Katzen verkleiden sich nicht gerne

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Tierwelt 44/2013
Die Natur hat Katzen mit einer perfekt sitzenden, allzweckmässigen Kleidung namens Fell ausgestattet. Das hindert die Menschen aber nicht, ihren Samtpfoten zusätzlich unnötigen Firlefanz anzuziehen. Ein Selbstversuch.

Wohlverstanden: Wir sprechen hier nicht von medizinischen Halskrausen oder Verbänden bei körperlichen Gebrechen. Was einen ratlos die Stirn runzeln lässt, sind Hunderte von Websites im Internet, die Katzenkleider feilbieten: Froschkostüme, Miniröcke, Tütüs, Bomberjacken, Sweatshirts, Stiefelchen, Kappen und – Gipfel der Schizophrenie: Hundeanzüge für Katzen, wau. Es gibt übrigens auch Nagellack für den distinguierten Vierbeiner. Das ist kein Witz. Das ist bittere Realität.

Die Nachfrage bestimmt bekanntlich das Angebot. Der Wunsch der Katzenhalter, ihre Samtpfoten zum Laufstegmodel umzufunktionieren scheint gross. Manche mögen den Kopf schütteln ob solchen Ambitionen zulasten der Tiere – oder ist es vielleicht gar nicht so schlimm für die Vierbeiner, haben sie etwa sogar Spass daran?

Um nicht einfach ins allgemeine Kopfschütteln einzustimmen, habe ich mir die Mühe gemacht, meinen Kater einer Ankleide-Session auszusetzen: T-Shirt, Stiefel, Hut, Halstuch, Jacke. Alles musste er anprobieren. Überwältigt von der unerwarteten Attacke hielt er erst einmal still. Kaum war das T-Shirt am Leib, verkroch er sich jämmerlich mauzend unter die Küchenkombination. Erbarmungslos holte ich ihn wieder hervor, um ihm Jacke, Mütze, Schal und Stiefel überzuziehen. Demütig legte er sich auf die Seite, um mich davon abzuhalten, ihm weiter zu Leibe zu rücken. Wegrennen wollte oder konnte er nicht, regungs- und fassungslos blieb er liegen. Ich vermute, die Stiefel hinderten ihn daran, sich fortzubewegen.

Die Ankleide-Session nahm kein gutes Ende
Meine nächste Annäherung war in seinem Sinne gedacht, wollte ich ihn doch von Zwangsjacke, -Stiefeln, -Mütze und -T-Shirt befreien. Doch nun ging es mit dem Kater durch. Im Glauben, ich wolle ihm noch weitere Klamotten überstreifen, schnappte er nach meiner Hand und liess seine Krallen durch die Luft sausen. Mit einiger Mühe befreite ich ihn schliesslich doch von der Bekleidung – und er ward lange nicht mehr gesehen. Meine ich das nur oder wirken die vielen verkleideten Katzen im Internet ebenso verstört wie mein «Testobjekt»?

Meine weiteren Nachforschungen ergaben: In der Schweiz sind Katzenkleider – im Gegensatz zu Kleidungsstücken – schwer zu finden. Angela Burbato von Dogstore.ch erklärt: «Katzenkleider sind hierzulande nicht gerade beliebt.» Sie hat erst kürzlich einige wenige Oberbekleidungen für Katzen ins Sortiment genommen. «Diese Produkte sind kaum gefragt. Katzenhalter interessieren sich für Gstältli oder Halsbänder mit Glöggli dran.» Die Katzenpullis, die sie bisher verkauft hat, lassen sich an einer Hand abzählen. «Die Kunden kauften sie aber nicht aus Jux, sondern aus medizinischen Gründen.» Will heissen, die eine Katze hatte Probleme mit dem Haarwuchs an einer bestimmten Stelle und die Besitzerin wollte sie mit dem Überzieher vor Kälte bewahren. Auch die anderen Besteller gaben an, ihre Katze wegen kahlen Stellen im Fell vor Wind und Wetter schützen zu wollen. Inzwischen hat Burbato das Experiment Katzenkleider mangels Interesse eingestellt.

Kleidung kann schützen, aber ebenso zur Gefahr werden
Anders sieht das Interesse an Katzenkleidern in Asien, speziell in China aus. Puppen gleich präsentieren chinesische Mädchen ihre verkleideten Haustiere stolz auf verschiedenen Plattformen im Internet. Interessanterweise stammen die Katzenkleider, die im Internet bestellt werden können, praktisch ausschliesslich von chinesischen Herstellern.

Für die Veterinärmedizinerin Ana Rostaher vom Tierspital Zürich gibt es nur zwei Gründe, einer Katze Kleidung anzuziehen: «Bei Nacktkatzen ergibt es Sinn, sie mittels Kleidung vor Sonneneinstrahlung zu schützen. Und wenn ein Juckreiz mit Medikamenten nicht gestillt werden kann, sollte man die Stelle bedecken, um die Katze zu hindern, daranzukommen und sich aufzukratzen.»

Rostahers Kollegin Ursula Käppeli steht Katzenkleidung ebenso kritisch gegenüber. «Der einzige Grund, den ich mir für Katzenkleider vorstellen kann, ist der Katze nach einer ­Bauchoperation einen Body anzuziehen oder wenn sie wegen einer Stoffwechselkrankheit kahl ist und tatsächlich im Winter friert.» Allerdings sei es fraglich, ob der Nutzen die Gefahren überwiegt. «Ich hätte grösste Bedenken, dass die Katze mit den Kleidern irgendwo hängen bleibt und sich dann nicht mehr befreien kann –  oder sich im schlimmsten Fall sogar selber erdrosselt.»

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