Vom unsagbaren Wert der Wildnis

Babyfuchs

Wo sich (Baby-)Fuchs und Hase sowie Braunbär gute Nacht sagen und auch mal ungehindert in eine Fotofalle tappen, gibt es sie noch: die Wildnis. 

Robert Adamec/Shutterstock

Buchtipp
«Warum in die Ferne schweifen? Sieh, das Wilde ist so nah». So liesse sich Goethes Vierzeiler abwandeln, mit Blick auf das neue Buch des österreichischen Autorenteams Marc Graf und Christina Sonvilla. In ihm spüren sie der Wildnis im Herzen Europas nach.

Im Norden ist Endstation für Christopher McCandless. Der 22-jährige Student aus wohlhabender Familie stirbt in der Wildnis. Dass Sean Penns mit Awards ausgezeichnetes Roadmovie «Into The Wild» aus dem Jahr 2007 ausgerechnet in Alaska spielt, ist kein Wunder. Für viele Menschen ist der US-Bundesstaat der Inbegriff für Wildnis.

Diese Sichtweise zu ändern, haben sich die Fotografen und Filmemacher Marc Graf und Christine Sonvilla auf Österreich zum Ziel gesetzt. Als sie von ihrem Vorhaben erzählten, ein Buch über unberührte Natur zu schreiben, habe man ihnen die ewig gleich Frage gestellt: Ein Werk über den Norden? Doch Wildnis gibt es eben nicht nur dort, sondern auch bei uns – im Herzen Europas.

Die Kraft der Bilder
Selbstredend, dass hier zunächst die Bilder sprechen. Ihre Profession merkt man den Autoren an. Doch auch, was sie zu sagen haben, ist spannend: ein Plädoyer für die Natur und dafür, deren Unversehrtheit zu bewahren. Wenigstens dort, wo es diese noch gibt. Und so beschreiben die beiden, wie sie regelmässig durch Mitteleuropa streifen: «Sogar die richtige Wildnis taucht hie und da noch auf – auch wenn uns klar ist, dass man mit dem Begriff vorsichtig sein muss –, und selbst die grossen Beutegreifer lassen sich im Herzen Europas wieder blicken». 

Danach nehmen sie uns mit auf ihre ausgedehnten Streifzüge, die im Buch in verschiedene thematische Kapitel unterteilt sind. Zuerst gehts in den Wald: Wir treffen dessen wilde Bewohner –  Braunbären, einen Babyfuchs, der an der Fotofalle schnuppert und dabei abgelichtet wird. Wir erfahren, dass ein Forst mit seinen möglichst gleichlangen Baumstämmen nichts mit einem Urwald, einem natürlich gewachsenen Wald, zu tun hat.

Wie ein solch urtümliches Habitat für Pflanzen, Bäume und Tiere aussieht, zeigen die Autoren unter anderem am Beispiel des Wildnisgebiets Dürrenstein im Südtirol. Obwohl sie schon viel gesehen haben, geraten auch sie immer wieder ins Staunen: etwa über die mächtigen Bäume, die da wachsen, die Riesen des Urwalds. Dazu stellen sie fest: «Bäume altern und absterben zu lassen, ist der erste Weg zu einem natürlichen Wald, davon profitieren kleine genauso wie grosse Waldstücke». 

Die Magie des Wassers
Doch Wildnis besteht nicht nur aus Wald. Sie manifestiert sich auch am Wasser, genauer gesagt daran, wie mit ihm umgegangen wird und wie unberührt Flüsse und Seen sind. Nach Begegnungen mit Luchs, Dachs und einem Jäger widmen die Autoren diesen Lebensräumen das nächste Kapitel. Sie entdecken Erdkröten im Paarungsrausch, spüren Alpenkammmolche auf auf und lassen einen Biologen über gefährdete Arten erzählen.

Und immer wieder rufen uns die Autoren in Erinnerung, wie wichtig es ist, die Natur-Flecken im Herzen Europas sich selber zu überlassen. Eine Biberexpertin hält dazu fest: «Würde man den Biber nach seinen Vorstellungen walten lassen, könnten wir uns viel Geld für Renaturierungen sparen». Ihre Worten sind mit eindrücklichen Biber-Aufnahmen und einem Blick in dessen Lebensraum versehen. 

Hoch im Gebirge
Nach dem Blick auf die Gewässer geht es in die Gebirge im Herzen Europas. Auch dort gibt es wilde Stellen. Gleichzeitig stellt sich – einmal mehr – die Frage nach dem Bewahren dieser Landschaften und der Lebewesen, die in ihnen wohnen. Oder, um es mit den Worten Hans Lozzas im Buch zu sagen, dem Kommunikationschefs des Schweizerischen Nationalparks: «Die Menschen akzeptieren Wildnisschutz viel mehr, wenn sie nicht ausgeschlossen werden» (lesen Sie hier unser Porträt von Hans Lozza). Ergänzen sollte man hier noch: «...und wenn sie die Schönheit dieser Landschaften kennen, wie sie auf den Bildern im Buch zu sehen ist». 

Vielen reicht es allerdings nicht, diese nur auf den Fotos zu betrachten. Vielmehr wollen sie die Wildnis selber erleben. Und ablichten. Ebendieser Tourismus bringt die Probleme mit sich, auf welche Autoren in einem weiteren Kapitel eingehen. Denn auf der Jagd nach dem perfekten Bild in möglichst unberührter Natur vergessen viele, auf sie Rücksicht zu nehmen. Trotz allem ist der Tourismus nicht wegzudenken und es gilt, alle Interessen unter einen Hut zu bringen. Gedankenanstösse dazu liefert «Das wilde Herz Europas» unzählige. Neben der Gewissheit, dass es auch auf unserem Kontinent noch faszinierende Landschaften gibt. Und die gilt es zu schützen. 

Das wilde Herz Europas

«Das wilde Herz Europas – die Rückkehr von Luchs, Wolf und Bär»
Marc Graf und Christina Sonvilla
Knesebeck
160 Seiten,
1. Auflage, 2021
ISBN 978-3-95728-369-6
Zirka 40 Franken

Autor

Leo Niessner

Leo Niessner

Leo Niessner ist «Tierwelt»-Online-Redaktor, Social-Media-Manager und News-Feed-Leser. Er berichtet gerne über Flora und Fauna oder über Menschen, die sich um Flora und Fauna verdient machen, und schöpft in den Bergen Energie. Er mag Tiere. Und Musik. Am liebsten solche, in der Tiere vorkommen – zu hören in den Spotify-Listen zu jeder «Tierwelt»-Ausgabe, die er mit der Redaktion Woche für Woche zusammenstellt. Und ja, er spielt auch selber Musik. Sein grösster Traum: eine eigene «Arche Leo», in der alle Tiere dieser Welt Platz haben. Mit einem VIP-Sektor für bedrohte Arten.  

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