Als Norbert Wyssen das Telefon klingeln hört, ahnt er bereits, dass ihn ein neuer Einsatz erwartet. Der Falkner aus dem Kanton Aargau ist bekannt dafür, verletzte oder kranke Greifvögel und Eulen zu versorgen. Der Anrufer klingt aufgeregt: Er hat eine grosse Eule gefunden. «Am Ende ist es ein Uhu», denkt sich Wyssen mit einem Schmunzeln, denn diese Vögel sind in der Schweiz nach wie vor sehr selten. Die Vogelwarte schätzt, dass hierzulande nur etwa 100 Brutpaare leben, hauptsächlich in den grossen Alpentälern, im Jura und vereinzelt im Mittelland. Der Uhu ist daher streng geschützt und gilt als stark gefährdet.

Noch schlechter stand es um den Uhu vor einigen Jahrzehnten, als er in der Schweiz praktisch ausgestorben war. Durch direkte Bejagung und Lebensraumverlust schrumpfte der Bestand auf einige wenige Tiere. Nach dem Schutzstatus erholte er sich langsam, unterstützt durch Wiederansiedlungsprogramme. In Deutschland wurden zwischen 1974 und 1994 fast 3000 Uhus ausgewildert, was auch die Population in der Schweiz beeinflusste. Ab 1972 wurden Uhus in den Kantonen Jura, Zürich und Schaffhausen freigelassen. Dank dieser Bemühungen breiten sich Uhus langsam wieder aus, unterstützt durch Einwanderung aus Deutschland und Frankreich. 1960 gab es in der Schweiz somit 30 bis 50 Brutpaare, 1980 waren es bereits rund 60.

Vom Jäger zum Opfer

Als Norbert Wyssen beim Anrufer ankommt, hält dieser eine grosse Kartonkiste bereit. Zur Überraschung des Falkners enthält sie tatsächlich ein ausgewachsenes Uhuweibchen. Mit einer Körperlänge von bis zu 75 Zentimetern und einem Gewicht von zwei bis drei Kilogramm gehört der Uhu zu den grössten Eulenarten weltweit. Mit seinen markanten Federohren ist der Uhu unverwechselbar. Diese Ohren haben jedoch nichts mit dem eigentlichen Gehör zu tun, sondern dienen vermutlich der Kommunikation mit Artgenossen. Sein Gesichtsschleier könnte helfen, den Schall besser zu den Ohren zu leiten. Der Uhu ist ein effizienter Jäger, der sich sowohl auf seine scharfen Augen, als auch auf sein feines Gehör verlässt.

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Uhus jagen bevorzugt in der Dämmerung und nutzen ihre scharfen Krallen, um kleine Säugetiere und Vögel zu greifen. Sie sind in der Lage, selbst junge Füchse oder geschwächte Rehkitze zu schlagen. Obwohl er hauptsächlich im Flug jagt, ist er auch am Boden ein geschickter Jäger und kann eine flüchtende Maus laufend einholen. Dennoch ist der Uhu ein typischer Ansitzjäger, der von einer Warte aus auf Beute lauert. Als lautlose Jäger können sie sich dank spezieller Federstruktur nahezu geräuschlos durch die Luft bewegen. Uhus töten ihre Beute mit einem gezielten Biss, während sie sie mit ihren kräftigen Krallen festhalten. Kleine Beutetiere werden im Ganzen verschluckt, wobei unverdauliche Bestandteile wie Haare, Knochen und Federn als Gewölle wieder ausgewürgt werden. Grössere Beutetiere, insbesondere Vögel, werden gerupft und der Kopf abgetrennt. Da Uhus auch grösseren Vögeln wie Krähen und Greif-vögeln gefährlich werden können, reagieren diese ausgesprochen aggressiv auf die grosse Eule. Entdecken sie einen ruhenden Uhu in seinem Tagesversteck, kommt es häufig zu Scheinangriffen. Der Mensch nutzte dieses Verhalten früher gezielt aus, etwa bei sogenannten Hüttenjagden. Dabei wurden Uhus auf einem Baumstumpf vor einem Versteck angebunden, um Krähen und Greifvögel anzulocken, welche dann vom Jäger einfacher geschossen werden konnten. Lebende Uhus und ausgehorstete Jungtiere erzielten so oft hohe Preise. Die Entnahme der Jungvögel aus den Horsten brachte den Bestand der grossen Eule in der Schweiz an den Rand des Aussterbens. Zudem galt der Uhu lange als «Jagdschädling» und wurde von Jägern als Konkurrent bei der Jagd auf Hasen, Fasane, Füchse und Rehe verfolgt. Erst seit 1927 steht der Uhu unter Schutz.

Verschiedene Schutzmassnahmen

Das gefundene Uhuweibchen hat es schwer erwischt: Sein Flügel ist gebrochen, und ein Bluterguss bedeckt das linke Auge. Norbert Wyssen erfährt, dass es direkt neben einer Hauptstrasse gefunden wurde. Tatsächlich gehören Kollisionen mit Autos, Lastwagen und Zügen zu den häufigsten Todesursachen der grossen Eule. Eine Studie aus dem Jahr 2005 zeigte jedoch, dass33 Prozent der tot aufgefundenen Uhus durch Stromschläge starben, während 15 Prozent mit Kabeln oder Drähten kollidierten. Im Jahr 2020 sorgte ein toter Uhu im Schweizerischen Nationalpark für Aufsehen: In seinem Fettgewebe fanden Forscher das Tausendfache der üblichen Menge an PCB, das aus einer alten Staumauer in die Umwelt gelangte. Inzwischen wurde beschlossen, die betroffenen Gewässer zu sanieren, um weitere Fälle zu verhindern.

Der Uhu gehört in der Schweiz zu jenen Arten, für die gezielte Förderprogramme entwickelt wurden. Priorität hat dabei, nebst der ökologischen Aufwertung der Kulturlandschaft und der damit einhergehenden Verbesserung des Nahrungsangebots, die Entschärfung der tödlichen Gefahren. Nebst der Sanierung von Mittelspannungsmasten mit entsprechenden Isolatoren in Uhu-Revieren stehen Bestrebungen im Raum, den Einsatz von für Eulen nachweislich schädlichen Pestiziden zu limitieren. Dank dieser und weiterer Schutzmassnahmen konnte der Uhu-Bestand stabilisiert werden. In manchen Regionen, wie im Jura und dem Mittelland, steigt der Bestand sogar an. Ein besonderes Highlight: Im Oktober 2024 wurde erstmals ein brütendes Uhupaar in der Stadt Zürich nachgewiesen. Dies zeigt, dass die Schutzbemühungen erste Erfolge bringen und der grösste nachtaktive Jäger der Schweiz eine Zukunft hat.