte musste musste jeweils warten, bis eine andere aufstand, damit sie Platz zum Liegen hatte. Seit dem Stallumbau liegen Andreas Käslins Kühe wohler und zu acht in einer Reihe – nur aufgrund der Strohmatratze, ist der Bauer überzeugt.

Doch es braucht mehr
Es kostete den Nidwaldner Bauern aber eine Menge Zeit und Nerven, bis das Strohbett die gewünschte Funktion erfüllte. «Ich habe ein dickes Polster gemacht und gut angedrückt.» Nach einem Tag seien die Kühe wieder 30 Zentimeter tiefer gelegen. «Am Anfang habe ich mich schon gefragt, ob ich etwas falsch mache.» Machte er nicht, wie auch Expertin Martina Schmid festhält: «Bis eine kompakte, schöne Matratze entstanden ist, kann es bis zu einem halben Jahr gehen.»

Eine weiche Liegefläche sei aber längst nicht alles, was ein optimierter Anbindestall brauche, sagt Schmid. «Wenn optimieren, dann am besten das ganze System. Es bringt nichts, wenn die Kuh bequem liegt, sich aber beim Aufstehen das Brustbein am Bugholz anschlägt.» Dann lege sie sich beim nächsten Mal nämlich wieder krumm hin.

Soll es für optimierte Anbindeställe auch staatliche Tierwohl-Beiträge geben?

35%
Ja, die Kühe haben es ja in diesen Ställen gut.
54%
Nein! Das ist doch Augenwischerei!
12%
Das ist schwer zu beurteilen – wir können nicht in den Kopf der Kühe blicken.
26 Stimmen abgegeben
Agronomin Martina Schmid

Statt durch das Bugholz, das Schmid angesprochen hat, werden die Kühe nun durch einen Gummilappen vom Futter getrennt. Der gibt beim Aufstehen nach, wenn die Kuh mit ihrem vorstehenden Brustknochen dagegenputscht. Als weitere wichtige Verbesserungen im Stall hat die Agronomin eine gute Durchlüftung, grosszügige Wassertränken und einen optimierten Futtertisch ausgemacht. Und eine sogenannte «Obenanbindung», bei der die Kuh per Halsband und Karabinerhaken über dem Nacken angebunden wird statt unter dem Hals. Das bringt mehr Freiraum und ermöglicht ihr ein einfacheres Aufstehen. 

Deutlich mehr Milch als früher
Der Umbau sei nicht dringend gewesen, sagt Andreas Käslin. «Aber die Kühe hatten nicht mehr recht Platz, wir mussten die grössten Tiere immer verkaufen.» Weil ihm jedoch das Tierwohl am Herzen lag, liess der Milchbauer sich nach Beratung von Christian Manser auf den Umbau ein. Auch einen Laufstall habe er in Betracht gezogen, aber der wäre deutlich teurer geworden. «Und ich hätte die Kühe enthornen müssen, das hätte mir wehgetan. Die Kühe sind schliesslich meine Kumpels.»

Dass Andreas Käslin für seinen umgebauten Anbindestall keinen staatlichen Tierwohl-Beitrag beziehen kann (siehe Box), nahm er zähneknirschend in Kauf: «Wenn man heute einen Laufstall baut, hat man fast automatisch einen Beitrag. Dabei sehe ich oft Kühe im ‹besonders tierfreundlichen› Laufstall, die auf dem nackten Beton liegen.»

Bei Käslin hat der Umbau auf den optimierten Anbindestall für ein rundes Dutzend Kühe 6000 Franken gekostet. «Das sind zwar nur die Materialkosten», sagt der Landwirt, der daneben Vollzeit als Zimmermann arbeitet. «Meine Arbeitsstunden habe ich nicht dazugerechnet.» Dieses Geld jedenfalls hatte er rasch wieder reingeholt, denn: «Jede Kuh gibt nun im Jahr 800 Liter mehr Milch.»

Diese Erfahrung machte Martina Schmid mit allen optimierten Anbindeställen, die sie untersucht hat. «Bei einigen waren es lediglich 50 Liter, bei anderen bis zu 1000. Aber alle Kühe geben mehr Milch als früher.» Und viele Bauern hätten seit dem Umbau auch tiefere Tierarztkosten und sauberere Kühe. So auch Andreas Käslin, bei dem längst alle Zweifel am optimierten Anbindestall ausgeräumt sind. Er ist sich jedenfalls sicher: «Glückliche Kühe geben auch glückliche Bauern.»

Autor

Matthias Gräub

Matthias Gräub

Matthias Gräub kümmert sich bei der «Tierwelt» um die Porträts. Weil er dort mehr mit Menschen als mit Tieren zu tun hat, kompensiert er seinen Tierlidrang mit Zoobesuchen, Waldspaziergängen und Wanderungen in der Natur. Könnte er auswählen, bestünden seine Berner Stadtmusikanten aus Alpaka, Luchs, Laufente und Nacktmull. Das gäb ein Konzert!

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