Nutztiere im Scheinwerferlicht

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Wettkönigin bei «Wetten dass...» im Jahr 2004: Braunvieh-Kuh Sibylle springt fehlerfrei.
Sven Simon/imago-stock.de
Berühmte Tiere
Meist von den Menschen gesteuert, manchmal aber auch von sich aus machen Kühe, Ziegen, Schafe und Schweine Sachen, die für ihre Art nicht alltäglich sind. Eine Auswahl berühmt gewordener Nutziere.

Berühmte Tiere – ein Audiobeitrag von Leo Niessner zum Artikel von Petra Stöhr

 

Sybille springt fehlerfrei
Ein Samstagabend im Februar 2004, als die Nation am TV noch «Wetten dass ...» schaute. Thomas Gottschalk schaltet nach Winterthur zu Bruno Isliker. Neben ihm steht – durchaus telegen in die Kamera blickend – die beeindruckend behornte Braunvieh-Kuh Sybille. Der Moderator und seine Gäste auf dem Sofa können kaum fassen, was sich nun abspielt. Isliker melkt Sybille, schüttet die Milch in eine Tasse und besteigt die Kuh.

Die Milchtasse in der Hand, führt Isliker seine Sybille über einen Parcours mit fünf Hindernissen. Fehlerfrei, elegant und in den vorgegebenen zwei Minuten. Im Ziel gönnt sich der Bauer einen Schluck Milch und erklärt Gottschalk auf die Frage, wie er auf diesen «Blödsinn» gekommen sei: «Sybille ist schon immer über Zäune gesprungen.» Das TV-Publikum ist begeistert und kürt das Duo zum Wettkönig. Sybille wird ein Star, tritt in Shows von Reitturnieren auf und geniesst – ganz Diva – den Trubel offensichtlich. 2016 stirbt sie im Alter von 23 Jahren.

 

Hennes VIII. reisst aus
Das kommt davon, wenn man auf echte Maskottchen setzt: Geissbock Hennes VIII. sorgt 2014 mit einer wilden Einlage beim Spiel seines 1. FC Köln gegen Aalen für Unterhaltung. Gelangweilt von einer müden ersten Halbzeit, büxt er in der Pause aus, rast entlang der Seitenlinie auf und ab und macht einen kurzen Ausflug aufs Spielfeld. Hennes ist kaum zu bändigen.

Erst nach minutenlanger Verfolgungsjagd werden Ordner und Betreuer seiner habhaft – und ernten dafür ein Pfeifkonzert der Fans. Der Fussballverein hat bereits seit 1950 einen lebenden Glücksbringer: Eine Zirkusdirektorin überraschte die Klubbosse bei einer Karnevalssitzung mit dem Vierbeiner, der flugs nach dem damaligen Spielertrainer Hennes Weisweiler getauft wurde. Der 12-jährige Hennes VIII. ist übrigens mittlerweile wegen Arthrose pensioniert und geniesst seinen Lebensabend im Kölner Zoo. Für ihn übernommen hat seit dieser Saison Hennes IX., ein Bock der Rasse Bunte Deutsche Edelziege.

 

Luise schnüffelt für die polizei
Haschisch, Heroin, sogar das praktisch geruchlose Kokain oder Sprengstoff – alles kein Problem für Superspürnase Luise. Die im April 1984 in einem Freizeitpark geborene Wildsau steht zweieinhalb Jahre in Diensten der Polizei Niedersachsens (D), nachdem Hauptkommissar Werner Franke den dreiwöchigen Frischling adoptiert und mit ihm trainiert. Der Leiter des Diensthundewesens will herausfinden, ob Wildschweine nicht nur Trüffelsuchern, sondern auch Drogenfahndern helfen können. Und wie Luise kann!

Zwar ist das 150 Kilo schwere Borstenvieh zu dick für die Suche in Fahrzeugen. Dafür hält es, im Gegensatz zu Hunden, auch bei Hitze durch. Medien aus der ganzen Welt berichten über das erste Polizei-Spürwildschwein, es folgen Fernsehauftritte und 1987 eine Rolle im «Tatort» als «Superkommissarin Susi Schlau». Nach der Pensionierung Frankes ist auch für sie Schluss mit dem Polizeidienst. 1985 wird Luise erstmals Mutter. 1998 stirbt sie an ihrem Geburtsort, im Freizeitpark Sottrum.

Bild entfernt.

Video (NDR-Beitrag) 

 

Timur lebt mit Amur
Es ist eine Geschichte fürs Herz, die weit über die Hafenstadt Wladiwostok ganz im Osten Russlands hinaus Schlagzeilen macht: die Freundschaft zwischen dem Ziegenbock Timur und dem Sibirischen Tiger Amur. Eigentlich werfen die Pfleger des dortigen Safariparks der mächtigen Katze den Geissenmann zum Frass vor. Doch statt ihn zu verschlingen, teilt Amur sein Gehege mit Timur. Die aussergewöhnliche Zoo-WG hält gut zwei Monate: Anfang 2016 packt der Tiger den Ziegenbock, der ihn mit seinen Hufen und Hörnern traktierte, am Genick und wirft ihn einen Hügel hinab. Fortan leben die beiden getrennt: Amur mit Tigerin Ussuri, Timur

mit Ziegendame «Merkel». Kürzlich ist Timur gestorben – und der Tiergarten, der bereits die Tiger-Ziegenbock-Freundschaft erfolgreich vermarktete, vermeldet, Timur werde eine Bronze-Statue im Zoo bekommen.

 

Lilou tröstet
Für viele Menschen ist ein Flughafen ein Ort der Freude: Es geht in die wohlverdienten Ferien! Für jene mit Flugangst aber ist er eine Art Vorhof zur Hölle. Für sie hat der Airport San Francisco die «Wag-Brigade» ins Leben gerufen. Eine Schwänzel-Truppe also, deren Mitglieder geschult sind, den Stresspegel von Passagieren zu senken. Im Einsatz stehen Hunde, Katzen, Kaninchen – und Schweinedame Lilou.

Das rosa Tutu und die angemalten Klauen dürften Schweizer Betrachter für fragwürdig halten, doch die erste Airport-Sau der Welt sorgt für gute Laune. Wer mag, kann sie streicheln, herzen oder einfach mit ihr parlieren. So beruhigt Lilou Schwänzchen wedelnd nervöse Passagiere. Dies ist Teil ihres Jobs als ein ausgebildetes Therapie-Schwein. Sie ist aber auch ein Star in den sozialen Medien. Ihre Instragram-Seite «lilou_sfpig» dokumentiert, wo sie wann Menschen tröstet.

 

Dolly steht im Museum
Im Februar 1997 versetzt das Roslin-Institut im schottischen Edinburgh die Welt in Aufruhr. Es präsentiert Dolly, ein freundlich blökendes Schaf: Geboren am 5. Juli 1996, geschaffen im Reagenzglas als Probe 6LL3, die sich nicht aus einer befruchteten Eizelle entwickelte, sondern aus der Zelle aus dem Euter eines Schafes. Dolly ist die erste exakte Kopie eines erwachsenen Säugetiers.

Rund um den Globus löst das Klonschaf Debatten aus über Für und Wider der Gentechnik. Heute werden Zuchttiere vor allem in den USA und in China geklont. Dolly wird zweimal und auf natürliche Weise Mutter. 2003 wird sie wegen einer fortschreitenden Lungenentzündung eingeschläfert. Seither steht sie ausgestopft im Royal Museum von Edinburgh.

 

Autor

Petra Stöhr

Petra Stöhr

Petra Stöhr ist «Tierwelt»-Redaktorin und geht als Historikerin gerne der Geschichte der Schweizer Nutztiere auf den Grund. Noch lieber geht sie für Geschichten ins Feld und macht sich für ihre Begegnungen mit den medidativen Kühen, den gmögigen Schafen und den quirligen Geissen auch die Gummistiefel dreckig oder lässt es über sich ergehen, dass sich Schweine überaus gerne an ihren Beinen reiben.

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