Cowgirls machen Cowboys Konkurrenz

Pferde
Was in der Schweiz eher verpönt ist, gehört in Nordamerika zur Wildwest-Romantik wie selbstverständlich dazu: Rodeo. Das Reiten wilder Hengste und Bullen ist eigentlich eine reine Männerdomäne, aber nicht nur, wie die Dokumentation «Glitzer & Staub» zeigt.

In vollem Tempo galoppiert Maysun auf dem Rücken ihres Pferdes hinter einem Kalb her, schwingt gekonnt ihr Lasso und fängt das Jungtier. Das alleine ist bereits spektakulär anzusehen. Noch aussergewöhnlicher ist die Tatsache, dass Maysun ein zehnjähriges Mädchen ist. Normalerweise liegt die Sportart Rodeo fest in Männerhand. Doch Maysun ist nicht die Einzige die versucht, diese Domäne zu durchbrechen.

Die Dokumentation «Glitzer & Staub», die von den beiden deutschen Regisseurinnen Anna Koch und Julia Lemke stammt, erzählt vier ganz unterschiedliche Geschichten einer selbstbewussten weiblichen Generation. Vier junge Cowgirls aus dem konservativen mittleren Westen der USA wollen sich in der harten, Testosteron-geladenen Welt des Rodeo-Sports behaupten. Die Mädchen haben zwar völlig verschiedene Kulturen, aber ein Ziel: Sie wollen unbedingt in die staubigen Fussstapfen grosser Cowboys treten.

Altraykia, Tatyanna, Ariyana und Maysun behaupten sich in einem Kosmos, der einst nur ihren Brüdern und Vätern vorbehalten war. Ohne mit der Wimper zu zucken, fangen sie mit dem Lasso Ziegen oder Kälber ein und setzen sich auf gefährlich buckelnde Bullen. Die vier Mädchen beweisen, dass der Spruch «Du reitest wie ein Mädchen» nicht etwa eine Beleidigung, sondern ein Kompliment ist.

Keine kritischen Töne
Als «Glitzer & Staub» in die Kinos kam – jetzt ist die Dokumentation auf DVD und als Stream erhältlich – überschlug sich die Presse vor Lob. Tatsächlich ziehen einen die traumhaften wildromantischen Landschaftsbilder und die atemberaubenden Actionszenen in Bann. Spannend und einfühlsam sind zudem die Einblicke, die der Film über die Hintergründe der Protagonistinnen zeigt.

Was dagegen gänzlich fehlt, sind die kritischen Ansätze (siehe Box). Denn anders als in seinen Ursprüngen im 19. Jahrhundert handelt es sich beim Rodeo heute meist nicht mehr um das schnelle Einreiten von Wildpferden, sondern von Tieren, die häufig für wenig Geld gekauft wurden und die als unreitbar gelten. Vermutlich ging es den Regisseurinnen mehr darum, den Zuschauer in eine aus europäischer Sicht bizarre Welt zu entführen. Dies gelingt in beeindruckender Manier, sodass sich jede und jeder ein eigenes Bild von dieser Welt machen kann.

«Glitzer & Staub», Dokumentation, 93 Minuten, Studio: Euro Video, EAN: 009750205136, auf DVD, ca. Fr. 18.–

Umstrittener Sport

Die Sportart Rodeo stammt aus Brasilien. Sie begann als Geschicklichkeitswettbewerb unter den Cowboys und erfreut sich bis heute vor allem in Nordamerika grosser Beliebtheit. Es gibt verschiedene Disziplinen wie Pole Bending (Stangenrennen / Slalom), Bareback Riding (Reiten von Wildpferden ohne Sattel) oder Bull Riding (Bullenreiten). Hierzulande wird Rodeo sehr kritisch gesehen, weil die Methoden, die beispielsweise in den USA immer wieder angewendet werden, tierquälerisch sind. So kommen beispielsweise Elektroschock-Stäbe, Stäbe mit scharfen Spitzen und ätzende Salben zum Einsatz, um die Tiere wild zu machen, wie Tierschutzorgani­sationen beklagen.

Autor

Oliver Loga

Oliver Loga

Oliver Loga ist Chefredaktor ad interim. Er betreut unter anderem die Pferderubrik, was er sehr schätzt, da seine Frau stolze Halterin von zwei vierbeinigen Isländern ist. Obwohl Oliver nicht selbst in den Sattel steigt, pflegt er zu ihnen ein ebenso inniges Verhältnis wie zu seiner anhänglichen Stubentigerin Palina. Ein wichtiger Bestandteil seiner Freizeit ist zurzeit das Nachahmen von Tierstimmen für seinen kleinen Sohn. Besonders hoch im Kurs stehen dabei die gurrende Spitzschopftaube und der röhrende Hirsch.

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