Sein Wille geschehe

Hund zerrt an Leine
Mitbestimmungsrecht
In fast allem werden Hunde von Herrchen und Frauchen kontrolliert. Das wirkt sich mitunter negativ auf ihr Verhalten aus. Eine Hundetrainerin plädiert deshalb für mehr Willensfreiheit für Hunde.

Wer den Film-Klassiker «Sissi» kennt, wird sich erinnern: Um die vielen Zwänge ertragen zu können, wünschte sich die Kaiserin nichts sehnlicher, als eine Stunde am Tag allein sein zu dürfen. Unseren Hunden ergehe es nicht anders, sagt die Hundetrainerin Renate Hohmann aus dem zürcherischen Gündisau. «Durch ihr Zusammenleben mit uns sind sie nicht nur von uns abhängig. Die dauernde Kontrolle intensiviert diese Abhängigkeit zusätzlich.»

Laut Hohmann hat dies Konsequenzen. «Zu viel Abhängigkeit ist frustrierend, demotiviert und macht hilflos. Der Hund lernt nicht, in schwierigen Situationen eigene gute Lösungen zu finden.» Ständig alles vorgeschrieben zu bekommen, stresse. Das wiederum mache Hunde anfälliger für Verhaltensauffälligkeiten und gesundheitliche Probleme.

Dabei geht es Haltern doch meist darum, eine gute Beziehung zu ihrem Hund aufzubauen. Wie kann das so schiefgehen? «Die Kontrolle geschieht meist unterschwellig», sagt Hohmann. «Es sind unsere Tagesstruktur, unser Terminplan, unser Denken und unser Handeln, welche unseren Tag, aber auch den unserer Hunde gestalten. Wir bestimmen häufig, was, wann und wie gemacht wird.» Mitspracherecht haben die Hunde dabei meist keines. Sie müssen sich an die von Menschen geprägte und dominierte Welt anpassen.

«Zu viel Abhängigkeit ist frustrierend, demotiviert und macht hilflos. Der Hund lernt nicht, in schwierigen Situationen eigene gute Lösungen zu finden.»
Renate Hohmann
Hundetrainerin

Die Liste der Beispiele ist lang. So bestimmen Herrchen und Frauchen, wann und wo Hunde ihr Geschäft zu entrichten haben. «Wir entscheiden auch, wann, wo und wie der Hund sein Futter bekommt, ob im Napf, als Trocken- oder Nassfutter, versteckt oder aus dem Futterbeutel. Und wir bestimmen, wie der Hund eine gestellte Aufgabe lösen soll, wie er schlafen soll, wie er sich zu entspannen hat», sagt Hohmann. Selbst bei «seiner Zeit», den täglichen Gassirunden, geht es in einem von Herrchen oder Frauchen geplanten Zeitraum von A nach B. Spielen darf der Hund ausserdem nur dann und mit Artgenossen, falls es dem menschlichen Zeitplan und Einverständnis entspricht. Ebenso entscheiden wir über Form und Material des Spielzeuges, und wir schimpfen den Hund aus, wenn er einen Hausschuh oder leeren Blumentopf interessanter findet.

Darf ihr Hund bei Ihnen auch mitbestimmen?

83%
Ja klar – ich merke, so ist er zufriedener.
3%
Ich würde ihn gerne mitbestimmen lassen. Aber in meinem Leben mit seinen geregelten Abläufen bleibt dafür fast kein Platz.
14%
Nein, das ist doch Unsinn. Hunde sind am glücklichsten, wenn der Mensch ihnen klare Anweisungen und Strukturen gibt.
36 Stimmen abgegeben

Freier Wille will erlernt sein
«Auf den ersten Blick scheint die menschliche Alleinbestimmung das Zusammenleben einfacher zu gestalten», sagt die Hundeexpertin. «Doch dem ist nicht so. Je stärker die Kontrolle ist, desto grösser wird nämlich die Tendenz, dass der Hund Fehler macht.» Das Zusammenleben kann zu einem täglichen Kampf ausarten – mit noch mehr Kontrolle, bis die Situation eskaliert. «Ein Freidenker hingegen kann Schwierigkeiten viel besser lösen und verarbeiten.»

In ihrer von Christiane Rohns «DogSense»-Philosophie geprägten Hundeschule geht es für Hohmann viel um Entscheidungsfreiheit und Selbstbestimmung. Die Trainerin plädiert dafür, dem Hund bestmöglichen Spielraum zu lassen. «Er sollte Wahlmöglichkeiten haben, um dann bewusst eine Entscheidung treffen zu können oder treffen zu dürfen.» Mit dem «wie» sollte dabei besonders bewusst und achtsam umgegangen werden. «Denn gerade, wie man etwas mit dem Hund macht, liefert viele gute Möglichkeiten, dem Vierbeiner Freiraum zu geben, ihn Ideen entwickeln, ausprobieren, entscheiden und selbst Lösungswege finden zu lassen.» Indem er auch mal über das für ihn spannende «Wie, Was und Wann» bestimmen dürfe, werde er langfristig zu einem geübten Freidenker.

Konkret heisst das: Der Hund darf seinen Menschen mal zum Spiel auffordern oder das Spiel bestimmen. Fressen darf er so, wie es ihm am meisten Freude bereitet. Auf der Gassirunde darf er ab und an wählen, wo es langgeht und wie viel geschnüffelt wird. Je nach Hund, Lebensumständen, Interessen und Umgebung bieten sich Hundebesitzern unterschiedliche Möglichkeiten, wie sie den freien Willen ihrer Vierbeiner am besten fördern können. Nur überfordern dürfe man den Hund nicht, warnt Hohmann. «Wir dürfen keine Selbständigkeit und Entscheidungen vom Hund erwarten, die er nicht erfüllen kann und mit denen er sich verloren fühlt, weil er die Situation vielleicht noch nicht kennt oder sich nicht getraut.» In einem solchen Fall sei es erforderlich, dem Hund mit dem nötigen Feingefühl zu helfen. Den Weg in den freien Willen beschreibt Hohmann daher als «ein gemeinsames Hineinwachsen in die zunehmende Entscheidungsfreiheit».

«Der Hund tut nichts gegen seinen Halter, er tut einfach nur etwas für sich.»
Renate Hohmann
Hundetrainerin

Keine Angst vor Divas
Besorgte Hundehalter beruhigt Hohmann. Selbst bei grosszügiger Entscheidungsfreiheit wird einem der Vierbeiner nicht auf der Nase herumtanzen. «Wir lassen ihn doch nicht divamässig alles bestimmen und sich über die Regeln unseres Zusammenlebens hinwegsetzen. Der Hund tut nichts gegen seinen Halter, er tut einfach nur etwas für sich.» In so mancher Situation könne allerdings der Instinkt als unbewusster Reflex eine Entscheidung hinfällig machen. Sieht der Hund beispielsweise während des Schnüffelns oder Fressens eine Katze, werden insbesondere jagdlich ambitionierte Hunde der Samtpfote hinterherjagen. «Der Instinkt als unbewusster Reflex kommt immer zuerst. Wir können nur daran arbeiten, dass das Bewusstsein schneller als Bremse fungiert.» Hohmann ist überzeugt, dass sich zunehmende Willensfreiheit langfristig als eine solche Art von Bremse auf das Instinktverhalten auswirkt.

Den Hund einiges selbst entscheiden zu lassen, ist laut Hohmann für den Hund mehr als nur ein Stück Selbstbestimmung. «Es bedeutet, dass seine Bedürfnisse ernst genommen werden und ihm seine Würde gelassen wird.» Mit der Zeit wird der Hund lernen, mit seiner Freiheit umzugehen. Hohmann ist sich sicher: Dadurch, dass er Ideen haben und diese selbst ausprobieren darf, Entscheidungen treffen und durch diese lernen kann, wird er sicherer und kooperativer, sein Vertrauen in sich und seinen Halter wächst. «Dadurch wiederum wird die Verbundenheit in der Mensch-Hund-Beziehung grösser und der Hund wird zu einem viel verlässlicheren Partner an unserer Seite.» Einem, der auch mal «Nein» sagen darf.

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