Mehr als ein Beissschutz

Hund mit Maulkorb
Maulkorb
Maulkörbe haben einen schlechten Ruf. Dabei ist der Träger nur in den seltensten Fällen wirklich aggressiv. In einigen Kantonen herrscht für gewisse Rassen Maulkorbpflicht, im Ausland teilweise gar für alle Hunde. Und auch als Giftköderschutz eignet sich der Maulkorb.

Die Beweggründe, seinem Hund einen Maulkorb anzuziehen, sind sehr unterschiedlich. So haben etwa Vertreter gewisser Hunderassen – sogenannte «Listenhunde» – in einigen Kantonen gar keine Wahl und dürfen prinzipiell nur mit Maulkorb aus dem Haus. Ähnlich ist es, wenn man mit dem Hund verreisen will. In zahlreichen europäischen Ländern herrscht etwa in den öffentlichen Verkehrsmitteln eine Maulkorbpflicht – und dies teilweise bereits ab einem Körpergewicht des Hundes von sechs Kilogramm. So wird dann selbst der kleine Jack Russell Terrier zum Maulkorbträger.

Die Mehrheit der Hunde, die einen Maulkorb tragen, würde keiner Fliege was antun. Und trotzdem denken viele beim Anblick eines Maulkorbs automatisch, dass der Hund, der ihn trägt, aggressiv ist. Schliesslich, so die landläufige Meinung, soll mit dem Maulkorb verhindert werden, dass der Hund zubeist.

Rebecca Wyrsch macht sich dieses Vorurteil zunutze. In Kantonen, in denen Listen von gefährlichen Rassen geführt werden, muss sie ihren zwei Staffordshire Bullterrier Flo und Charlie einen Maulkorb anziehen. In Schattdorf UR, wo Wyrsch wohnt, besteht diese Pflicht nicht. Und doch zieht sie Charlie auch dort oft den Maulkorb an – freiwillig. «Er ist bei Begegnungen mit fremden und aufdringlichen Hunden jeweils schnell überfordert», erklärt die 24-Jährige. «Wenn aber die Leute sehen, dass er einen Maulkorb trägt, nehmen sie ihre Hunde zu 99 Prozent an die Leine, und das Problem erübrigt sich.» 

Hecheln muss stets möglich sein
Daneben kommt der Maulkorb auch bei verfressenen Hunden zum Einsatz, um zu verhindern, dass sie etwas Giftiges aufnehmen oder sich über jeden Kothaufen hermachen. Dazu gibt es eigens dafür entwickelte Giftköder-Maulkörbe mit Netzen. Die können auch verwendet werden, um den Hund davon abzuhalten, an einer Wunde zu lecken. 

Vielfältig sind auch die verschiedenen Arten und Modelle von Maulkörben auf dem Markt. Eine, die sich damit auskennt, ist Lina Annen aus Leissigen BE. Die 38-Jährige hat als Hundetrainerin und -halterin schon lange mit Maulkörben zu tun. Vor einem Jahr übernahm sie den Online-Maulkorbshop mit einem Angebot von mehr als hundert Modellen. Seither berät sie zahlreiche Hundehalter bei der Wahl des richtigen Maulkorbs. 

In erster Linie sollen Maulkörbe zweckmäs­sig sein, sagt sie. «Ein verträglicher Hund, der den Maulkorb nur im Ausland im ÖV braucht, benötigt nur ein leichtes Modell, das vor und nach der Fahrt auch gut im Rucksack verstaut werden kann. Bei einem Hund, der den Maulkorb zum Schutz anderer Lebewesen trägt oder tragen muss, wären ähnliche Überlegungen fehl am Platz», erklärt Annen.

Die meisten Maulkörbe sind sogenannte Gittermaulkörbe. Andere Modelle, etwa aus Leder, sind geschlossener und lassen lediglich seitlich ein paar Löcher zur Luftzirkulation. Daneben gibt es auch Varianten, die sich nicht oder höchstens für kurze Einsätze eignen. So etwa Maulkörbe aus Nylon, welche die ganze Schnauze umfassen – auch unter dem Begriff «Muzzle» bekannt. Mit diesen ist es für den Hund nicht möglich, ausreichend zu hecheln und Wasser aufzunehmen. Sie dürfen deshalb nur kurz angezogen werden, etwa in der Tierarztpraxis für einen Untersuch; jeder Gebrauch darüber hinaus ist tierschutzwidrig.

Aus diesem Grund sind «Muzzles» gemäss Merkblatt des Veterinäramts im Kanton Zürich zur Erfüllung der Maulkorbpflicht nicht erlaubt. Ähnlich verhält es sich mit Nasenbändern, auch Maulschlaufen genannt. «Die verhindern ein Beissen durch Zubinden der Schnauze», erklärt Annen. Hunde brauchen aber die Möglichkeit, mit geöffnetem Maul zu hecheln, um ihre Körpertemperatur zu regulieren oder Stress abzubauen. «Es gibt deshalb meiner Ansicht nach keinen sinnvollen Einsatz für Maulschlaufen.» 

Kurznasen habens schwerer
Auch in den Materialien unterscheiden sich die verschiedenen Maulkörbe. Die Wahl des richtigen Materials hänge dabei vom Gebrauch und dem Hund ab, erklärt Annen. «Muss der Maulkorb unbedingt beissfest sein, eignen sich einzig Modelle aus Metall. Solche aus Plastik, Leder, Biothane oder Silikon bieten gerade bei grösseren Hunden keinen zuverlässigen Bissschutz.» Dafür sind Metallmaulkörbe schwerer als die meisten anderen Materialien, lassen sich aber durch Zurechtbiegen individueller anpassen. 

Wichtiger als das Modell oder das Material eines Maulkorbs ist, dass er gut sitzt. «Wie wir Menschen bei einer Brille darauf achten, dass sie nicht scheuert, drückt oder zu eng sitzt, muss man auch beim Maulkorb für den Hund auf eine optimale Passform achten», sagt Annen. Dazu gehört, auf eine freie Sicht zu achten, und darauf, dass der Maulkorb nicht zu eng an den Wangen und am Hals sitzt und genug Platz zum Hecheln lässt. Auf dem Nasenspiegel des Hundes sollte nichts aufliegen oder vorne anstossen. 

Besonders schwierig gestaltet sich die Suche nach einem Maulkorb für kurznasige Hunde. Zwar gibt es Modelle mit einem zusätzlichen Stirnriemen, der verhindern soll, dass der Maulkorb runterrutscht. Wenn es um die Beissprävention geht und ein guter Halt des Korbes essenziell ist, müsste man bei kurznasigen Hunden auf Maulkörbe zurückgreifen, die den ganzen Kopf umfassen. «Diese Kopfmaulkörbe gewähren dem Hund durch die Streben im Blickfeld aber keine freie Sicht», sagt Annen. Für Kurznasen, die den Maulkorb nur einmal in den Ferien brauchen, weil er vorgeschrieben ist, würde sie auf ein Modell zurückgreifen, das zwar nicht die perfekte Länge hat, dem Hund aber freie Sicht gewährt. Kopfmaulkörbe aus Netzen, die einer Degenfechtermaske ähneln, würde sie nicht empfehlen. «Das Material scheuert an der Nase und der Lefze. Und Mimik und Augenausdruck sind nur noch zu erahnen.» 

Gute Passform ist entscheidend
Dass ein Maulkorb «von der Stange» auf Anhieb passt, ist auch bei Langschnauzen eher die Ausnahme als die Regel. Zu empfehlen ist deshalb, ein auf die individuellen Masse des Hundes angepasstes Modell zu suchen. Dass das nicht so einfach ist, musste Rebecca Wyrsch mit ihren beiden Hunden erfahren. Sie hat sich im Internet und in Facebook-Gruppen schlaugemacht und ist so auf Annens Maulkorb-Shop gestossen. Dort erhielt sie zuerst ein Probepaket verschiedener Maulkörbe, die auf die Masse ihrer Hunde passen, zum Testen zugeschickt und entschied sich für ein Modell. Eine gute Passform war für sie das A und O. «Ich finde es immer schrecklich, wenn ich Hunde sehe, die mit viel zu kleinen Maulkörben rumlaufen, weil sich ihre Besitzer nicht richtig informieren.» 

Viele Hundehalter seien sehr unsicher, wie ein Maulkorb richtig proportioniert sein sollte, stellt auch Lina Annen fest. Sie wünscht sich mehr Sensibilität für das Thema. «Es wäre  toll, wenn der Maulkorb jedem Hundehalter vertraut wäre», sagt sie. «Ist ein Hund nämlich daran gewöhnt, trägt er einen gut sitzenden Maulkorb so selbstvertändlich wie ein Halsband oder Geschirr.» Das bestätigt auch Rebecca Wyrsch. Sie hat sich für Hündin Flo ebenfalls einen Maulkorb zugelegt. Auch wenn sie ihn im Alltag seltener trägt als Charlie, so sei es doch wichtig, dass auch Flo ihn kenne, findet sie. «Damit es dann, wenn sie ihn tragen muss, wie etwa in anderen Kantonen oder im Zug im Ausland, selbstverständlich ist.» 

Autor

Carmen Epp

Carmen Epp

Kurz nach ihrem ersten Einsatz für die «Tierwelt» 2014 hat sich Redaktorin Carmen Epp – fürs Hunde-Ressort zuständig – einen Traum erfüllt und sich einen Hund zugelegt – auf Spesen, wie man munkelt. Nach einem kurzen Abstecher in ihre Heimat, den Kanton Uri, kehrte sie zur «Tierwelt» und ins Hunde-Ressort zurück. Daneben betreut sie die Ressorts «Natur und Umwelt» sowie die Leserkolumnen, während Boston Terrier Chippy unter dem Tisch schnarchend sein Redaktionshundedasein geniesst – und so manchen Input fürs Hunde-Ressort liefert.

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