ABO

Wie Tiere Produkte und unser Verhalten beeinflussen

Früher waren es der Dackel oder die Diddl-Maus, seit einiger Zeit stehen Flamingo und Einhorn im Rampenlicht. Dass Tiere zum Trend werden, ist nichts Neues, das Phänomen dahinter dafür um so spannender.

Es ist niedlich, hat eine farbenfrohe Mähne und pupst ebenso bunte Zuckerwatte: Das Einhorn regiert seit Jahren die Regale und Schaufenster unserer Läden. Das mystische Pferd wurde vor Jahren zum Kult und hält sich seither hartnäckig an der Spitze der sogenannten Trendtiere. Trendtiere sind animalische Wesen, die urplötzlich in der Modewelt oder im breiten Konsum auftauchen, etliche Produkte zieren und bei uns Menschen einen bleibenden Eindruck hinterlassen. Neben dem Einhorn gab es da in den letzten Jahren etwa den Flamingo, der 2018 den Sommer dominierte. Oder das gemächliche Faultier, das eine Zeit lang auf Bettwäsche, Bleistiften oder auch Bügelbrettern herumlungerte. Oder aber das Lamas, das vor allem durch sein flauschiges Fell bestach.

Trendtiere sind ein Phänomen: Wagt ein neues Tier seinen Vormarsch, kann es gut sein, dass das Wesen bald in allen Supermärkten und Kleiderläden zu sehen ist. Dass Einhörner, Flamingos und Co. «en vogue» sind, sei kein Zufall, weiss Alexandra Viert. Ursprünglich in der Werbung tätig beschäftigt sich die 36-Jährige heute tagtäglich mit Trends – oder «Veränderungsbewegungen», wie sie als Expertin diese nennt. Die selbstständige Trendforscherin berät Unternehmen und unterrichtet als Gastdozentin an der Fachhochschule Nordwestschweiz, wo sie den Industrie-Design-Studierenden ihr Wissen vermittelt. Nicht nur hinter Trendtieren, sondern hinter Trends im Allgemeinen stecke eine komplette Industrie, sagt Viert: «Trends beeinflussen viele Branchen, von der Lebensmittel- bis hin zur Modeindustrie. Entsprechend gross ist das Bedürfnis von Unternehmen, Zukünfte zu antizipieren.» Genau beziffern lasse sich der Markt zwar nicht, aber im Ausland sei Trendforschung eine eigenständige, ernstzunehmende Branche.

Aufblasbare Badetiere sind besonders im Sommer ein Verkaufsschlager.
Aufblasbare Badetiere sind besonders im Sommer ein Verkaufsschlager.

Schmetterling und Tiger

Egal, ob es um Mode, Hobbys oder eben Tiere geht: Was zum Trend werden will, müsse den aktuellen Zeitgeist treffen. «Ein Bedürfnis oder eine Sehnsucht muss befriedigt werden», erklärt Viert am Beispiel der Tiere. Das Einhorn etwa entspringe dem Wunsch nach mehr Fantasie und mehr Verspieltheit in unserer geordneten, durchgetakteten Welt. Und der Flamingo wiederum stand ganz klar für den Sommer, für das Verlangen nach Wärme, Freizeit und Ungezwungenheit. Was zudem auffällt: In der Vergangenheit waren die richtig grossen Trendtiere allesamt süss und verspielt. «Das muss aber keinesfalls die Regel sein», meint Viert. Man könne nicht ausschliessen, dass künftig der Regenwurm viele neue Produkte ziert. «Auch ungewöhnliche Tiere oder Produkte können den Zeitgeist treffen. Sehnt sich die Gesellschaft künftig nach Bodenständigkeit und Authentizität, dann hat der Regenwurm vielleicht eine Chance.»

Beeinflusst und beschleunigt werden Trends von sogenannten Treibern. Ein solcher sei in den letzten Jahren etwa die Pandemie gewesen, sagt Alexandra Viert: «Corona hat die Gesellschaft in all ihren Dimensionen radikal verändert und tangiert den Konsum und schliesslich auch die Mode.» Aktuell bahne sich der Schmetterling als Trendtier 2022 an: Auf den Laufstegen der grossen Modemarken habe man diesen Frühling Kleidung gesehen, die vom schmucken Insekt inspiriert wurde. «Der Schmetterling steht für Transformation und Verwandlungslust – er ist ein Sinnbild für die Coronakrise», so die Expertin. Wie in einem Kokon lebten wir sehr zurückgezogen. Und nun, da das Virus immer mehr in den Hintergrund rückt, wollen wir ausbrechen und unsere neu gewonnene Freiheit sowie das Schöne am Leben geniessen. Ähnlich verhalte es sich mit dem Tiger, dem zweiten Trendtier, dass Viert diesen Sommer im Kommen vermutet. Er steht für Stärke und Widerstandskraft. Gleichzeitig sei 2022 im chinesischen Horoskop das Jahr von Wasser und Tiger, «und der asiatische Markt ist mit seiner wachsenden Kaufkraft nicht zu vernachlässigen.»

Ab wann ist es ein Trend?

Der Begriff «Trendtiere» ist in der Forschung nicht etabliert. Literatur dazu gibt es kaum und weder in ihrem eigenen Studium noch als Dozentin hat sich Alexandra Viert je mit Einhorn und Co. beschäftigt. Dennoch könne man eindeutig von einer Veränderungsbewegung sprechen, so die Expertin. Es gelte die sogenannte «Three Times Rule»: «Manifestiert sich ein Tier in drei ganz unterschiedlichen Branchen, kann man vermuten, dass es sich zum Trendtier mausert.» Taucht der Schmetterling also etwa in der Modeindustrie, im Dekorationsbereich sowie beim Kinderspielzeug auf, hat er die Bezeichnung eindeutig verdient.

Bienen und Vögel

Trends beeinflussen nicht nur die Produkte, die wir kaufen, sondern auch unser Verhalten. Das zeigt ein weiterer Treiber: die Nachhaltigkeit. Sie stellt besonders jene Tiere in den Fokus, die für eine gesunde Natur stehen, etwa die Biene. Dass der kleine Summer an Beliebtheit gewonnen hat, zeigt sich in Alexandra Vierts Nachbarschaft. «Seit einigen Jahren hängen bei uns immer mehr Insekten- und Bienenhotels an denHäuserfassaden», sagt sie begeistert. Auch unsere Freizeitgestaltung unterliegt dem Wandel hin zur Nachhaltigkeit. Vor einigen Jahren kam das sogenannte «Birdwatching» auf, das Vögelbeobachten – «und zwar nicht nur bei älteren Generationen, sondern vor allem bei jungen Menschen aus dem urbanen Raum, die sich danach sehnen, mit der Natur verbunden zu sein.»

Und dann gäbe es da noch die Digitalisierung, den wohl wichtigsten Treiber unserer heutigen Gesellschaft. Die globale Vernetzung hat in der Vergangenheit schon vielen Tieren und Wesen zum Aufstieg geholfen. Die Netzkultur, allen voran «Memes» (lustige, sich wiederholende Bilder und Inhalte), stellt quasi eine Gegenbewegung zum Laufsteg dar: Während manche Trends in der Modewelt entstehen und dann langsam auf alle anderen Branchen überschwappen, gehe es auch umgekehrt. Nicht alle Trendtiere wurden von Designern in den Fokus gestellt. Einige entspringen auch der breiten Bevölkerung, «der Strasse», wie es Viert nennt, und kämpfen sich nach oben. So vielleicht auch das Einhorn, samt gepupster Zuckerwatte.

Weiterlesen