Blickwinkel
Was Bäume längst können und Menschen nie lernen werden
Bäume wirken still und unbeweglich, doch sie zeigen uns täglich, wie nachhaltiges Leben, echte Kooperation und Überleben ohne Zerstörung wirklich funktionieren.
Bäume stehen da. Still, majestätisch, scheinbar unbewegt. Und doch sind sie Meisterleistungen der Evolution, Fähigkeitenbündel, die wir Menschen trotz all unserer Technologie nicht annähernd beherrschen. Während wir stolz auf unsere «Intelligenz» und unsere «Kontrolle über die Natur» verweisen, offenbart ein Blick auf den Wald eine unbequeme Wahrheit: Wir sind die Lernenden, nicht die Lehrmeister.
Ein Baum produziert seinen eigenen Sauerstoff, filtert Schadstoffe aus der Luft und speichert tonnenweise CO2, ohne eine Fabrik, einen Algorithmus oder Subventionen zu benötigen. Er pumpt Wasser aus der Erde, verteilt es über ein fein verzweigtes Wurzelnetz und teilt es sogar mit Nachbarpflanzen – kostenlos, ohne Verträge, ohne Lobbyarbeit. Wir Menschen brauchen Entsalzungsanlagen, Milliardeninvestitionen und geopolitische Abkommen, nur um einen Bruchteil dessen zu erreichen.
Bäume kommunizieren chemisch und über Pilznetzwerke, warnen sich vor Fressfeinden, stärken schwache Nachbarn. Wir hingegen haben es trotz Social Media nicht geschafft, eine Kommunikation zu entwickeln, die nicht Hass, Lärm und Missverständnisse hervorbringt. Der Wald zeigt Kooperation, während der Mensch Konkurrenz predigt.
Ein Baum baut sich selbst. Aus Sonnenlicht, Wasser, Erde und Luft entsteht ein lebendes Wesen, das Jahrhunderte überdauert, ohne Abfall, ohne Gift, ohne Umweltzerstörung. Wir bauen Häuser, Städte, Megastrukturen – und hinterlassen Müllberge, Betonwüsten und Mikroplastik in jedem Winkel des Planeten. Wenn unsere Gebäude nach hundert Jahren einstürzen, werden sie zur Last. Ein Baum, der fällt, wird Nahrung, Humus, Grundlage für neues Leben.
Das eigentlich Bittere: Wir wissen um diese Fähigkeiten. Wir haben die Wissenschaft, die uns erklärt, wie perfekt Bäume funktionieren, wie essenziell sie für unser Überleben sind. Und doch schlagen wir sie nieder, ersetzen Wälder durch Parkplätze und Monokulturen, als wären sie Rohstofflieferanten mit Ablaufdatum. Wir sägen an dem Ast, auf dem wir sitzen – im wörtlichsten Sinn.
Vielleicht sollten wir aufhören, uns als «Krone der Schöpfung» zu betrachten. In Wahrheit ist der Baum die Krone – buchstäblich und sinnbildlich. Wir dagegen stolpern durch unsere eigene Hybris, unfähig, die einfachsten Lektionen der Natur zu begreifen: leben ohne zu zerstören, teilen ohne zu besitzen, geben ohne zu nehmen. Solange wir nicht lernen, was ein Baum längst beherrscht, sind wir die eigentliche primitive Spezies auf diesem Planeten. Und es wird der Baum sein, der uns überlebt – nicht umgekehrt.
Zur PersonYvonne Beck liebt den Geruch von Moos nach Regen und findet, dass man von Bäumen mehr lernen kann als aus manchem Selbsthilfebuch.
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