Zuger Hilfe für Kambodscha

Landwirtschaftsprojekt
Schweine, die sterben, und Hühner, die keine Eier legen. Als ein Schweizer Landwirtschaftsprojekt in Kambodscha zu scheitern droht, bietet das Landwirtschaftliche Bildungs- und Beratungszentrum in Cham Hilfe an.

Ob der «Marlboro-Man» für die Zigaretten-Reklame, gestylte Models oder verarmte Kinder: Der Schweizer Hannes Schmid hatte sie alle vor seiner Linse und schaffte als Fotograf den internationalen Durchbruch. 2014 gründet der Künstler und Unternehmer die NGO «Smiling Gecko». Er kauft ausserhalb der kambodschanischen Hauptstadt Phnom Phen ein Grundstück und startet mit zwölf Familien, die alle aus den Slums stammen, ein Landwirtschaftsprojekt. «Doch die Schweine starben, die Hühner legten keine Eier, die Fische überlebten nur kurz und der Boden gab nichts her», erinnert sich Schmid an die ersten Monate. Das Projekt scheint zum Scheitern verurteilt. Der 73-Jährige sucht Hilfe bei den landwirtschaftlichen Bildungsinstitutionen in der Schweiz – auch im Schluechthof Cham ZG, dem Landwirtschaftlichen Bildungs- und Beratungszentrum des Kantons Zug (LBBZ).

«Hannes Schmid kam im Januar 2015 vorbei und erklärte mir seine Situation», erinnert sich LBBZ-Rektor Martin Pfister. Für den Agrikulturexperten ist klar, dass es an landwirtschaftlichem Grundwissen mangelt und die Probleme durch professionelle Hilfe direkt vor Ort gelöst werden müssen. Doch dafür ist Pfister und seine Institution grundsätzlich die falsche Adresse. Das LBBZ wird vom Kanton finanziert und konzentriert sich auf die Grundausbildung und Weiterbildung der Zuger Bäuerinnen und Bauern. «Weder das Betreuen von Projekten in Entwicklungsländern noch die Auseinandersetzung mit dem Ackerbau in tropischem Klima gehören zu unserem Bildungsauftrag», hält Schulleiter Pfister fest.

Trotzdem sieht der Rektor eine Möglichkeit, Schmid mit dem in Cham vorhandenen Wissen zu unterstützen. Das LBBZ bietet für ausgebildete Bauern und Bäuerinnen den Zusatzlehrgang zur Agro-Technikerin HF oder zum Agro-Techniker HF an. «Zur Ausbildung gehören auch mehrwöchige Praktika, welche die Studierenden selbst auswählen können», erklärt Pfister. Er informiert seine Studentinnen und Studenten über die Möglichkeit eines Arbeitseinsatzes in Kambodscha und stösst auf Interesse.

Böden mit Nährstoffen angereichert
Zwischen 2015 und 2017 absolvieren jedes Jahr jeweils zwei Studierende während einem Monat ein Praktikum in Kambodscha. Im ersten Einsatz entwickeln, planen und bauen zwei Landwirte den ersten Schweinestall und beraten die einheimischen Fachkräfte. «Natürlich hatte es einheimische Agronomen, die sich ums Projekt kümmerten», erinnert sich Pfister, der sich vor Ort ein Bild der Situation machte. «Sie hatten ein Studium abgeschlossen und kannten die Theorie, von der Praxis hatten sie keine Ahnung», bringt er es auf den Punkt.

Im zweiten Jahr fokussieren sich zwei Landwirtinnen bei ihrem Einsatz in Kambodscha auf die Hühnerzucht. Die Hühner legen zu wenig Eier, es schlüpfen kaum Küken und eine Krankheit rafft die Tiere dahin. Die Agronomen und Veterinäre tappen im Dunkeln. Die Bäuerinnen sezieren kurzerhand ein totes Huhn, analysieren sein total vereitertes Innenleben und finden die passenden Medikamente. Gleichzeitig erstellen sie mit den Verantwortlichen vor Ort ein Zuchtkonzept. Es stellt sich heraus, dass alle Hähne zu jung sind und kaum fruchtbar.

Die zwei Landwirte, welche 2017 im Projekt mitarbeiten, fokussieren sich auf den Saatbereich. Die Bodenproben zeigen, dass das Grundstück, das Hannes Schmid erwarb, aus saurem Lehmboden besteht – oder, wie es Rektor Pfister zusammenfasst, «Sandstrandqualität» hat. Der Boden wird daher unter Anleitung der Zuger mit Terra Preta angereichert. Terra Preta bedeutet so viel wie «schwarze Erde» und entspricht einer dunklen, humus- und nährstoffreichen Erde, angereichert mit Kohle. Der saure Lehmboden soll damit zu einer fruchtbaren und nährstoffreichen Grundlage für Gemüse werden.

 

Kochen mit Produkten aus Eigenbau
«Nachhaltige Landwirtschaft ist in Kambodscha kaum bekannt. Bei der Verwendung von Dünger, Pestiziden oder Antibiotika fehlen Kontrollen oder Richtlinien», sagt Pfister nüchtern. Hygienestandards und Arbeitsprozesse sind «wenig optimiert». Fachwissen beschränkt sich in der Regel auf studierte Theorie und schafft die Umsetzung in die Praxis nicht. Entsprechend wurde der fürs Projekt verantwortliche Agronom von den Zugern nicht nur während ihrer Zeit in Kambodscha «gecoacht», sondern verbrachte auch drei Wochen in der Schweiz, um sich weiterzubilden.

Der letzte Einsatz von Zuger Bauern in Kambodscha liegt bald drei Jahre zurück. «Unser Wissen und unsere Praxiserfahrung waren vor allem in der Startphase des Projektes entscheidend», erklärt Rektor Martin Pfister, der immer noch in regelmässigem Kontakt mit Künstler Hannes Schmid steht. Heute zeigt sich das Projekt von einer ganz anderen Seite. Es hat sich zu einem «Bildungs- und Produktions-Unternehmen» entwickelt. Neben den Landwirtschaftsbetrieben gibt es Schulgebäude, ein Hotel mit Pool, Sportplätze, ein Restaurant, eine Schreinerei, eine Grossküche mit eigener Bäckerei und Metzgerei.

In den verschiedenen Sparten arbeitet Schmid jeweils mit internationalen Experten und Institutionen zusammen. Auf 30 Hektaren wird nun erfolgreich Gemüse angepflanzt – seien es Auberginen, Kürbisse oder Bohnen. Die Hühnerzucht mit an die 1200 Legehennen und 200 Hähnen ist eine der grössten im Land. Das Gleiche gilt für die Fischzucht, welche eng mit der Zürcher Hochschule für angewandte Wissenschaften in Wädenswil zusammenarbeitet.

Die Schweine werden in der von einem Schweizer geführten Metzgerei geschlachtet und das Fleisch verwertet. Es landet auf den Tellern der Einheimischen, die im Projekt mitarbeiten, der Hunderten von Schulkindern, die täglich verköstigt werden, oder der Gäste im projekteigenen Restaurant. Hier im «Farmhouse» wird wenn möglich mit Produkten aus eigenem Anbau gekocht. Ob die süs­sen Melonen, der frische Zopf oder der chinesische Senf: Den Gästen schmeckt’s.

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